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Der tiefe Fall des heiligen Heinrich

Einst war Heinrich von Pierer Deutschlands wichtigster Manager und Kanzlerflüsterer. Doch mit der Schmiergeld-Affäre bei Siemens kam der Absturz. Erst musste er seinen Rücktritt einreichen, jetzt hat ihn der Konzern sogar auf Schadenersatz verklagt. stern.de zeichnet ein Porträt des ehemaligen Wirtschaftslenkers, der so weit hinten steht, das in seinem Rücken nur noch die nackte Wand ist.

Von Ulrike Posche

Heinrich von Pierer sitzt in der Wohnhalle des Hotels Vierjahreszeiten. Über ihm ein riesiger Gobelin, vor ihm die sonnenbeglänzte Alster. Er hat sich eine Latte macchiato bestellt und arbeitet. Neben ihm steht sein aufgeklappter Aktenkoffer. Das ist jetzt sein Büro. Im Deckel ordentlich abgelegte Unterlagen, Visitenkarten, Korrespondenzen und ein Pressekonvolut, das irgendwo am Boden lauert. Zwei Siemens-Handys hat der einst mächtige Chef eines Weltkonzerns in Betrieb. Ein schwarzes mit abblätterndem Goldrand, das war ein Geschenk: "125 Jahre Siemens Österreich", steht auf der Rückseite. Seine Frau habe das immer "ein bisschen zu k.u.k. gefunden". Überhaupt seine Frau. Die leide natürlich unter den Vorwürfen gegen ihn am meisten, sagt er, und unter der "Verdachtsberichterstattung", wie Pierer das nennt.

Heinrich von Pierer hat keinen Blick für die Sonne und die Alster, er liest und regt sich auf. Er ist ein bisschen angeschlagen, "aber nicht wegen der ganzen Sache", sagt er. Er nennt das immer "die ganze Sache". Die Worte Schmiergeld und Skandal, die wollen ihm nicht über die Lippen. Nein, es ist nicht wegen der Artikel, die auch am Mittwochmorgen der vergangenen Woche über ihn in der Zeitung stehen. Der frühere Siemens-Chef hatte am Vorabend mit alten Betriebsräten und Karten-Freunden Schafkopf gespielt. Er hatte oft gewonnen und deshalb bis in die Nacht gezockt. Um sieben Uhr dreißig war er dann am nächsten Morgen mit Airberlin von Nürnberg nach Hamburg geflogen, für 59 Euro, "da kann man nix gegn sagn", sagt Pierer auf fränkisch. Jetzt sitzt er also unter einem theatralischen Gobelin an der Alster und wartet auf das Treffen der VW-Aufsichtsräte, das hier im Hotel beginnt. Er sitzt wie Doktor Faustus inmitten der Tragödie.

Pierer soll Schmiergeldzahlungen angeregt haben

Seine Abschiedsrede hat Pierer schon vorbereitet, sie gehe "a weng ans Herz", so der 67jährige. Ferdinand Piech war vor Monaten persönlich nach Erlangen geflogen, um Aufsichtsrat Pierer zu bitten, dass er seinen Posten für Wolfgang Porsche, Piechs Cousin, freimache. Natürlich hat der so Gebetene gleich "ja" gesagt. Es kommt ja in der letzten Zeit nicht mehr oft vor, dass er auf so respektvolle Weise gebeten wird, seinen Hut zu nehmen. Da kann man nichts gegen sagen. Und dennoch, seit im November 2006 der Siemens-Skandal um Schmiergelder und Schwarze Kassen ins Rollen kam, als er dann mit immer höherem Tempo auch auf ihn zurollte, da gibt es für den einst vorzeigbarsten aller Vorzeigemanager, den globalsten unter den Wirtschaftsführern, den einstigen Chef der Deutschland-AG und Kanzlerflüsterer, für ihn gibt es seither nur noch Abschiede und Rücktritte. Inzwischen steht der Professor Doktor von P. so weit hinten, dass in seinem Rücken nur noch die nackte Wand ist.

Er soll von den Schmiergeldzahlungen nicht nur gewusst, sondern sie sogar angeregt haben, so lauten neue, konkretere Vorwürfe. 270 Angeklagte, Zeugen, verhaftete Vorstände. Es ist ein Korruptionsvorgang, der größer, komplizierter und verzweigter ist als beinahe jeder vergleichbare Schmier- und Schwarzgeldskandal in Deutschland. Zwischen 2001 und 2006 sollen 1,3 Milliarden Euro an "dubiosen Zahlungen" geflossen sein. In jenem Zeitraum hat Siemens einen Umsatz von geschätzten 600 Milliarden Euro erwirtschaftet. Es sieht für manche inzwischen so aus, als sei Bestechung das heimliche Geschäftsprinzip im Hause Siemens gewesen. Der Weltkonzern steht plötzlich wie eine kriminelle Sekte da, wie "Siemenstology", und von Pierer als deren heimliches Oberhaupt.

Selbst Ackermann fällt ihm in den Rücken

"Wenn in der Deutschen Bank systematisch solche Dinge aufbrechen würden, würde ich morgen zurücktreten", sagte Deutsche Bank-Vorstand Josef Ackermann vor einem Jahr und gab von Pierer damit einen Todesstoß, "denn entweder war ich Teil davon, dann gehöre ich sowieso weg, oder ich habe es nicht gewusst, dann habe ich nicht geführt." Man muss wissen, dass Ackermann selbst einmal einen Skandal am Hals hatte, den mit dem Victory-Zeichen im Mannesmann-Prozess. Damals stärkte von Pierer ihm den Rücken. Doch in den vergangenen Monaten ist Ackermanns Kritik Allgemeingut geworden. Und heute kämpft Pierer gegen dessen Vorwürfe. Gegen den, er hätte davon gewusst. Und gegen den, er hätte nicht geführt. Das Gute ist, bei einem wie Ackermann, kann er sich wehren. Der greift von vorne an. Die Hintermänner nicht. Immer wissen sie mehr als er selbst.

Seit Siemens nämlich im Dezember 2006 die amerikanische Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton damit beauftragt hat, Licht ins Dunkel der "zweckfremden Rückstellungen", schwarzen Geldkanäle und ihrer verschlungenen Ströme zu bringen, seither landen diese Recherchen und Vermerke, bei einer Handvoll Siemens-Oberen - und vielen Journalisten. Nur nicht bei ihm. Und die Einschläge kommen näher. Das frühere Vorstandsmitglied Johannes Feldmayer muss mit einer Anklage wegen Untreue rechnen, weil der die unternehmensfreundliche Arbeitnehmerorganisation AUB mit 15 Millionen Euro gepäppelt hat. Gegen den zurückgetretenen Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zur Untreue und Steuerhinterziehung. Und zuletzt musste Medizintechnik-Vorstand Erich Reinhardt zurücktreten, weil die Anwälte nun auch in seinem Bereich dubiose Geldflüsse aufgespürt haben. Alle drei waren Pierers Kollegen im Vorstand, seine Vertrauten - und da will Mr. Siemens nichts mitgekriegt haben? Das können sich inzwischen die wenigsten vorstellen - und lassen ihn das spüren.

Es ist natürlich hart, wenn man 38 Jahre seines Lebens - und so lange war von Pierer Mr.Siemens - hofiert wurde, und dann plötzlich genauso geächtet, wie einer, der sein Geld auf Liechtensteiner Konten nicht versteuert hat. Heinrich von Pierer wurde vor vier Jahren noch als Bundespräsidenten-Kandidat gehandelt. Auf einmal muss er lesen, dass er es unter dem Job des Papstes oder dem des UN-Generalsekretärs niemals gemacht hätte! Dass er sogar das Amt des Bundespräsidenten kühl ausschlug! "Ich bin natürlich nie gefragt worden und ich hab mich auch nicht beworben!", sagt Pierer, und rückt vor Empörung ganz vorn auf die Kante des brokatbezogenen Fauteuils, "ich habe das auch niemals abgelehnt!"

Es geht um Ehre und Charakter

Die Vorwürfe gegen den Manager haben längst die Ebene der unterstellten Verfehlungen als Vorstandschef, des möglichen Versagens als Aufsichtsrat verlassen. Jetzt geht es nur noch um Fragen der Ehre und des Charakters. Ums ganz Persönliche. Das ist es, was ihn am meisten schmerzt: "Ich bin immer in der Kantine zum Essen gegangen", schreit er im Flüsterton, "ich hätt' mir das Essen ins Büro holen lassen können. Das spart Zeit. Aber ich hab' mit den Leuten geredet, bis die ihre Teller leer gegessen hatten!" Er war ein Ober-Siemensianer, der Chef zum Anfassen. Damals haben viele das so gesehen. "Wissen Sie eigentlich, wer mich in Erlangen alles duzt? Die kommen an, Du, Heinrich, mei Dochter find kei Leerstell, kannst Du was machen?"

Hochmut, Hybris, Arroganz - das also werfen sie ihm jetzt auch noch vor! Heinrich von Pierer kann sich aufregen, ohne rot zu werden. Er wirkt immer leicht gebräunt, wie Pergament in alten Folianten. Nur seine Augen schimmern manchmal ein bisschen verwässert. Aber das kann mit der Müdigkeit zusammenhängen. Auf seinem zweiten Siemenshandy, einem moderneren mit Namens-Monogramm, hat er Fotos seiner Enkelkinder gespeichert, drei Kinder, viele Enkel. Das ist mal ein Trost. Kinder, Enkel. Einmal, vor Jahren, hat ihn der damalige Außenminister Klaus Kinkel angerufen, Argentiniens Staatschef Carlos Menem komme zu Besuch, ob er nicht auch kommen könne. Sie wollten in einer Tennishalle bei Bonn ein deutsch-argentinisches Match spielen. "Bloß nicht deutsch-argentisch", habe er noch gesagt, "dann verlieren die, das geht nicht." Er hat dann mit Menem gegen Kinkel und dessen Staatssekretär gespielt - und gewonnen. Damals jedenfalls.

Nun dient das Foto als Beleg dafür, dass es Pierer einst so wichtig war, mit Menem gut im Geschäft zu sein, dass er höchstpersönlich Mitarbeiter von "Siemens Business Services" (SBS) angewiesen habe, argentinische Geschäftspartner mit mehreren Millionen Dollar zu schmieren, um an den Milliarden-Auftrag für die Herstellung fälschungssicherer Personalausweise zu kommen. Benehmen Sie sich "wie Soldaten von Siemens" soll er gesagt haben. Das klingt doch eigentlich für den Sohn eines österreichischen Offiziers ganz glaubhaft. Doch Pierer regt es besonders auf, denn in der Familie sei es immer tabu gewesen, militärische Ausdrücke zu benutzen. Er will diese Geschichte in der Kaminhalle des Hotels eigentlich cool erzählen, aber seine Stimme kocht. Denn aus der Halle im Rheinland wurde auf einmal ein Tennisplatz in Buenos Aires. Und auf dem Foto, das ursprünglich das ganze Tennisdoppel zeigte, sieht man nur noch ihn mit Menem. Was stellen die sich vor? schimpft Heinrich von Pierer, dass Carlos Menem, oder der Herr Zhu Rongji in Peking, oder wer weiß wer beim Tennis oder beim Staatsbankett für den Bundeskanzler sagen: Also lieber Heinrich, das Kernkraftwerk kaufen wir dir zwar ab, aber da muss noch ein bisschen was für uns rüber fließen? Und dass er dann seinen Leuten sage: Überweist dem mal was? Pierer lacht, hat sich in Rage geredet: "Wir sind doch nicht im Film!", sagt er, "wir sind hier doch nicht in 'Der Pate, Teil III'!".

Werden Chefs irgendwann betriebsblind?

Manchmal fragt man sich, ob Heinrich Karl Friedrich Eduard Pierer von Esch nicht weiß, was man ihm vorwirft, oder ob er nur so tut, als ob er es nicht wüsste. Dass er nämlich sehr wohl durchschaut und geduldet habe, was in seinem Laden an illegalen Geschäften vor sich ging. Dass er diese mindestens als "Siemens-Kultur" billigend in Kauf genommen habe. Genau das werfen ihm reuige oder angeklagte Mitarbeiter nämlich jetzt vor. Nur die derzeit prüfenden ermittelnden Staatsanwälte haben ihm das bis heute noch nicht vorgeworfen. Darauf beruft er sich. Bis heute gibt es für ihn kein Aktenzeichen, gegen ihn keine Anklage. Eine Entscheidung darüber fällt die Münchner Staatsanwaltschaft womöglich an diesem Mittwoch. Pierer sagt, er habe nichts gewusst und nichts geduldet.

Auch VW-Patriarch Ferdinand Piech sagte vor Gericht aus, er habe von den Umtrieben in seiner Firma ebenfalls nichts gewusst. Vielleicht wird man ja einfach betriebsblind, wenn man zu lange auf einem Chefposten sitzt?

Heinrich von Pierer war es stets unangenehm, wenn ein Kanzler wie Helmut Kohl ihm im indischen Präsidentenpalast auf die Schulter schlug und vor Präsident Rao mit ihm protzte: "Das hier ist der Heinrich Pierer, dem seine Vorfahren haben in Indien die Telegrafenleitung gebaut". Oder wenn er dem brasilianischen Präsidenten schon lange bekannt war, Kanzler Schröder indes nicht. Pierer war auf den politischen Ausflügen, die er mit Kanzlern und dem halben Dax in alle Welt unternahm, augenfällig der Bescheidenste. Keine Bodyguards, kaum Entourage. Ein Skatspieler in grauen Anzügen. Kanzler brüsteten sich mit dem Titel "Exportweltmeister". Der treue Heinrich musste gucken, wie er das hinbekam. Am Ende halfen wohl gelegentlich Siemensleute, wie Kohl es sagen würde, mit "Bimbes" nach.

"Von sehr weit oben fällt man tief"

Als er einmal zum World Economic Forum nach Davos reiste, war Kenneth Lay, der damalige Chef des US-Energie-Konzerns Enron der Star des Treffens. Für ihn teilte sich die Menge im Saal. Als Pierer dagegen allein mit seinem Teilnehmerschild am Hals eintrat, meinte jemand lustig: "Ach, da kommt ja auch der Herr von Pierer mit seinen ollen Turbinen." Wenig später konnte man auf "CNN" sehen, wie Mister Enron in Handschellen aus seinem Unternehmen geführt wurde.

Der größte Bilanz-Betrug der USA hatte ihn zu Boden gebracht. Heinrich von Pierer bestellt den zweiten Milchkaffee, er hat anderthalb Stunden über "diese ganze Sache" geredet, und irgendwie auch nicht. Um elf kommt einer von Audi zum Plaudern an Pierers Tisch. "Ich bin mit mei'm Avant sehr zufrieden", erzählt Pierer dem freundlichen Bayern, "ich hab ihn a weng vor die Wand gesetzt und da war was kaputt. Das ham's mir in der Werkstatt, ganz schnell repariert. Für 125 Euro - da kann man nix gegn sagn. Und einen Espresso hab ich auch noch gekriegt."

Pierer besitzt natürlich auch noch einen Telefoncomputer von BlackBerry. Dort laufen seit einem Jahr die Briefe seiner beiden Anwälte und seines Ex-Aufsichtsrats-Büros in der Siemens-Zentrale am Wittelsbacher Platz auf. Sein früherer Pressesprecher Eberhard Posner hilft ihm manchmal bei der Bewältigung der vielen Anfragen und Presseerklärungen. "Heinrich von Pierer war sehr weit oben", sagt Posner lakonisch, "da fällt man tief". Posner war noch nie ängstlich oder devot wie andere Pressesprecher etwa. Er hat schon immer den Nagel auf den Kopf getroffen. Gerade piepst das Gerät wieder. Ein Betriebsrat des "Erfurter Generatorenwerks" schreibt Pierer, er solle stark bleiben bei "dieser Hexenjagd". Er habe sich um das Werk verdient gemacht. Pierer freut sich über die Mail. Auf der Siemens-Hauptversammlung im Januar, fanden manche der Aktionäre sogar, dass sie es bei Siemens mit der Aufklärung des Skandals ein wenig übertrieben: Wenn's wir nicht machen, machen's die anderen! So ereiferten sich Herren aus Nürnberg und Augsburg an den Leberkäs-Ständen während der Mittagszeit.

"In Erfurt ist er immer noch ein Heiliger"

Gerhard Schröder hat ihn mal aufmunternd angerufen, Unternehmer-Kollegen, Mittelständler. Es gibt welche unter den weltweit 400.000 Mitarbeitern, die ihm sogar helfen wollen. Ja, so was gibt es auch. Aber nicht oft, und schon gar nicht offen. Deshalb will Pierer jetzt auch den Namen des Erfurter Betriebsrats nicht nennen, der ihm gerade geschrieben hat. Er fürchtet, dem könne es später einmal Leid tun, dass er sich noch zu "Mister Siemens" bekannte, als der längst in Verschiss war. Dabei ist Arnold Albrecht, 58, durchaus auskunftsfreudig: "Bei uns hier in Erfurt ist Heinrich von Pierer noch immer ein Heiliger." Albrecht meint, es sei unmöglich, "dass ein Vorstandvorsitzender alles weiß, was vor sich geht. Das weiß ja noch nicht einmal ein Werksleiter."

Wie ein Heiliger wirkt Pierer allerdings schon lange nicht mehr. Eher wie die fassungslose Hauptfigur in einer Tragödie. "Ich habe gesagt, dass es mir unendlich leid tut", sagt Pierer, "mehr kann ich nicht machen." Er könnte schon. Er könnte unabhängig von juristischer Schuld, die politische Verantwortung übernehmen. Doch der einst mächtigste Mann der deutschen Wirtschaft fühlt sich im Moment eher gejagt, verfolgt, im Stich gelassen: "Ich kann nicht ausschließen, dass Informationen aus dem Unternehmen direkt an die Presse gehen", sagt er bitter. Auch bei Siemens säßen welche, die ihm Druck machen wollen, die die "Schuld nach oben stapeln". Weil es nun mal nicht anders sein kann, als dass der Fisch vom Kopfe stinkt.

Und so wartet Heinrich von Pierer an einem sonnigen Mittwochmorgen in einem Hamburger Hotel. Neben ihm ein Arsenalkoffer, in dem drei Telefone liegen. Ein 67jähriger Herr im grauen Anzug. Ein Mann mit sehr müden Augen.

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