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Sommerschule für Weltenlenker

Was kommt nach dem Web 2.0? Wie sehen die Maschinen der Zukunft aus? Und wie lässt sich das in Zukunft vermarkten? Auf diese Fragen versucht die Singularity University Antworten zu geben.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Der Mann, der da vorn auf dem Rasen steht und aus der Zukunft berichtet, hat schon immer nach den Sternen gegriffen. Als kleiner Junge träumte er davon, Astronaut zu werden und schwerelos im Weltraum zu treiben. "Jede Nacht bin ich mit diesem Gedanken ins Bett gegangen: Fliegen können wie Superman", erzählt Dan Barry, "und dann habe ich's tatsächlich getan." Dreimal schoss ihn das Space Shuttle hinaus ins All; bei vier Weltraum-Spaziergängen schwebte er stundenlang frei im Nichts, ringsherum die Sterne und unter sich die Erdkugel - "ein Anblick, so schön, dass ihn kein Foto wirklich wiedergeben kann".

"Die Menschheit auf den Wandel vorbereiten"

Nun hat Barry einen neuen Traum: Er möchte Roboter bauen, die im täglichen Leben wirklich nützlich sind, die Wäsche legen können, bügeln oder Bier holen. "Maschinen, die die Welt verstehen." Andere mögen das für Science-Fiction halten, Barry glaubt, dass die Zukunft näher ist, als die meisten ahnen. Genau deshalb steht er nun, an einem ungewöhnlich grauen, bewölkten Novembertag, als Vordenker und Dozent vor Studenten der "Singularity University" - einer neuen Hochschule im Silicon Valley, die sich auf das schwer Vorstellbare spezialisiert hat. Mechanische Gehilfen zum Beispiel, die zu unserem Alltag gehören wie Autos, Laptops und Mobiltelefone; nicht irgendwann einmal, sondern morgen oder übermorgen schon.

"Die Menschheit auf Wandel vorbereiten, der immer schneller kommt" lautet das Motto der erst vor wenigen Monaten gegründeten kalifornischen Privat-Uni, die unter anderem von Google Startkapital kassierte und sich auf dem Gelände der NASA in Mountain View einquartiert hat. "Wenn Sie sich die größten Herausforderungen anschauen, vor denen wir heute stehen, ob Börsencrash, Schweinegrippe oder Klimawandel - die Ursachen gehen immer auf exponentielle Faktoren zurück", erklärt Uni-Direktor Salim Ismail. Früher kannte man das hauptsächlich aus der Chip-Entwicklung: Rechenkraft, die sich alle 12 bis 18 Monate verdoppelt, das berühmte "Moore's Law", verantwortlich dafür, dass jedes Handy heute mehr Tricks beherrscht als der beste PC noch vor wenigen Jahren. Ähnliches lässt sich inzwischen auch in Biologie und Physik beobachten, bei Nanotechnologie, Globalisierung und natürlich dem Internet: Veränderungen, die nicht mehr linear verlaufen, überschaubar und stetig, sondern chaotisch, dramatisch und oft rasanter, als das menschliche Gehirn zu folgen vermag.

Sommerschule für zukünftige Weltenlenker

"Unsere Politiker und Wirtschaftsführer tun sich schwer mit exponentiellem Wandel", sagt Ismail, ein ehemaliger Topmanager bei Yahoo. Doch falls die Menschheit eine Chance haben wolle, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern, brauche sie Weltenlenker, die gewohnt sind, vorauszudenken, quer zu denken, den Fortschritt in Siebenmeilenstiefeln herbei eilen zu sehen. "Unser Ziel ist es, die nächste Generation von Führungspersönlichkeiten auf exponentiellen Wandel vorzubereiten und Technik dazu zu nutzen, globale Probleme zu lösen", sagt Ismail. Herkömmliche Unis hält er damit für überfordert, weil sie sich auf das konzentrierten, was schon bekannt und wissenschaftlich erwiesen ist. "Das heißt, der Blick geht in die Vergangenheit; wir dagegen schauen in die Zukunft." Irgendwo in der Ferne erwarten die Gründer den Augenblick, dem die Hochschule ihren Namen verdankt: die "Singularität" - ein theoretischer Zeitpunkt, an dem Umwälzungen sich in so aberwitziger Geschwindigkeit abspielen, dass der Mensch nicht mehr mitkommt. "Manche nehmen an, das wird in 50 Jahren der Fall sein, andere tippen auf 20 Jahre", erklärt Ismail, "und wieder andere glauben, es passiert nie." Für alle, die vorbereitet sein wollen, bietet die Uni einen zweimonatigen Lehrgang im Sommer - gedacht als Ergänzungsstudium, vorwiegend für den akademischen Nachwuchs - und neuntägige Intensivkurse, die sich gezielt an Wirtschaftslenker wenden.

Im ersten dieser Management-Seminare versuchen an diesem November-Morgen zwei Dutzend Frauen und Männer, sich auszumalen, wozu universell einsetzbare Roboter-Technik gut sein könnte. In vier Gruppen aufgeteilt, hocken sie auf einer blauen Plane, die den taufeuchten Rasen bedeckt, und diskutieren Geschäftsmodelle. Die Ideen, die sie anschließend präsentiert, reichen von einem intelligenten Koch-Roboter - "Die besten Restaurants der Welt, alle bei Ihnen zu Hause!" - bis zum mechanischen Altenpfleger, der bei Todkranken im schlimmsten Fall auch Sterbehilfe leistet. "Wer trägt die endgültige Entscheidung?", fragt Dan Barry. "Die Familie des Kranken", antwortet die Gruppe. "Mal angenommen, ich habe eine Milliarde auf dem Konto, und meiner Familie geht es nur ums Geld", kontert Barry. "Was dann?"

Die Singularität ist nah

Es ist nur eine von vielen Fragen dieser Art, und so irrelevant sie im Augenblick noch scheinen mögen - schon bald, da ist sich der ehemalige Astronaut sicher, wird die Welt Antworten brauchen. "Solche Roboter könnten in fünf oder zehn Jahren existieren", sagt Barry. Als Gründer der Firma Denbar Robotics ist der 55-Jährige nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Unternehmer, genau wie eine Reihe der Kursteilnehmer. Deshalb geht es in seinem Workshop nicht nur um Technik, sondern auch Management-Entscheidungen. "Ob die Singularität wirklich auf uns zukommt, ist eine offene Frage", sagt er, "aber zweifellos ist es wichtig, über die Konsequenzen des rapiden technischen Wandels nachzudenken." Das Programm ist dicht gepackt, von früh bis spät jagt ein Vortrag den nächsten, um das breite Spektrum von Themen abzubilden, in denen sich Wissen explosionsartig vermehrt. Eben noch geht es um künstliche Intelligenz und Biomedizin, gleich darauf um vernetzte Märkte, Gen-Analyse, das Manipulieren einzelner Atome auf kleinstem Raum und das Beeinflussen des Klimas für die ganze Welt. Unter den Dozenten sind Professoren der nahen Elite-Uni Stanford und andere Vordenker aus Wissenschaft und Wirtschaft, etwa der Erfinder und Bestseller-Autor Ray Kurzweil ("The Singularity Is Near"), der zu den Gründern der Uni gehört.

"Jeden Tag lerne ich etwas Neues, jeder Redner ist großartig", schwärmt der Indonesier Lunk Jayanata, der um die halbe Welt geflogen ist, um bei dem Lehrgang dabei zu sein. Der 31-jährige Jungunternehmer erhofft sich Einsichten "von der vordersten Front der Technik", die er mit nach Hause nehmen und gewinnbringend umsetzen kann. "Ich bin enorm beeindruckt", sagt auch Jihan El Gazzar, eine gebürtige Ägypterin, die in Chicago als Finanzmanagerin arbeitet. "Beeindruckt und hundemüde - es ist einfach eine enorme Menge an Informationen, die wir aufnehmen müssen."

Ausbildung kostet 15.000 Dollar

Für das Privileg, einen frühen Blick auf die Welt von morgen zu erhaschen, sind die Teilnehmer bereit, viel Geld zu bezahlen: 15.000 Dollar, derzeit etwa 10.000 Euro, verlangt die Singularity-Uni für ihr Management-Programm. "Es ist unglaublich teuer", sagt der Österreicher Peter Platzer, "aber man muss es auch im Zusammenhang sehen." Eine gute Ausbildung koste in den USA nun einmal viel Geld, argumentiert der Wall-Street-Banker. Im übrigen: Wo sonst bekommt man die Gelegenheit, von ehemaligen Astronauten zu lernen, bei Firmen wie Google und IBM hinter die Kulissen zu schauen und mit Gleichgesinnten darüber nachzudenken, wie Nano-, Bio- und Informationstechnologien den Lauf der Welt verändern könnten? "Es gibt sehr wenige Möglichkeiten, mit Leuten zusammenzukommen, die sich mit diesen Themen beschäftigen", sagt Platzer. "Für mich ist das sehr viel wert."

Er zahlt die Gebühr aus eigener Tasche und hat Urlaub genommen, um an dem Lehrgang teilnehmen zu können. Platzer sieht das als Investition in die eigene Zukunft: "Ich bin fest davon überzeugt, dass die Themen, über die wir hier reden, mein Leben beeinflussen werden", sagt der 40-Jährige. Als Physiker, den es in die Finanzwelt verschlagen hat, versteht er nur zu gut, wie komplex das Zusammenspiel aus Wirtschaft, Wissenschaft und Technik geworden ist. Viren etwa, die zu Forschungszwecken in einem Labor entwickelt werden und versehentlich nach außen dringen - "solche Fehler hat es immer schon gegeben", sagt Platzer, "aber früher hatte es nicht gleich globale Konsequenzen". Deshalb will er vorbereitet sein auf das, was kommt. Das Wissen, das er an der Uni aufsaugt, ist ihm dabei ebensoviel Wert wie die Kontakte, der er knüpfen kann. "Ich bin kein guter Zuschauer", sagt Platzer, "ich will die Entwicklung mit vorantreiben." Vielleicht ergibt sich aus alledem der Anstoß zu einer Geschäftsidee, wer weiß? Zunächst allerdings wartet ein Bus vor der Tür, der die Studenten am Nachmittag zu "Anybots" bringt: Die Silicon-Valley-Firma hat aus Bauteilen, die es in jedem Elektronikgeschäft gibt, etwas ganz Neues gebaut - einen "Telepresence"-Roboter, dem Videokameras und Mikrofone als Augen und Ohren dienen, der auf Rädern herumfahren kann und über eine drahtlose Internetverbindung Kontakt mit dem Rest der Welt hält. So können Menschen, die in weiter Ferne sind, mit am Tisch sitzen, sich durch den Raum bewegen, bei Videokonferenzen mitreden - ohne körperlich anwesend zu sein. Wieder so etwas, das noch vor kurzem nicht mehr war als reine Science-Fiction. Oder vielleicht der Wunschtraum eines kleinen Jungen.

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