HOME

Curry und Kunst

Discount-Atmosphäre und Warenstapel - darauf haben viele Kunden keine Lust mehr. Immer mehr Einzelhändler reagieren mit kreativen Kombi-Angeboten wie Haareschneiden im Reisebüro.

Möbel und Waffeln, Autos und Weine, Blumen und Kaffee - all das passt eigentlich nicht zusammen? Doch, sagen immer mehr Geschäftsleute in der ganzen Republik. Kombi- oder "Two-in-one"-Läden sollen den Kunden mehr bieten als nur die bloße Ware: einen Espresso beim Blumenkauf, eine Suppe oder einen Cocktail beim Anprobieren von Designer-Mode, eine Reisebuchung beim Haareschneiden. "Die Einzelhändler müssen sich heute schon etwas einfallen lassen und kreativ sein", sagt Olaf Roik, Referent beim Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE). "Man sollte nicht nur die Ware über den Tresen schieben, sondern den Kunden ein Einkauferlebnis bieten."

Was vor Jahren mit Cafés in Buchhandlungen begonnen hat, gibt es inzwischen in immer ungewöhnlicheren Kombinationen. "Curry und Kunst" heißt etwa ein Imbisslokal, mit dem der Unternehmer Curt Bösenberg in Berlin eine besondere Klientel im Auge hat: kunstinteressierte Currywurstesser. "Wer im Einheitsbrei schwimmt, wird nicht mehr wahrgenommen", sagt er und stellt Künstlern die Wände des Lokals als Galerie für wechselnde Ausstellungen zur Verfügung. "Man muss seinen Kunden etwas Besonderes bieten", dachte sich auch Sybille Hirsch. Sie betreibt im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg das Café "Anna Blume" - und bringt einen Blumenstrauß auf Wunsch direkt an den Kaffeetisch.

Service, Atmosphäre und Individualität

"Man muss Emotionen schaffen, man muss skurril sein", heißt es bei der Industrie- und Handelskammer in der Hauptstadt. Dort geht man davon aus, das sich der Trend zu "Two-in-one"-Läden, die zwei unterschiedliche Geschäftszweige unter einem Dach vereinen, fortsetzt. Service, Atmosphäre und vor allem Individualität - das ist es, was die Kunden anlocken und den Unterschied ausmachen soll zu den großen Warenhäusern in den Einkaufsmeilen und den Discountern, in denen Waren stapelweise zum Billigpreis angeboten werden.

Auffallen - das gilt für findige Geschäftsleute in Zeiten von Wirtschaftskrise und Konsumflaute mehr denn je. Schließlich sind die Erlöse des deutschen Einzelhandels im vergangenen Jahr um 1,6 Prozent und damit im dritten Jahr in Folge gesunken. Und auch für 2005 rechnete der HDE zu Jahresbeginn nicht mit einer deutlichen Belebung der Konsumnachfrage in Deutschland. Zwar gebe es kein allgemein gültiges Rezept für Erfolg im Einzelhandel, sagt HDE-Experte Roik. "Two-in-one"-Läden seien aber eine "pfiffige Idee".

"Kauf dich glücklich"

Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt: Andrea Dahmen bietet in ihrem Berliner Geschäft "Kauf dich glücklich" Waffeln und Eis an und verkauft dazu skurrile Retro-Möbel und Schmuck. Ralf Swinley und Alexander Vögtlin servieren in ihrer Berliner "Villa Caprice" Suppe und Getränke und haben dazu Möbel aus Italien und Schweden sowie Mode von jungen Designern im Sortiment. Und in der "Reise-Bar" in München werden Kunden vor oder während der Buchung mit Lauchsuppe oder Espresso verwöhnt. "Das kleine Bisschen mehr - das ist entscheidend", sagt Inhaberin Anette Bauer.

Für eine andere Kombination entschieden sich zwei Geschäftspartner in Hamburg: Sie eröffneten das "Cut’n Cruise" - und schneiden ihren Kunden nicht nur die Haare, sondern buchen für sie auch Kreuzfahrten oder andere Reisen. "Hätte ich nur ein Reisebüro aufgemacht, wäre ich längst pleite", sagt Michael Klinge, einer der beiden Inhaber. Und die Kombination mit einem Friseursalon liege ohnehin nahe: "Urlaub war schon immer eines der Top-Themen beim Haareschneiden."

Christoph Trost/DPA/DPA
Weitere Themen

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools