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Auf Sand gebaut

Jahrelang boomte die Bauindustrie - und damit ganz Spanien. Nun ist die Blase geplatzt. Jeder dritte Jugendliche hat keinen Job mehr. Und die Krise hat gerade erst begonnen. Eine Reise durch ein geplagtes Land.

Von Joachim Rienhardt

Die hellbraune Erde hinter dem schmalen Reihenhaus von Vicente Guerrero ist seit Langem umgegraben. Hier sollte einmal ein Park entstehen. Die Tennisplätze davor sind übersät mit Unrat, Blättern und Staub. Das Schwimmbad ist nur zur Hälfte gefüllt - mit modrigem Regenwasser. Und die Rollläden an den Nachbarhäusern sind fast sämtlich verschlossen.

"Hier wohnt ja kaum ein Mensch", sagt der 49-jährige Notariatsangestellte, während er in seinem Gärtchen, hinter zwei Meter hohen Sichtschutzzäunen, Kaffee serviert. Eugenio, einer seiner wenigen Nachbarn, sagt: "Wir leben mitten in der Wüste."

Dabei sollte hier in Valdeluz, dem Tal des Lichts, 70 Kilometer östlich von Madrid, einmal die Zukunft Spaniens entstehen. Ein Traum vom Leben auf dem Land, mit dem Schnellzug nur 20 Minuten vom Zentrum der Hauptstadt entfernt. "Die ganze Anlage wurde schon im Planungsstadium mehrfach prämiert", sagt Guerrero. "Wir sind als Erste hier eingezogen." Das war 2007.

Der Bau steht still

Der 18-Loch-Golfplatz war da bereits fertig, der Bahnhof für den Zug nach Madrid ebenso. Für Guerrero und seine Frau Silvia sollte es ein kompletter Neuanfang werden. Aber schon ein Jahr später standen sämtliche Baumaschinen still. Im Tal des Lichts, wo einmal 30.000 Menschen eine neue Heimat finden sollten, leben heute höchstens 500. Dutzende Betonpfeiler ragen in den Himmel. Vom versprochenen Einkaufszentrum ist nur die Baugrube zu sehen. An breiten Asphaltstraßen stehen lediglich Laternen. Immer noch zeugen Projekttafeln von kühnen Vorhaben. Alles Vergangenheit.

Der 15. September 2008, der Tag, an dem die Bank Lehman Brothers in Amerika pleiteging, hat kein Land in Europa tiefer in die Krise gestürzt als Spanien. Zwar haben die Banken des Landes die Krise bislang recht gut überstanden. Aber auch nur leicht steigende Zinsen und eine etwas vorsichtigere Vergabe von Krediten haben gereicht, um Spaniens gigantische Immobilienblase zum Platzen zu bringen. Seit Jahren waren die Preise für Wohnungen und Häuser in immer irrwitzigere Höhen gestiegen. In den vergangenen Jahren wurde in Spanien mehr Wohnraum geschaffen als in Großbritannien, Frankreich und Deutschland zusammen.

Jetzt kauft keiner mehr. Und das hat verheerende Folgen. Denn das ganze Land lebte von der Bauwirtschaft. Die erwirtschaftete 30 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Jetzt stehen mehr als eine Million Wohnungen leer, die meisten davon sind Neubauten. "So wie der Bauboom Spaniens Wirtschaft beflügelte, so reißt die Immobilienkrise das Land jetzt nach unten", sagt Pedro Pérez, der Geschäftsführer der "Grupo 14 Inmobiliarias por la Excelencia", des Verbands der mächtigsten Immobilienhändler des Landes.

Vergessene Stadt

"Bei uns muss die Krise dafür herhalten, dass auch sonst nichts funktioniert", sagt der Reihenhausbesitzer Guerrero. Der Bus zum nächsten Ort fährt nur einmal am Tag. Nicht mal der versprochene Nahverkehrszug nach Madrid verkehrt. Die Müllabfuhr kommt meist nur, wenn Guerrero sie anruft. Und weil die Polizei sich nicht blicken lässt, müssen er und die wenigen Nachbarn einen privaten Sicherheitsdienst bezahlen. Seine Frau würde das Haus am liebsten so schnell wie möglich wieder loswerden. "Aber", sagt sie, "wenn es überhaupt einer kauft, kriegen wir höchstens 150.000 Euro dafür." Bezahlt haben sie vor drei Jahren 360.000.

In Spanien, wo Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero noch vor anderthalb Jahren für 2010 Vollbeschäftigung versprach, haben seit Mai 2008 1,3 Millionen Menschen ihren Job verloren. Die Arbeitslosenquote liegt bei 17,4 Prozent. Nirgendwo in Europa ist die Jugendarbeitslosigkeit höher als auf der Iberischen Halbinsel: Sie liegt jetzt bereits bei knapp 32 Prozent.

Luis Antonio Porsuelo glaubte, zu den Glücklichen zu gehören, weil der 22-Jährige einen unbefristeten Arbeitsvertrag als Kellner in einem Einkaufszentrum der Hauptstadt hatte. Im Dezember, bei der zweiten Runde der Personalkürzung, war auch er an der Reihe. Seine Frau Jeudy verlor nur einen Monat später ihren Job an der Rezeption eines Hotels.

Zurück zu den Eltern

"Wir hatten einfach kaum noch Kunden", sagt Luis. "Zwar kommen noch Leute ins Einkaufszentrum. Aber die schauen sich nur um. Die kaufen nichts mehr." Die beiden mussten schon kurz nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes ihre Wohnung kündigen. Sie sind zu seinen Eltern nach Móstoles, einer Schlafstadt im Südwesten Madrids, gezogen.

Sooft es geht, sind sie mit ihrem 16 Monate alten Baby unterwegs. Die Wohnung der Eltern ist zu eng für fünf Menschen aus drei Generationen. Luis beginnt demnächst mit einem Kurs des Arbeitsamtes, um sich im Servieren weiterzubilden. "Das erhöht meine Chancen", sagt er hoffnungsfroh. Seine Frau ist weniger optimistisch. "Es machen doch immer noch mehr Firmen zu. Man weiß gar nicht, was man tun soll."

Auch in Orten wie dem Städtchen Villacañas, 120 Kilometer südlich von Madrid, herrscht Friedhofsstimmung. Hier bewegt sich kaum mehr als die paar Baumaschinen, die im Auftrag der Regierung die Durchfahrtsstraße neu teeren. Das ist Teil des sogenannten Plans E, der allein 2009 33 Milliarden Euro in die Infrastruktur des Landes pumpt, um damit der Wirtschaft Leben einzuhauchen.

Ein Unternehmen geht unter

Während des Baubooms machte der Ort als "das Wunder von Villacañas" Schlagzeilen. Denn in seinen acht Großschreinereien wurden die meisten Türen des Landes produziert. 4000 Menschen fuhren bis zu 50 Kilometer, um hier zu arbeiten. Jetzt hat bereits ein Viertel von ihnen ihre Jobs verloren. Drei der acht Betriebe sind geschlossen, in den anderen herrscht Kurzarbeit. Selbst altgediente Mitarbeiter wie der Schreiner Isidro Toledo, 37, steht nach 14 Jahren im Dreischichtbetrieb bei der Türenfabrik Dermaco ohne Job da.

Dort prüft inzwischen der Insolvenzverwalter, was er noch verkaufen kann. In der Fertigungshalle sieht es aus, als ob die Arbeit gleich wieder begänne. Auf Bänken liegen noch Werkzeuge, als hätte man sie gerade aus der Hand gelegt, Zeichnungen, als hätte sich eben noch jemand darübergebeugt. Und überall lehnen halbfertige und fertige Türen, als käme gleich der Lieferwagen, um sie abzuholen. Doch diese Hoffnung haben die Entlassenen längst nicht mehr. "Ich bekomme jetzt noch ein Jahr Arbeitslosenhilfe", sagt Toledo. "Danach gibt es 430 Euro vom Staat." Wie er davon leben soll? Toledo zuckt mit den Schultern.

Jetzt, in der Krise, offenbaren sich die chronischen Schwächen der spanischen Wirtschaft: mangelnde Produktivität, geringe Innovationskraft, schlecht ausgebildete Fachkräfte. "Und die Chefs haben sich niemals um Märkte im Ausland gekümmert", sagt Toledo.

Leben von Spenden

Darum haben Frauen wie Julia Zaragoza López, ehrenamtliche Helferin der Caritas in Villacañas, jetzt alle Hände voll zu tun. "Die Leute kommen inzwischen zu uns, weil sie Kleidung und Schuhe brauchen, die wir für sie sammeln", sagt sie. Immer mehr Menschen nehmen auch Nahrungsmittel an, die ebenfalls aus Spenden stammen. "Es gibt etliche Familien, in denen beide Partner die Arbeit verloren haben. Sie können nur mit größter Mühe die Kredite für das Eigenheim abzahlen."

In den Jahren des Booms arbeiteten so viele Menschen in der Bauindustrie, dass es für Winzer und Gemüsebauern fast unmöglich war, Einheimische für die Arbeit in der Landwirtschaft zu finden. Damals haben Saisonarbeiter aus Afrika oder Rumänien die schlecht bezahlten Jobs erledigt.

"Jetzt helfe ich meinem Vater wieder selbst", sagt Inocencio Bornez, 44, der mit einem Moped zur Winzergenossenschaft von Villarrubia de los Ojos gekommen ist. Wo einst jeden Morgen um fünf Uhr 20 Busse Bauarbeiter nach Madrid karrten und ausländische Saisonarbeiter in die Weinreben zogen, freuen sich heute Spanier, wenn sie Arbeit finden. Doch selbst das könnte bald vorbei sein. "Zurzeit decken die Marktpreise kaum die Produktionskosten", sagt José Luis Santos, der Geschäftsführer der örtlichen Weinbaukooperative. Um gegen die Konkurrenz bestehen zu können, müssen auch die spanischen Weinproduzenten immer mehr auf Maschinen setzen. Der Bedarf an Arbeitskräften wird damit immer geringer. "Ich will aber hier bleiben", sagt Inocencio Bornez. "Wir müssen uns halt einschränken. Und zusammenrücken."

Ganze Familien ohne Arbeit

Das ist derzeit das Motto in ganz Spanien, wo traditionell enge Familienbande helfen, Krisen zu meistern. Doch auch das ist schwieriger denn je. Denn inzwischen gibt es schon mehr als eine Million Familien, in denen alle Mitglieder im arbeitsfähigen Alter ohne Job und Einkommen sind. Die meisten Arbeitslosen leben an Industriestandorten wie etwa in der Autostadt Zaragoza. Der Absatz von Personenwagen in Spanien ist 2008 im Vergleich zum Vorjahr um 50 Prozent gesunken.

"Meine Chefs haben mir zu Weihnachten 2007 unterbreitet, dass ich nicht mehr zu kommen brauche", sagt Tomás Martín Prieto, 60. Er hatte bis dahin 1300 Euro im Monat als Lkw-Fahrer verdient. "Sie haben gesagt: Du bist schon alt, dich trifft es nicht so hart." Zwei Jahre Arbeitslosengeld, dann Vorruhestand - so war die Kalkulation. Prieto dachte, man könne damit leben. Denn er hatte nicht damit gerechnet, dass seine Zwillingstöchter Carmen und María Jesús nur ein halbes Jahr später als er ihre Arbeit in der Lampenfabrik verlieren würden, wo beide mit Akkord in Schichtarbeit auf je 1200 Euro kamen. Jetzt ist Mutter María die Einzige in der Familie, die noch etwas verdient. Sie putzt und macht sich als Kindermädchen nützlich.

"Die Chinesen waren leider billiger", sagt Carmen. Von 35 216 verkauften Lampen im Jahr 2006 stürzte der Verkauf auf 1628 im vergangenen Jahr, so steht es im Kündigungsschreiben.

Ein langer Weg

Die Zwillinge haben sich bei mehreren Zeitarbeitsfirmen vorgestellt, haben ihre Lebensläufe mit Bewerbung in die Briefkästen verschiedenster Firmen geworfen. Jetzt macht Carmen einen Kurs in einer Konditorei, María Jesús lernt in einem Blumengeschäft. Sie hoffen, so ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Nicht einmal jeder vierte Spanier hat eine richtige Berufsausbildung. Deshalb glauben Experten, dass Spanien viel länger brauchen wird als andere EU-Staaten, um aus der Krise zu kommen.

Und bis die Bauindustrie wieder in Fahrt kommt, kann es lange dauern. Drei Jahre, so ein interner Bericht des Wohnungsbauministeriums, sind mindestens nötig, bis das Überangebot an Immobilien abgebaut ist. Der Markt ist derzeit tot, obwohl die Preise im Vergleich zu den vergangenen Jahren günstig erscheinen. Vor allem an den Küsten ließen sich Schnäppchen machen, sagen Immobilienexperten. Wer bar bezahlt, kann Häuser und Apartments zur Hälfte der Preise vor der Krise kaufen. Inzwischen werten es Experten wie Pedro Pérez vom Immobilienhändler-Verband schon als "sehr positives Zeichen", dass die Leute "wieder beginnen, sich zumindest anzusehen, was auf dem Markt ist".

Das sieht auch Vicente Guerrero in seinem Reihenhäuschen in der Bauwüste des Valdeluz so. "Es wird statt fünf vielleicht zehn Jahre dauern, bis die Wohnungen hier an den Mann gebracht sind und das Leben richtig beginnt", sagt er. "Wenn ich daran nicht glaubte, könnte ich mir gleich die Kugel geben."

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