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Als Sparkassen Hitlers Vollstrecker waren

Welche Rolle spielten Banken in Hitlers Reich? Eine Sparkasse in Ostfriesland hat einen Historiker engagiert, um das herauszufinden. Die Ergebnisse zeigen: Auch die Bank war Teil des NS-Regimes.

Von Katharina Grimm

Die Sparkassen waren in Hitlers Reich offenbar willige Vollstrecker: Sie froren jüdische Konten ein oder räumten diese direkt leer.

Die Sparkassen waren in Hitlers Reich offenbar willige Vollstrecker: Sie froren jüdische Konten ein oder räumten diese direkt leer.

Die Worte wurden fein säuberlich mit roter Tinte zwischen all die Buchungen und Zinseintragung in die Mitte des Sparbuches geschrieben: Juden-Depot. Mit Ausrufungszeichen! Diese Zeile kommt einem Urteil gleich, denn der Sparbuchinhaber lebte zur Zeit der Nationalsozialisten in Deutschland. Der schnörkellose "Erledigt"-Stempel nur wenige Zeilen darunter, belegt die Vollstreckung: Das Konto wurde ordnungsgemäß geplündert.

In diesem Jahr jährt sich nicht nur das Kriegsende zum 70. Mal, sondern auch die Sparkasse Aurich-Norden in Ostfriesland feiert sein 175. Firmenjubiläum. Doch statt einer opulenten Unternehmenschronik, die später in Bücherregalen zu verstauben, entschied sich der Sparkassen-Chef Carlo Grün zu einem anderen Schritt. Dank eines Dachbodenfundes und mit Hilfe eines Historikers ließ er die unrühmliche NS-Vergangenheit seines Geldhauses aufarbeiten. Ein bisher einmaliger Schritt.

NS-Vergangenheit ausklammern

Die Zeit zwischen 1933 und 1945 wird bei vielen Unternehmen und Konzernen bis heute gerne ausgeklammert. Denn das Verhalten der Firmenlenker war bestenfalls beschämend - doch häufig waren die Unternehmen allzu willige Vollstrecker der Nazi-Führung.

Glücksfund auf dem Dachboden

Dass die Sparkasse im hohen Norden sich nun mit der eigenen Rolle in Hitlers Reich auseinandersetzt, ist einem Dachbodenfund geschuldet. Über viele Jahrzehnte schlummerten in rund 20 Kartons wahre Schätze aus der NS- und Nachkriegszeit. Ein Buch rückte schnell in den Fokus: Das Buch "Totes Depot" enthielt minuziös aufgeführte Listen von geplünderten Konten jüdischer Kunden. Namen, Guthaben, Kontobewegungen - alles wurde bürokratisch festgehalten. "Das macht betroffen, ganz ehrlich", sagt Carlos Grün dem stern. Denn die nüchternen, zahlenlastigen Sparbücher erzählen von der Enteignung in Etappen, von Menschen, die bald noch schlimmere Verbrechen erdulden mussten. "Als wir die Kartons gefunden haben, war sofort klar, dass wir das zum Thema der Jubiläumsausstellung machen würden", sagt Grün. Am 1. April 2015 ist sein Geldhaus 175 Jahre alt geworden.

Die Sparkasse ließ den Dachbodenfund von einem Historiker auswerten. Dabei waren viele alte Spar- und Kontobücher.

Die Sparkasse ließ den Dachbodenfund von einem Historiker auswerten. Dabei waren viele alte Spar- und Kontobücher.

Grün wollte kein schillerndes Loblied auf seine Bank, keine teure Chronik. "Ich verfolge da einen gesellschaftspolitischen Anspruch", sagt Grün. Der Fund auf dem Dachboden kam zur richtigen Zeit.

Er beauftragte den Historiker Ingo Stader, der sich auf die Aufarbeitung von Firmenhistorie spezialisiert hat. Die Ergebnisse seiner Arbeit sind ab Samstag, den 9. Mai, in der Sparkasse in einer Ausstellung zu sehen. "Wir machen den Piloten. Das ist totale Pionierarbeit, die wir hier leisten", sagt Grün. Bislang sei seine Bank die erste Sparkasse, die sich so intensiv mit der eigenen Nazi-Vergangenheit auseinandersetze.

Jüdische Konten geplündert

Der Historiker arbeitete sich vorsichtig mit Handschuhen durch das Material. Sein Fazit: Die Sparkasse sei ein williger Vollstrecker gewesen, sagte er der "Ostfriesen-Zeitung".

Ab 1938 wurden beispielsweise jüdische Konto eingefroren, um zu verhindern, dass Juden ihr Vermögen ins Ausland überweisen. Aber auch die finanzielle Enteignung könne anhand der Dokumente nachgewiesen werden. Das durch Enteignung erbeutete Geld blieb nicht in Ostfriesland - sondern ging nach Berlin. Ein Krieg musste finanziert werden.

Die Sparkassen unterstanden zur NS-Zeit dem staatlichen Regime, die Nazis griffen in Abläufe ein. Als der damalige Sparkassendirektor nicht die Hakenkreuzflagge hissen wollte, wurde er in den Ruhestand versetzt.

Sparkassen-Mitarbeiter mussten ein Gelöbnis ablegen, um Adolf Hitler die Treue zu schwören. Dies ist auch ein Hinweis darauf, wie sehr der Nationalsozialismus in den Alltag der Sparkasse einwirkte.

Sparkassen-Mitarbeiter mussten ein Gelöbnis ablegen, um Adolf Hitler die Treue zu schwören. Dies ist auch ein Hinweis darauf, wie sehr der Nationalsozialismus in den Alltag der Sparkasse einwirkte.

Durch Pegida wieder aktuell

Bis Oktober ist die Ausstellung in der ostfriesischen Sparkasse geöffnet. Grün will Anwohner, aber vor allem Schulen für die Ergebnisse begeistern. Daher steuert seine Bank auch Geld für die Transportkosten dazu. "Wir haben einen öffentlichen Auftrag", sagt Grün. Er wolle die unrühmliche Vergangenheit nicht verstecken. "Religionsfreiheit, Toleranz - aber auch Pegida werden derzeit diskutiert", so Grün. "Unsere Ausstellung passt da perfekt. Das ist ein Top-Thema aktuell."

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