Die geplante Teilprivatisierung der Bahn sei verfassungswidrig, besagt das neue Ländergutachten. Im stern.de-Interview freut sich SPD-Vorstand Hermann Scheer: Der Börsengang werde nun wohl nie kommen. Die Mehrheit der SPD sei ohnehin dagegen.

"Ich habe das schon immer gesagt": Bahnprivatisierungs-Gegner und SPD-Vorstand Hermann Scheer© Bernd Weißbrod/DPA
Wer sagt denn, dass diese Privatisierungen ausnahmslos richtig waren? Bei der Energiewirtschaft zum Beispiel fordert die EU-Kommission Korrekturen - die Kraftwerksbetreiber sollen die Netze abgeben, weil sonst kein Wettbewerb stattfindet. Bei der Bahn würde es auch schief gehen: Es gibt kein positives Beispiel auf der Welt für eine erfolgreiche Bahnprivatisierung.
Nach einer Privatisierung prallen zwei Unternehmensphilosophien aufeinander: die privatwirtschaftliche und die gemeinwirtschaftliche. Zwei zentrale Aufgaben der Bahn - die Versorgung in der Fläche und die ökologische Orientierung - sind gemeinwirtschaftliche Aufgaben. Aber diese würden dann den privatwirtschaftlichen Überlegungen untergeordnet.
Das halte ich für realistisch, das ist die Logik der Entwicklung, wenn man private Kapitalgruppen reinholt. Man kann sogar noch weitergehen. Es ist zu befürchten, dass private Investoren auch Schritt für Schritt das riesige Vermögen an Grundstücken, das die Bahn hat, versilbern würden. Und das ist besonders absurd: Die Grundstücke wurden der Bahn von der öffentlichen Hand vor Jahrzehnten meist kostenlos zur Verfügung gestellt.
Die Bahn hat das in die Schiene gesteckt, was sie in die Schiene stecken musste, weil sie dafür öffentliche Zuschüsse bekommen hat. Und sie hat diese Zuschüsse noch nicht mal voll ausgeschöpft, weil sie selber einen Teil dazu geben muss. Mehdorn aber will kein Kapital binden. Dass er jetzt die öffentlichen Investitionen als Leistung des Bahnvorstands ausgibt, ist schon ein bisschen vermessen.
Der Kernauftrag der Bahn ist es, die Versorgung in Deutschland sicherzustellen. Dieser Kernauftrag darf nicht auf dem Altar eines "global players" geopfert werden - oder auch nur vernachlässigt werden. Schon jetzt führen die Pläne, die Mehdorn so hat, von Shanghai bis St. Petersburg, dazu, dass das deutsche Netz vernachlässigt wird. Viele Verspätungen gehen darauf zurück.
Ich habe das schon immer gesagt, genau so, wie es in dem Gutachten steht. Es ist die Quadratur des Kreises, wenn die Bahn das Netz an den Staat abgeben soll, es aber weiter bilanzieren darf. Das ist weder mit dem Bilanzrecht noch mit dem Verfassungsrecht vereinbar.
Die überwiegende Mehrheit ist dagegen. Aber es gibt im parlamentarischen Willensbildungsprozess einen Unterschied zwischen Meinungsmehrheit und festgestellter Mehrheit. Will heißen: Bei manchen gibt es den Eindruck "Wir müssen da jetzt durch", obwohl sie es nicht befürworten.
Es gibt keine einheitliche Linie.
Ganz sicher. Bereits elf Landesverbände lehnen die Privatisierung ab.
Ja. Man muss endlich wieder unterscheiden lernen zwischen Person und Sachdebatte. Tiefensee setzt den Koalitionsvertrag um. Aber der Koalitionsvertrag ist dann nicht mehr bindend, wenn beide Koalitionsfraktionen eine bestimmte Vereinbarung nicht mehr wollen. Im Grunde wartet die CDU nur darauf, dass die SPD das Thema beerdigt. Es liegt bei der SPD, weil die beiden zuständigen Minister für Verkehr und Finanzen von den Sozialdemokraten gestellt werden. Und es würde den Sozialdemokraten nicht schaden, wenn sie die Privatisierung ablehnen. Im Gegenteil: Es würde ihnen nützen. Denn eine große Mehrheit der Bürger will die Privatisierung nicht.
Ja, es wird versucht, sich Zustimmung bei den Ländern zu holen, indem man Verkehrsprojekte, die ohnehin geplant sind, vorzieht. Aber die tiefgreifenden Bedenken kann man damit nicht aufheben.
Das ist kein Trick, sondern der Versuch eine Brücke zu bauen. Für diejenigen, die die Privatisierung unbedingt wollen. Wenn ich vor die Wahl gestellt würde "keine Privatisierung oder Volksaktie", würde ich für "keine Privatisierung" stimmen.
Nicht "marktfähig"? Entschuldigung: Jede Bundesanleihe ist marktfähig. Warum sollte es also diese Volksaktie nicht sein? Die Bahn ist ein Kulturgut, die Menschen identifizieren sich mit ihr. Natürlich würden sie dieses Papier kaufen: als sichere Geldanlage mit Renditen etwas über dem Spareckzins.
Das ist lächerlich. Die Investoren, die bei einer Privatisierung zuschlagen würden, würden acht bis fünfzehn Prozent Rendite erwarten. Der Bahnvorstand muss sich endlich mal entscheiden, nach welcher Prämisse er argumentieren will.
Sie kommt gar nicht. Davon bin ich überzeugt.
Herman Scheer ... ist einer der profiliertesten Gegner der Bahnprivatisierung bei den Sozialdemokraten. Seine Stimme hat besonderes Gewicht, weil er auch Mitglied im SPD-Vorstand ist. Gemeinsam mit dem Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin entwickelte er das Modell der "Volksaktie". Neben seiner parlamentarischen Arbeit ist Scheer ehrenamtlicher Präsident von Eurosolar, der gemeinnützigen Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien.
Das Gutachten der Länder zur Bahnprivatisierung ..., das am Montag in Berlin vorgestellt wurde, ist ein Debakel für Verkehrsminister Tiefensee. Die Autoren - der Münsteraner Verwaltungsrechtlers Dirk Ehlers und die Berliner Beratungsfirma KPC - zweifeln, dass ein Börsengang der Bahn verfassungsgemäß wäre. Darüber hinaus prognostizieren sie ein düsteres Szenario: Mittelfristig könnte die Bahn, weil sie nach einer Privatisierung höhere Gewinne erwirtschaften muss, bis zu einem Viertel der Gleise stilllegen. Außerdem würden die Nutzungsgebühren für die Bahnstrecken steigen. In diesem Fall müssten die Länder für ihren Regionalverkehr mehr zahlen, was sich auch auf die Ticket-Preise auswirken würde. Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Oliver Wittke sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Wer jetzt nach dem Gutachten immer noch glaubt, er könne mal eben so auf die Schnelle diesen Gesetzentwurf durchwinken, ist schief gewickelt." Die Landesminister wollen die Studie am 25. September mit Tiefensee auf der Verkehrsministerkonferenz in Merseburg diskutieren und ihre Forderungen formulieren.
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