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Onkel Mehdorn will nicht gehen

Am Ende eines turbulenten Tages lehnt Bahnchef Hartmut Mehdorn einen Rücktritt wegen der Spitzelaffäre kategorisch ab. "Alles nicht strafrechtlich relevant", lautet seine Verteidigungsstrategie. Doch Mehdorn erscheint dabei nicht mehr ganz so kämpferisch wie früher.

Von Marcus Müller, Berlin

Eigentlich ist es ein Ort so ganz nach dem Geschmack von Bahnchef Hartmut Mehdorn: Beim Blick aus den bis zum Boden reichenden Fenstern hier im 21. Stockwerk des Bahntowers sieht man in der Ferne im grauen Regen den Reichstag und links daneben das Kanzleramt. Klein wie Gebäude einer Spielzeug-Eisenbahn sehen sie aus, die Zentralen der Berliner Politik, und auch das strahlend weiße Beisheim-Center mit den goldenen Lettern ist etliche Etagen kleiner als die Bahnzentrale. So mag Mehdorn das, sagen Kenner über ihn: Der größte Manager von kleiner Statur, den es gibt in diesem Lande.

Doch genießen kann der Mann den Blick an diesem Freitag nicht, als er um genau 18.33 Uhr durch eine helle Holztür tritt, die einen kleinen Spion wie eine Wohnungstür hat. Denn es steht nicht nur ein Pulk Journalisten und Kameraleute vor der Aussicht. Die hier oben so weit weg erscheinende Politik ist ihm mal wieder mächtig auf den Pelz gerückt, als er an das Pult im Raum mit dem Namen "Fliegender Hamburger" tritt. Denn wieder wird sein Rücktritt gefordert, von den Gewerkschaften Transnet und GDBA.

Nach Bekanntwerden weiterer Ausspähaktionen bei der Bahn verlangten sie am Nachmittag nach einer Aufsichtsratsitzung klipp und klar seinen Abgang. Es soll eine Art Rasterfahndung bei den E-Mails von etwa 70.000 bis 80.000 Eisenbahnern gegeben haben, heißt es. Ein "Rumeiern" der Politik würden sie nicht hinnehmen, sagen die Chefs von GDBA und Transnet auf einer eilig einberufen Pressekonferenz.

Wie sauer er ist, sagt der GDBA-Vorsitzende Klaus-Dieter Hommel, anschließend zu stern.de: "Man sitzt da mit einem beschissenen Gefühl. Solche Dinge dürfen in unserem Rechtsstaat nicht passieren."

Mehdorn reagiert zwei Stunden später nicht aufbrausend - wie sonst oft - auf die Kritik an ihm. Es werde sein Rücktritt gefordert, ohne dass die Untersuchungen beendet seien, sagt er fast hölzern. "Hierfür stehe ich nicht zur Verfügung", fügt er vom Blatt ablesend an.

Die Zusammenfassung seines knappen Drei-Minuten-Statements lautet: alles strafrechtlich nicht relevant und alles nur im Interesse des Unternehmens geschehen.

Weder beim Datenabgleich, beim Einschalten von Detekteien oder beim Überprüfen von E-Mails sei es illegal zugegangen, liest Mehdorn vor. Vielmehr sei sogar in einer Betriebsvereinbarung festgehalten worden, dass Adressen und Betreffzeilen von E-Mails protokolliert werden dürften. Eine Inhaltskontrolle habe es aber nicht gegeben. "Niemand wurde bespitzelt", sagt Mehdorn, dessen braune Brille ihn ein wenig onkelhaft aussehen lässt. Immer sei es nur um die Bekämpfung von Geheimnisverrat und Wirtschaftskriminalität gegangen, gegen die man sich wehren müsse.

Fragen sind nach dem dreiminütigen Statement nicht zugelassen. Der Bahnchef grinst noch einmal etwas schief, blickt nach links, wo er Fotografen und Kameras wähnt. Hinter der Wand aus Reportern liegt dort im Dunst das Kanzleramt, in dem jetzt wohl mal wieder über Hartmut Mehdorns Berufsplanung gesprochen werden dürfte.

Jedenfalls haben das die Bahn-Gewerkschaften gefordert. Denn als hätten sie Mehdorns Fährte mit der strafrechtlichen Relevanz geahnt, sprechen sie schon am Nachmittag von einer politischen Verantwortung des Bahnchefs - unabhängig davon, wie die Aktionen rechtlich zu bewerten seien. Und im sichtlichen Bemühen, nicht zu viel zu sagen, spricht Bahn-Aufsichtsratmitglied und Verkehrs-Staatssekretär Achim Großmann von "bedrückenden Vorwürfen". Auf die Frage, nach Mehdorns Zukunft sagt er: "Fragen Sie mich nächste Woche."

Ob es tatsächlich so schnell gehen wird mit einer Entscheidung, liegt hauptsächlich an Kanzlerin Angela Merkel. Bisher war ihr kein Interesse an einem Wechsel auf dem Bahnchef-Posten vor der Bundestagswahl nachgesagt worden. Vielmehr gab es aus dem Kanzleramt trotz massiver Kritik an Mehdorn Rückendeckung für den Manager. Ob er aber ähnlich stromlinienförmig und schnell durch die neuen Vorwürfe hindurch gleiten wird wie einst in den 30er-Jahren der "Fliegende Hamburger" genannte Schnellzug der Bahn, scheint fragwürdig.

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