Die steigenden Rohstoffpreise haben konkrete Folgen für die bayerische Lebenskultur: In München droht das einstige Grundnahrungsmittel Bier zum Luxusgut zu werden. Grund: die Hopfenpreise explodieren. Noch bleiben die Biertrinker friedlich. Doch zum Oktoberfest soll die Maß schon acht Euro kosten. Ein Streifzug durch die Münchner Biergärten. Von Tobias Lill, München

Bald nur noch leere Biergärten? Bislang können die Münchner Wirte noch nicht klagen© Frank Leonhardt, DPA
An solchen Tagen, weiß der Münchner, was er an seiner Stadt liebt: Der See im Englischen Garten schimmert in der Sonne. Zwei Verliebte schippern mit dem Boot in Sichtweite vorbei. Die Gäste des Seehauses sitzen am Ufer, direkt neben den Enten und Schwänen. Die Tische sind voll mit golden leuchtenden Maß- und Weißbierkrügen und es duftet nach Schweinshaxe. Hier spürt man sie noch: die bayerische Lebensfreude.
Doch der Schein trügt. Einer der letzten Bastionen der „Mir san mir“-Mentalität droht Gefahr. Vom „Bierpreisschock“ ist seit Wochen in den Boulevardzeitungen die Rede. Bis zu 7,40 Euro zahlen mittlerweile die Gäste in Münchens Biergärten für die Maß Helles und für den halben Liter Weißbier oft schon über vier Euro. Auch hier im Seehaus kostet die Maß 40 Cent mehr als noch im vergangenen Sommer. Billige Biergärten sind in der Landeshauptstadt mittlerweile beinahe so selten wie Braunbären in den bayerischen Alpen.
Hauptursache ist der gestiegene Einkaufspreis, weshalb die Münchner in diesem Jahr auch an der Ladentheke durchschnittlich einen Euro mehr pro Kasten bayerischen Biers hinblättern müssen.
"Die Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt sind explodiert", sagt Walter König. Der Sprecher des Bayerischen Brauerbundes residiert in einem schicken Bürobau unweit des Odeonsplatzes. König blättert durch einige Statistiken mit dem Titel "Hopfen und Malz – Gott erhalt's" und zitiert daraus: "Es gibt eine strukturelle Unterversorgung mit Hopfen."
Tatsächlich schrumpfte innerhalb von zehn Jahren die Anbaufläche weltweit um gut ein Drittel. Gleichzeitig nahm der globale Bierdurst rasant zu. Allein 2006 stieg der weltweite Ausstoß um sechs Prozent, die Hälfte des Wachstums kam aus China. Der Marktpreis für Hopfen hat sich als Folge laut dem Bayerischen Brauerbund 2007 mehr als vervierfacht.
Auch Braugerste kostete Anfang 2008 zwischenzeitlich rund drei Mal so viel wie noch im Jahr 2006. "Die gestiegene Anbaufläche für Biosprit und -energie spielen hier eine Rolle", sagt König. Um weiter steigende Preise zu verhindern, fordert er von der Politik ein Überdenken der Subventionspolitik und eine Senkung der Biersteuer.
Die nächste Runde bei den Biergartenpreisen steht jedenfalls schon an. Die bevorstehenden Hopfenernten sind laut König bis zum Jahr 2015 bereits größtenteils verkauft. Um 40 Prozent schätzt der Deutsche Brauereiverband, werden die Bierpreise in den nächsten fünf Jahren ansteigen.
Für eine Stadt wie München ist das ein Horrorszenario. Schließlich gilt hier der Gerstensaft als Grundnahrungsmittel, und das Volk revoltierte in der Vergangenheit sogar mehrmals wegen zu hoher Bierpreise gegen die Brauereien und die Obrigkeit. So etwa bei den Bierkrawallen 1844: Ein Mob verwüstete rund zwanzig Bräuhäuser. Wer keinen Krug hatte, trank aus dem Hut oder der hohlen Hand. Am Ende gab es zwei Tote. Der alte Preis musste wieder eingesetzt werden.
Und selbst im vergangenen Jahrhundert war der Preis des Gerstensafts in der Isarmetropole stets ein Politikum. So protestierten 1910 vor allem Gewerkschafter gegen dessen Verteuerung – in der Folgezeit kam es zu Unruhen. 1934 punktete Hitler bei den Münchnern, indem er den Bierpreis um ein paar Pfennige senkte. Fast vier Jahrzehnte später, als der Preis für die Wiesn-Maß um 15 Prozent auf 2,75 Mark steigen sollte, reichte die Bierpreiswut immerhin noch für Boykottaufrufe und Drohbriefe an die Wirte aus, viele davon mit Trauerrand.
An diesem Frühlingstag 2008 im Seehaus dräuen die dunklen Wolken aber nur von ferne. Die meisten Gäste hier scheint der hohe Preis für den Gerstensaft – die Halbe Helles kostet 3,80 Euro – wenig zu stören. Eine junge Blondine im kurzen Sommerkleid stöckelt mit Weißbier in der Hand durchs Kiesbett und stellt Glas und Gucci-Täschchen auf einem der Tische ab. "Die paar Cent interessieren doch keinen", sagt sie und wirft ihre Haare nach hinten. Ein Münchner Mitte 40 meint: "Die Gemütlichkeit lässt man sich nicht nehmen." Nur ein älteres Pärchen, das ein Körbchen mit mitgebrachten Radieschen, Käse und anderen Leckerein auf dem Tisch ausgebreitet hat, sieht das anders. Der Mann poltert: „Es ist schon sehr teuer geworden“ und ergänzt: „Aber man trinkt's trotzdem“.
Und so verwundert es nicht, dass der Seehaus-Verantwortliche Dominik Le Maire später berichten wird, dass die Besucherzahl unter den Erhöhungen der vergangenen Jahre nicht leide. Immerhin, die Klofrau Michelle bekommt die Auswirkungen zu spüren: "Das Trinkgeld ist von Jahr zu Jahr immer weniger geworden", sagt sie. Nur wenige Münzen liegen auf ihrem Teller. Sie macht eine Handbewegung. "Da kann man nichts machen."
Doch irgendwo hier in der Geburtsstadt von Franz Josef Strauß muss es ja sein: das Heer der Unzufriedenen. Schließlich kann das Rütteln an der bayerischen Lebenskultur – und dazu gehört bekanntlich auch ein bezahlbarer Bierpreis – auch heute noch aus konservativen Einheimischen aufgebrachte Stadtguerilleros machen. Mitte der 90er Jahre, als irgendwelche Richter im fernen Karlsruhe beschlossen hatten, die Kruzifixe aus den Klassenzimmern zu verbannen, demonstrierten sie zu Zehntausenden. Und auch als zur selben Zeit die Biergartenöffnungszeiten auf 21.30 Uhr begrenzt werden sollten, trieb es das Volk auf die Straßen.