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Anleger meiden Liechtenstein

Ein Jahr nach Beginn der Zumwinkel-Affäre liegt der Finanzplatz Liechtenstein am Boden: Verunsicherte Anleger meiden das Steuerparadies, Banker bangen um ihre Existenz. Der Fürst will den Neuanfang - doch dafür muss er das Bankgeheimnis aufbrechen.

Von Claus Hecking (Vaduz)

Dieser anonyme Brief. Er macht Andrea Matt Angst. Als die Fraktionsvorsitzende von einziger Oppositionspartei Freie Liste neulich ein absenderloses Kuvert öffnete, entdeckte sie ein Foto von sich - mit ausgestochenen Augen. "Für einige Menschen hier sind wir Verräter", sagt Matt.

Emotionen kochten hoch

Die 47-Jährige und ihre Parteifreunde mussten einiges über sich ergehen lassen in den vergangenen Monaten. Landsleute haben sie als Nestbeschmutzer beschimpft, eine "Gruppe für ein selbstbewusstes Liechtenstein" ruft in ganzseitigen Zeitungsanzeigen auf, die grün angehauchte Partei bei der Parlamentswahl am Sonntag zu boykottieren. Und das nur, weil die Freie Liste fordert, Steuerhinterziehung und Steuerbetrug am Liechtenstein ein Ende zu machen.

"Die Menschen hier versuchen, die Schuld am Debakel auf uns abzuladen", sagt Matt. Dabei kann die Freie Liste mit ihren drei Parlamentssitzen gar nichts für "2/14". So nennen viele hier den 14. Februar 2008. Jenen Tag, an dem der deutsche Post-Chef Klaus Zumwinkel wegen Steuerhinterziehung mithilfe einer Liechtensteiner Stiftung verhaftet wurde.

"Viertes Reich"

Es war ein Skandal, der diplomatische Verwerfungen auslöste. Das Fürstenhaus tobte, warf Hehlerei mit gestohlenen Kundendaten vor und sprach vom "Vierten Reich". Bundesfinanzminister Peer Steinbrück drohte im Gegenzug mit Wirtschaftssanktionen. Seitdem ist im Zwergstaat nichts mehr, wie es einmal war.

Die Affäre hat Liechtensteins 15 Banken und 2000 Treuhändern das Geschäft mit Steuerflüchtlingen aus Deutschland und der ganzen Welt kaputt gemacht. Sie zwingt das Fürstentum mit seinen 35.000 Einwohnern, 45.000 Stiftungen und mehr als 100 Mrd. Euro verwaltetem ausländischem Vermögen, sein über Jahrzehnte ehern gehütetes aufzubrechen. Widerwillig Abschied von einem Modell zu nehmen, das Milliarden gebracht hat.

Treuhänder fürchten um Existenz

Walter Matt kann nicht fassen, dass die gute alte Zeit vorbei sein soll. "Wir dürfen nicht zulassen, dass wir geköpft werden", poltert der Treuhänder und klopft wutentbrannt auf seinen Schreibtisch. "Ohne Bankgeheimnis und Steuerattraktivität geht hier alles vor die Hunde." Der 75-Jährige, nicht verwandt mit Andrea Matt, lebt seit fünf Jahrzehnten von der Gründung und Verwaltung von Stiftungen. Nun sieht er seine Branche in ihrer Existenz bedroht. "Wenn alles dem Finanzamt gemeldet wird, wer Geld hier hat, dann können wir alle zumachen", ruft Matt mit hochrotem Kopf. Dann reißt ihn der Zorn aus seinem Sessel: "Das ist tödlich! Einfach tödlich!"

Noch sind sie lebendig, die Institute, die ein bitterarmes Bauernland zum reichsten Staat Europas gemacht haben. Hinter dem Vaduzer Ortseingang drängen sie sich auf wenigen Hundert Metern zusammen: Centrum Bank, VP Bank, Liechtensteinische Landesbank (LLB), LGT Treuhand, Principal Vermögensverwaltung.

Geldgewerbe ist die Basis

Die Fußgängergasse dazwischen ist blitzblank, keim- wie menschenfrei. Das Leben im Hauptstädtchen spielt sich drinnen ab: hinter den abgedunkelten Scheiben der Finanzhäuser mit den diskreten Parketagen im Souterrain. 30 Prozent der Wertschöpfung erwirtschaftet das Geldgewerbe; von 2000 bis 2007 wuchs die Zahl der Beschäftigten um 40 Prozent.

Eine einmalige Kombination aus Stiftungsrecht, niedrigen Steuern und Bankgeheimnis zog Steuerhinterzieher und Vermögende in Scharen ins beschauliche Alpental zwischen schneebedeckten Berggipfeln und dem tiefblauen Rhein.

Neugeldzufluss verebbt

Seit dem 14. Februar ist das vorbei. Das Idyll ist zur unheilen Welt geworden, der Skandal schreckt die Anleger ab. So brach der Nettoneugeldzufluss der großen drei Liechtensteiner Banken LGT, LLB und VP Bank im ersten Halbjahr 2008 um 94 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein, die Treuhänder mussten vergangenes Jahr mehr als 2700 Stiftungen auflösen.

"Dieses Land steht am Pranger", sagt ein deutscher Offshore-Vermittler. "Nur ein Wahnsinniger würde seinen Kunden heute noch Liechtenstein raten." Und so trocknet die Steueroase langsam aus.

Fürst setzt auf Kehrtwende

Die Staatsführung sieht nur einen Ausweg aus dem Desaster: die Kehrtwende. Sie will, muss das ehern gehütete Bankgeheimnis aufbrechen, Fahndern aus Deutschland und anderen EU-Staaten Auskunft über Steuerflüchtlinge erteilen. "Der Finanzplatz steht vor einem unfreiwilligen Paradigmenwechsel", sagt der Ökonom und Landesexperte Peter Eisenhut.

Liechtensteins Souverän hat den Strategieschwenk notgedrungen beschlossen. Noch im August rühmte sich Fürst Hans-Adam II.: "Die Angriffe aus dem Norden haben Tradition, und trotzdem sind wir immer noch eine Steueroase."

Ein halbes Jahr später klingen die Verlautbarungen aus der Burg über Vaduz anders: Der Treuhandsektor "kann nicht nur davon leben, als einzige Dienstleistung die Steuerhinterziehung anzubieten oder den Steuerbetrug", räumt Hans-Adam II. ein. Und Seine Durchlaucht hat nun mal das Sagen.

FTD

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