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Angriff der Strom-Krieger

Kochen, waschen, heizen: Strom und Gas werden immer teurer. Der stern zeigt, wie man sich wehren und durch den Wechsel des Anbieters Geld sparen kann.

Einmal jährlich verschlägt es Ministerialrat Peter Franke die Sprache: wenn wieder stapelweise Anträge auf höhere Strompreise auf seinem Schreibtisch landen. Was die Energiekonzerne da an Umsatz- und Kostenprognosen einreichen, ist regelmäßig auf pessimistisch getrimmt - damit die Aufschläge umso drastischer ausfallen können. "Jeder Versorger trickst anders", sagt Franke, dessen Behörde die Tarife für das Bundesland Nordrhein-Westfalen genehmigen muss. Im Dezember hat er kurzen Prozess gemacht: Zehn von 108 Gesuchen wies er ab, 75 Prozent des Rests kürzte er um durchschnittlich 20 Prozent. "Das sind wir den Verbrauchern schuldig", sagt sein Dienstherr, Energieminister Axel Horstmann.

Den Angaben der Versorger trauen Franke und seine Mitarbeiter schon lange nicht mehr. Zu oft stoßen sie auf kaufmännische Kapriolen bei den Stadtwerken. Eine Firma zum Beispiel schrieb ihr Leitungsnetz bereits seit 90 Jahren gewinnmindernd ab - 40 Jahre sind üblich. Eine andere veranschlagte für die Verlegung eines Erdkabels 250 Prozent mehr als ihr Konkurrent.

Was Franke besonders wurmt: Sind die Erlöse und Belastungen am Jahresende günstiger ausgefallen als vorhergesagt, meldet das kaum ein Stromanbieter. "Die Auflage, dies zu tun, missachten viele." Schlecht für die Verbraucher, weil sie dann nichts zurückgezahlt bekommen. Frankes Fazit: "Die Strompreise haben noch eine Menge Luft."

Sechs Jahre nach Beginn

des Wettbewerbs auf dem Strommarkt steht fest: Die Liberalisierung ist gescheitert. Seit 1998 kann jeder seinen Versorger frei wählen. Und anfangs fielen die Preise tatsächlich; aggressive Newcomer wie Yello (Slogan: "Gelb. Gut. Günstig") unterboten sich mit ihren Offerten. Doch der Aufbruch währte nicht lange: Die Preise sind wieder so hoch wie zuvor. Kaum geschmälert ist die Macht der alten Monopolisten. Neuen, günstigeren Anbietern machen sie das Leben schwer, indem sie horrende Beträge kassieren für die Nutzung ihrer Netze. Rot-Grün hat sie gewähren lassen, statt für mehr Wettbewerb zu sorgen.

Doch auch die Verbraucher tragen Mitschuld an den hohen Preisen: Nur ein kleiner Teil der 44 Millionen Stromkunden hierzulande ist zu einem günstigeren Anbieter gewechselt und hat so die Preistreiber bestraft. Dabei ist das Wechseln fast so einfach wie der Kauf eines Laibes Brot. Und es lohnt sich: Bis zu zehn Prozent Ersparnis sind drin, für manche sogar mehr.

Jetzt allerdings könnte der Markt in Bewegung kommen - weil die Energiekonzerne es zu bunt treiben. Durchschnittlich 4,7 Prozent schlugen die Versorger bei der jüngsten Preisrunde Anfang Januar drauf. Die Strompreise in Deutschland sind damit in den vergangenen fünf Jahren um gut 20 Prozent gestiegen.

In Stuttgart kostet der Saft 45 Prozent mehr als vor fünf Jahren, in Thüringen ein Drittel, in Duisburg ein Viertel. Auch der einstige Billiganbieter Yello langt kräftig hin: Kunden in Hamburg etwa müssen über 50 Prozent mehr zahlen als im Jahr 2000. Manche trifft es doppelt hart. Hans Mertel aus Kaiserslautern zahlt seit Januar nicht nur knapp sechs Prozent mehr für den normalen Strom. Den Nachtstrom für seine Speicheröfen verteuerte die TWK Versorgungs-AG Kaiserslautern gleich um 14,5 Prozent. Und wer mit Gas feuert, wird bald noch einmal gemolken. Nach starken Erhöhungen im Herbst und zum Jahreswechsel wollen viele Stadt-werke im April erneut zulangen.

Etwa 35 Euro mehr muss ein durchschnittlicher Haushalt (Verbrauch 3000 kWh) in diesem Jahr für Strom drauflegen, schätzen Experten. Und weil die Versorger ihre Kalkulationen nicht offen legen, kann kein Kunde einschätzen, ob die Erhöhung zu Recht erfolgt oder nicht. Die Versorger gehen so vor, dass möglichst niemand mehr durchblickt: So erhöht die BS Energy Braunschweig nicht nur den Arbeitspreis für eine Kilowattstunde ab März um 4,7 Prozent - gleichzeitig steigt der Grundpreis von vier auf sechs Euro im Monat. "50 Prozent mehr, das ist doch unverschämt. Viele bemerken das gar nicht, denn auf der Rechnung tauchen ja immer nur die neuen Tarife auf", ärgert sich Energy-Kundin Doris Laufer.

Bundesweit gründen sich Bürgerinitiativen gegen die Stromwirtschaft. Verbraucherzentralen rufen dazu auf, die höheren Gaspreise nicht zu bezahlen. Der Bund der Energieverbraucher steht Hunderttausenden protestierenden Gaskunden zur Seite.

Es ist nicht die pure Not, die die Energiekonzerne zu höheren Preisen treibt. Die üppigen Aufschläge ermöglichen vielmehr satte Profite. Zum Beispiel beträgt der erwartete Gewinn von RWE 2004 2,15 Milliarden Euro - plus 155 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bei Eon klingelte 2004 die Kasse bei einem Reingewinn von 4,56 Milliarden sogar doppelt so laut. Zwar verweisen die Firmen darauf, dass sie auch kräftig gespart hätten. Aber dass sie auf dem Strommarkt üppig verdienen, kann niemand bestreiten. Die Börsen danken es: Die Vattenfall-Aktie schloss im vergangenen Jahr mit einem Kursplus von rund 20 Prozent, Eon und RWE legten sogar mehr als 30 Prozent zu.

Die hohen Strompreise haben inzwischen auch den Verdacht des Bundeskartellamts erregt. Dessen Chef Ulf Böge sagt: "Die Erhöhung trifft vor allem Menschen mit niedrigen Einkommen, deshalb hat sie auch eine soziale Komponente." Strom und Gas sind, anders als Kaffee oder Zigaretten, unverzichtbar. Energie ist das Lebenselixier der Volkswirtschaft. Und das wird auch für die Unternehmen immer teurer. Steigen die Energiepreise weiter, bleibt vielen nur noch die Produktionsverlagerung ins Ausland.

Besonders hart trifft es

etwa die Papierproduktion und Textilbetriebe. Existenzbedrohend kann die Lage für die Hütte der Norsk Hydro in Stade werden. Seit 1973 werden dort jährlich 70 000 Tonnen Aluminium mittels Elektrolyse erzeugt. Mehr als ein Drittel der Gesamtkosten entfallen auf die Energie. Wenn der Großkundenvertrag mit Versorger RWE im Dezember 2005 endet, sieht es für die 450 Mitarbeiter des Elbwerks düster aus. "Steigt der Strompreis nur um einen Cent pro Kilowattstunde, bedeutet das für uns Mehrkosten von zwölf Millionen Euro im Jahr", sagt Sprecher Albert Boehlke. Von 2006 an will RWE seine Preise fast verdoppeln. "Uns steht das Wasser bis zum Hals. Selbst Arbeitsplatzabbau bringt dann nichts mehr", sagt Boehlke.

Das Ärgernis Strompreis ist umso größer, als die Steuern und Abgaben, die auf den Tarifen lasten, seit zwei Jahren stabil sind. Und auch der Verweis auf die gestiegenen Kohlepreise überzeugt nicht - die gesamten Produktionskosten des Stroms in Deutschland machen nur etwa ein Viertel des Endpreises aus. An der Leipziger Strombörse Exx, wo Produzenten und Großversorger den Preis streng nach Angebot und Nachfrage ermitteln, sieht es denn auch ganz anders aus: Übers Jahr 2004 sank hier der Preis für Strom um rund drei Prozent. Nur die Verbraucher haben davon nichts mitbekommen.

Auch beim Gas nährt das stete Auf den Verdacht, dass sich die Versorger die Taschen füllen. Zu viele Merkwürdigkeiten kann die Branche nicht erklären: Warum purzeln die Preise nie, wenn es der Ölpreis tut - obwohl doch angeblich beide Rohstoffe preislich gekoppelt sind? Wieso stiegen sie 2004, obwohl Importgas billiger war als 2003? Weshalb kam vergangenes Jahr ein Drittel der Gasversorger ohne Aufgeld aus, während andere 17 Prozent mehr verlangten? Und warum kostet der Brennstoff in Angermünde rund 40 Prozent mehr als in Bad Vilbel? Klamme Gemeinden, gibt ein hoher Gasmanager zu, nutzen ihre Stadtwerke wie Goldesel: "Ich finanziere mit meiner Strom- und Gasrechnung auch meinen Platz im Theater."

Die Kunden können ausgepresst werden, weil sich die Strom- und Gasnetze und die Produktion noch immer in der Hand weniger Großkonzerne befinden. 90 Prozent des bundesweiten Strombedarfs liefern die Unternehmen Eon, RWE, Vattenfall und EnBW. Seit der Liberalisierung haben Eon und RWE kein neues Kraftwerk gebaut, dafür 10 000 Megawatt vornehmlich teurer Anlagen stillgelegt. Mit dem Rest, alten Anlagen, die "zum größten Teil abgeschrieben sind, machen die Betreiber Superprofite", sagt Lutz Mez, Energieexperte der Freien Uni Berlin.

Auch bei den Überlandleitungen haben die vier Energieriesen den Markt untereinander aufgeteilt: RWE versorgt die Stadtwerke im Westen, Eon im Norden und Süden, Vattenfall im Osten und EnBW im Südwesten. Zudem halten sie oft auch noch Anteile an den 900 örtlichen Stromversorgern, die Haushalte und Industrien beliefern. Die gebärden sich ebenfalls als Platzhirsche, weil ihre Leitungen als einzige bis in die Wohnungen reichen. Will ein Rivale in ihr Revier eindringen, muss er zahlen. Wie viel, bestimmt der Hausherr.

Komplett abgeschottet

ist noch immer der Gasmarkt, auf dem kein Wettbewerb in Gang kommt. "Selbst dort, wo Leitungen parallel liegen, gibt es keinen funktionsfähigen Wettbewerb", moniert Kartellamtschef Böge. 14 deutsche Ferngasimporteure verteilen die unsichtbare Ware auf rund 700 kleine Netzbetreiber, die sie mit lange laufenden exklusiven Lieferverträgen an sich binden - allen voran Eon-Ruhrgas mit rund 60 Prozent Marktanteil. Auch hier gilt: Wer einem anderen Betreiber Konkurrenz machen wollte, müsste für den Transport des Gases zahlen, was der verlangt.

Wie man auf diese Weise jeden Wettbewerb eindämmen kann, zeigt die Stromwirtschaft. Dort kassieren die Netzbetreiber für jede Kilowattstunde Strom eines anderen Anbieters, die sie über ihre Trassen transportieren, eine so genannte Durchleitungsgebühr. Diese Maut ist das Hauptärgernis auf dem Strommarkt. Je nach Region weicht sie um bis zu 300 Prozent voneinander ab. Der Verband der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft schätzt, dass 151 Netzbetreiber überhöhte Rechnungen stellen, auf Kosten anderer Wettbewerber. Kartellwächter Böge fordert: "Ein Drittanbieter darf für die Durchleitung keinen Cent mehr bezahlen müssen als ein Schwesterunternehmer des Netzbetreibers."

Für mehr Markt soll nun ein neues Energiewirtschaftsgesetz sorgen, das allerdings frühestens im Sommer in Kraft treten kann. Dann wird die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post auch den Strom- und Gasmarkt überwachen. Allein die Ankündigung lockt bereits neue Wettbewerber an. RAG-Chef Werner Müller zum stern: "Wir denken darüber nach, als einer der großen Stromproduzenten eigenständig Strom im Markt anzubieten." Zunächst für die Industrie und die Stadtwerke - später auch für Endverbraucher.

"Die Selbstregulierung der Branche ist gescheitert", sagt Matthias Kurth, Chef der Regulierungsbehörde. Derzeit versucht er, 160 neue Stellen für die Kontrolle des Strom- und Gasmarktes mit Fachleuten zu besetzen. Nicht gerade viel: 250 Mitarbeiter kontrollieren die vergleichsweise wenigen Anbieter bei Post und Telekommunikation. Ob Kurths Team den Wettbewerb beleben kann, hängt vor allem davon ab, wie schnell es die wichtigste EU-Vorschrift durchsetzt: Wer Strom produziert, darf künftig kein Übertragungsnetz mehr besitzen. Produzenten könnten dann andere Firmen, die nur mit Strom handeln, nicht mehr durch überteuerte Mautgebühren aus dem Markt drängen. Michaele Hustedt, energiepolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, will die Trennung notfalls radikal durchsetzen lassen: "Wir werden bis an die Grenze des Eigentumsrechts gehen." Sie kann sich gar eine Art sanfte Enteignung vorstellen, zum Beispiel, dass Eon & Co. ihre Netze an Rentenfonds verkaufen müssen. "Das lässt sich aber nur auf EU-Ebene durchsetzen", so Hustedt.

Der noch radikalere Weg

wäre die Verstaatlichung der Leitungswege. In Dänemark, wo die Netze wieder in Staatshand sind, machen die Netzdurchleitungskosten nur 28 Prozent des Strompreises aus, in Deutschland 51 Prozent. In England hat die Regierung die Betreiber dazu verdonnert, ihre Netze zu verkaufen, und eine Behörde mit 300 Mitarbeitern zur Überwachung eingerichtet. Ergebnis der erzwungenen Transparenz: übersichtlichere Strukturen mit mehr Wettbewerb - 43 Prozent der Kunden haben ihren Stromanbieter gewechselt.

Auch in Deutschland sind die Verbraucher gefordert: Je mehr von ihnen zu günstigen Anbietern wechseln und je mächtiger die damit werden, desto schwerer wird es den alten Monopolisten fallen, ihre Macht weiter einzusetzen. Markus Zinnbauer, wissenschaftlicher Mitarbeiter für Betriebswirtschaft an der Universität München, hat untersucht, warum gerade einmal vier Prozent der Deutschen bei einem billigeren Anbieter unterschreiben, obwohl sie schon für einen Cent ihrem Tankwart untreu werden. Das Ergebnis: Desinteresse, Trägheit - und zu viel guter Glaube. Sein Rat: "den Stromversorger wechseln". Zinnbauer glaubt, dass der Markt bald in Gang kommt: "Menschen unter 30, die kommenden Haushaltsvorstände, sind viel agiler und besser informiert."

Rolf-Herbert Peters, Elke Schulze/print

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