Angriff der Strom-Krieger

26. Februar 2005, 08:00 Uhr

Kochen, waschen, heizen: Strom und Gas werden immer teurer. Der stern zeigt, wie man sich wehren und durch den Wechsel des Anbieters Geld sparen kann.

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Einmal jährlich verschlägt es Ministerialrat Peter Franke die Sprache: wenn wieder stapelweise Anträge auf höhere Strompreise auf seinem Schreibtisch landen. Was die Energiekonzerne da an Umsatz- und Kostenprognosen einreichen, ist regelmäßig auf pessimistisch getrimmt - damit die Aufschläge umso drastischer ausfallen können. "Jeder Versorger trickst anders", sagt Franke, dessen Behörde die Tarife für das Bundesland Nordrhein-Westfalen genehmigen muss. Im Dezember hat er kurzen Prozess gemacht: Zehn von 108 Gesuchen wies er ab, 75 Prozent des Rests kürzte er um durchschnittlich 20 Prozent. "Das sind wir den Verbrauchern schuldig", sagt sein Dienstherr, Energieminister Axel Horstmann.

Den Angaben der Versorger trauen Franke und seine Mitarbeiter schon lange nicht mehr. Zu oft stoßen sie auf kaufmännische Kapriolen bei den Stadtwerken. Eine Firma zum Beispiel schrieb ihr Leitungsnetz bereits seit 90 Jahren gewinnmindernd ab - 40 Jahre sind üblich. Eine andere veranschlagte für die Verlegung eines Erdkabels 250 Prozent mehr als ihr Konkurrent.

Was Franke besonders wurmt: Sind die Erlöse und Belastungen am Jahresende günstiger ausgefallen als vorhergesagt, meldet das kaum ein Stromanbieter. "Die Auflage, dies zu tun, missachten viele." Schlecht für die Verbraucher, weil sie dann nichts zurückgezahlt bekommen. Frankes Fazit: "Die Strompreise haben noch eine Menge Luft."

Sechs Jahre nach Beginn des Wettbewerbs auf dem Strommarkt steht fest: Die Liberalisierung ist gescheitert. Seit 1998 kann jeder seinen Versorger frei wählen. Und anfangs fielen die Preise tatsächlich; aggressive Newcomer wie Yello (Slogan: "Gelb. Gut. Günstig") unterboten sich mit ihren Offerten. Doch der Aufbruch währte nicht lange: Die Preise sind wieder so hoch wie zuvor. Kaum geschmälert ist die Macht der alten Monopolisten. Neuen, günstigeren Anbietern machen sie das Leben schwer, indem sie horrende Beträge kassieren für die Nutzung ihrer Netze. Rot-Grün hat sie gewähren lassen, statt für mehr Wettbewerb zu sorgen.

Doch auch die Verbraucher tragen Mitschuld an den hohen Preisen: Nur ein kleiner Teil der 44 Millionen Stromkunden hierzulande ist zu einem günstigeren Anbieter gewechselt und hat so die Preistreiber bestraft. Dabei ist das Wechseln fast so einfach wie der Kauf eines Laibes Brot. Und es lohnt sich: Bis zu zehn Prozent Ersparnis sind drin, für manche sogar mehr.

Jetzt allerdings könnte der Markt in Bewegung kommen - weil die Energiekonzerne es zu bunt treiben. Durchschnittlich 4,7 Prozent schlugen die Versorger bei der jüngsten Preisrunde Anfang Januar drauf. Die Strompreise in Deutschland sind damit in den vergangenen fünf Jahren um gut 20 Prozent gestiegen.

In Stuttgart kostet der Saft 45 Prozent mehr als vor fünf Jahren, in Thüringen ein Drittel, in Duisburg ein Viertel. Auch der einstige Billiganbieter Yello langt kräftig hin: Kunden in Hamburg etwa müssen über 50 Prozent mehr zahlen als im Jahr 2000. Manche trifft es doppelt hart. Hans Mertel aus Kaiserslautern zahlt seit Januar nicht nur knapp sechs Prozent mehr für den normalen Strom. Den Nachtstrom für seine Speicheröfen verteuerte die TWK Versorgungs-AG Kaiserslautern gleich um 14,5 Prozent. Und wer mit Gas feuert, wird bald noch einmal gemolken. Nach starken Erhöhungen im Herbst und zum Jahreswechsel wollen viele Stadt-werke im April erneut zulangen.

Etwa 35 Euro mehr muss ein durchschnittlicher Haushalt (Verbrauch 3000 kWh) in diesem Jahr für Strom drauflegen, schätzen Experten. Und weil die Versorger ihre Kalkulationen nicht offen legen, kann kein Kunde einschätzen, ob die Erhöhung zu Recht erfolgt oder nicht. Die Versorger gehen so vor, dass möglichst niemand mehr durchblickt: So erhöht die BS Energy Braunschweig nicht nur den Arbeitspreis für eine Kilowattstunde ab März um 4,7 Prozent - gleichzeitig steigt der Grundpreis von vier auf sechs Euro im Monat. "50 Prozent mehr, das ist doch unverschämt. Viele bemerken das gar nicht, denn auf der Rechnung tauchen ja immer nur die neuen Tarife auf", ärgert sich Energy-Kundin Doris Laufer.

Bundesweit gründen sich Bürgerinitiativen gegen die Stromwirtschaft. Verbraucherzentralen rufen dazu auf, die höheren Gaspreise nicht zu bezahlen. Der Bund der Energieverbraucher steht Hunderttausenden protestierenden Gaskunden zur Seite.

Es ist nicht die pure Not, die die Energiekonzerne zu höheren Preisen treibt. Die üppigen Aufschläge ermöglichen vielmehr satte Profite. Zum Beispiel beträgt der erwartete Gewinn von RWE 2004 2,15 Milliarden Euro - plus 155 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bei Eon klingelte 2004 die Kasse bei einem Reingewinn von 4,56 Milliarden sogar doppelt so laut. Zwar verweisen die Firmen darauf, dass sie auch kräftig gespart hätten. Aber dass sie auf dem Strommarkt üppig verdienen, kann niemand bestreiten. Die Börsen danken es: Die Vattenfall-Aktie schloss im vergangenen Jahr mit einem Kursplus von rund 20 Prozent, Eon und RWE legten sogar mehr als 30 Prozent zu.

Die hohen Strompreise haben inzwischen auch den Verdacht des Bundeskartellamts erregt. Dessen Chef Ulf Böge sagt: "Die Erhöhung trifft vor allem Menschen mit niedrigen Einkommen, deshalb hat sie auch eine soziale Komponente." Strom und Gas sind, anders als Kaffee oder Zigaretten, unverzichtbar. Energie ist das Lebenselixier der Volkswirtschaft. Und das wird auch für die Unternehmen immer teurer. Steigen die Energiepreise weiter, bleibt vielen nur noch die Produktionsverlagerung ins Ausland.

Besonders hart trifft es etwa die Papierproduktion und Textilbetriebe. Existenzbedrohend kann die Lage für die Hütte der Norsk Hydro in Stade werden. Seit 1973 werden dort jährlich 70 000 Tonnen Aluminium mittels Elektrolyse erzeugt. Mehr als ein Drittel der Gesamtkosten entfallen auf die Energie. Wenn der Großkundenvertrag mit Versorger RWE im Dezember 2005 endet, sieht es für die 450 Mitarbeiter des Elbwerks düster aus. "Steigt der Strompreis nur um einen Cent pro Kilowattstunde, bedeutet das für uns Mehrkosten von zwölf Millionen Euro im Jahr", sagt Sprecher Albert Boehlke. Von 2006 an will RWE seine Preise fast verdoppeln. "Uns steht das Wasser bis zum Hals. Selbst Arbeitsplatzabbau bringt dann nichts mehr", sagt Boehlke.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 07/2005

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