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Mehdorns Retourkutsche

Die Einigung mit den Lokführern schmeckt ihm überhaupt nicht. Deshalb hat Bahnchef Hartmut Mehdorn seinem Ärger jetzt Luft gemacht: Er droht mit Stellabbau und teureren Tickets. Zusätzlich nimmt Mehdorn vor allem einen aufs Korn: Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee.

Von Marcus Gatzke

Der Kessel steht unter Dampf - es braucht nur noch wenige Minuten, bevor er mit einem lauten Pfeifen anzeigt, dass das Wasser seinen Siedepunkt erreicht hat. Hartmut Mehdorn pfeift nicht, auch wenn er offensichtlich kurz vor dem kochen steht. Er, der in der Öffentlichkeit immer nur Bahn-Chef Mehdorn genannt wird, als ob er keinen Vornamen hätte, macht seinem Ärger auf dem Journalistenempfang in Berlin auf andere Weise Luft.

"Es werden wettbewerbsfähige Arbeitsplätze vernichtet mit allem, was für die Beschäftigen dranhängt", gibt er zu Protokoll. Gemeint ist der bevorstehende Tarifabschluss mit der Lokführergewerkschaft GDL, der Lohnsteigerungen von bis zu elf Prozent und einen eigenen Tarifvertrag vorsieht. Adressat seiner Kritik ist aber nicht der GDL-Vorsitzende Manfred Schell, sondern ein Minister in Berlin: Wolfgang Tiefensee.

Mehdorn ist stinksauer

Hartmut Mehdorn ist sauer, stinksauer, auch wenn er sichtbar versucht, sich zusammenzureißen. Den extrem hohen Tarifabschluss für die Lokführer hat er dem Bundesverkehrsminister zu verdanken, seinem bis dato größten und vielleicht sogar einzigem Verbündetem im Kabinett, wenn es um die Privatisierung der Bahn nach den Vorstellungen des Vorstandsvorsitzenden ging. Tiefensee hat ihn brüskiert und Mehdorn zahlt es ihm auf seine Weise heim.

"Einige nehmen für sich in Anspruch, zur Beendigung des Arbeitskampfes beigetragen zu haben", sagt der Bahn-Chef, ohne den Minister auch nur einmal namentlich zu nennen. "Denjenigen muss jedoch auch klar sein, was dieser Abschluss für Konsequenzen haben muss." Der Bahn-Chef droht offen mit Rationalisierung, der Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland und mit Preiserhöhungen: "Im Ergebnis werden wir alle Möglichkeiten zur Rationalisierung einschließlich der Verlagerung von Arbeit in Billiglohnländer nutzen müssen." Die Einigung sei "kein Sieg der Vernunft", wettert Mehdorn. Sie sei "eine Niederlage nicht nur für die Bahn, sondern auch für den Standort Deutschland."

"Werden Kunden an die Konkurrenz verlieren"

Der Konzern befürchtet, durch den hohen Abschluss im Regionalverkehr massiv an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. "Wir werden sicherlich künftig Ausschreibungen im Regionalverkehr an die Konkurrenz verlieren", heißt es aus dem Unternehmen. Mehr als zehn Monate hat die Bahn mit der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer verhandelt. Der Konzern hatte dabei nicht wirklich vor, den Forderungen der kleinen Lokführer-Gewerkschaft nach 31 Prozent mehr Lohn und einem eigenen Tarifvertrag nachzugeben. Einen erneuten Streik Anfang Januar, diesmal unbefristet, hätte das Unternehmen wohl in Kauf genommen. Einmal entfesselt, könnte die GDL zu einem dauerhaften Störfaktor innerhalb des Unternehmens werden, wird bei der Bahn befürchtet. Doch die Strategie ist nicht aufgegangen: Am vergangenen Wochenende lud der ansonsten im Kabinett so schwache Verkehrsminister die Kontrahenten ins Ministerium. "Sanften Druck" soll er ausgeübt haben, heißt es. Am Schluss musste die Bahn ihr Angebot deutlich nachbessern und wurde vom Eigentümer Bund quasi zu einer Unterschrift gezwungen. Ein unbefristeter bundesweiter Bahn-Streik hätte letztlich auf die Politik zurückfallen können, schließlich ist das Unternehmen noch zu 100 Prozent im Besitz des Staates.

Tiefensee kann sich jetzt als Retter von Millionen Pendlern feiern lassen. Das Bild, auf dem er die von Mehdorn und Schell unterschriebene Skizze zur Tarifeinigung in die Kameras hält, ist offenbar schon jetzt museumsreif: Das Haus der Geschichte in Bonn hat schon Interesse angemeldet. Auch die GDL kann die Einigung als Erfolg für sich werten.

Mehdorn macht im Gegenzug den gesamten Standort madig. "Die Methode, dass Minderheiten in einem Unternehmen sich auf Kosten der Gesamtbelegschaft bedienen, wird Schule machen", prognostiziert er in Richtung Tiefensee. Für ihn kommt die erzwungene Einigung mit der GDL einer zweiten Niederlage in Folge gleich. Im vergangenen Oktober hatte die SPD auf ihrem Parteitag in Hamburg die Bahn-Privatisierung - trotz massiver Unterstützung durch den Verkehrsminister - mit ihrem geforderten Konzept einer Volksaktie schon quasi zu Grabe getragen.

Mehdorn wäre aber nicht Bahn-Chef Mehdorn, wenn er nach der erneuten herben Niederlage einfach aufgeben und den Bettel hinschmeißen würde: "Ich werde auch 2008 zu jenen gehören, die nach vorne schauen und für eine Vollendung er Bahnreform kämpfen werden", sagt er. Nur diesmal wirkt er weniger überzeugend.

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