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Milliardenjongleur Homm wird an USA ausgeliefert

Der Druck aus den USA war groß, nun gibt Italien nach: Der deutsche Finanzjongleur Florian Homm wird ausgeliefert - trotz MS-Erkrankung. Seine Anwälte wollen vor den Europäischen Gerichtshof ziehen.

Von Nina Poelchau und Andrea Rungg

  Trotz Erkrankung: Milliardenjongleur Florian Homm wird an die USA ausgeliefert

Trotz Erkrankung: Milliardenjongleur Florian Homm wird an die USA ausgeliefert

Der frühere Finanzinvestor Florian Homm kann in die USA ausgeliefert werden. Aus Sicht des italienischen Berufungsgerichtes Corte Suprema di Cassazione in Rom spricht nichts dagegen – auch nicht, dass der 54-Jährige an Multipler Sklerose erkrankt ist. Donnerstagnacht fällte das Gericht diese Entscheidung. Jetzt könnte nur noch das italienische Justizministerium die Auslieferung Homms verhindern. Das gilt aber als unwahrscheinlich. Vielmehr ist zu erwarten, dass die Behörde das Urteil in den nächsten Tagen unterzeichnen wird. Homm dürfte dann sehr schnell nach Kalifornien ausgeflogen werden, wo ihm in Los Angeles der Prozess gemacht werden soll.

Homm, der Großneffe des Versandhausgründers Josef Neckermann, gilt als einer der weltweit skrupellosesten Finanzinvestoren. In Italien hat man ihm den Spitznamen "Madoff tedesco" ("Der deutsche Madoff") verpasst, obwohl Homm und Bernard Madoff völlig verschieden operierten: Madoff wurde mit dem Schneeballsystem reich, Homm vor allem durch Spekulationen und Leerkäufe. Die US-Börsenaufsicht SEC wirft ihm in einer Anklageschrift vor allem Wertpapierbetrug vor; in größtem Stil. Er operierte mit Milliarden, soll Anleger um mindestens 200 Millionen Euro gebracht haben. Ihm droht in den USA eine Haftstrafe von 225 Jahren.

USA übten enormen Druck aus

Das Kassationsgericht hatte am Mittwoch in Sachen Homm bereits zum zweiten Mal getagt; das erste Mal war kurz vor Weihnachten. In der ersten Sitzung wurde entschieden, dass Homm zusätzlich zu den bisherigen Ärzten auch noch von einem renommierten Spezialisten untersucht wird, Giuseppe Meco aus Rom, einem der führenden Neurologen Italiens. Dieser präsentierte dem Gericht nun das Ergebnis seiner Untersuchung: Homm sei an Multipler Sklerose erkrankt. Die Krankheit befinde sich in einem leichten bis mittleren Stadium. Aus seiner Sicht stehe einer Inhaftierung derzeit dennoch nichts im Wege.

Im Palazzo di Giustizia war auch ein Vertreter des US-Justizministeriums dabei, der mit Engagement für eine Auslieferung Homms focht. Der italienische Anwalt von Homm, Mario Zanchetti aus Mailand, erklärte gegenüber dem stern, die USA hätten in Sachen Homm "außergewöhnlichen Druck" gemacht. Für ihn sei nicht zu fassen, dass die Krankheit des Inhaftierten nicht berücksichtig werde, Homm weder in ein italienisches Spezialkrankenhaus verlegt werde noch Hausarrest gewährt bekomme. Er mache sich große Sorgen um seinen Mandanten, dessen gesundheitlicher Zustand sich im Gefängnis rapide verschlechtert habe. "In Italien gibt es keinen einzigen Häftling, der mit Multipler Sklerose in diesem Stadium einsitzt", sagte Zanchetti. "Warum Homm?"

In Haft keine angemessene MS-Behandlung

Nach den Buchstaben des Gesetzes verhält es sich rechtlich in Italien ähnlich wie in Deutschland: Schwere Erkrankungen wie Aids oder Krebs können, sie müssen aber kein Ausschlusskriterium für eine Inhaftierung sein. Abhängig gemacht wird dies auch vom Behandlungsbedarf. Multiple Sklerose hat schwer kalkulierbare Verläufe – abgesehen von gelegentlichen Spontanheilungen ist es fast immer ein Balanceakt, mit dieser Immunkrankheit zu leben. Sie tritt in Schüben auf, von denen meist jeweils Einschränkungen zurück bleiben. Dazu zählen Sehprobleme, Lähmungen, Sprachstörungen oder Depressionen. Als Auslöser für neue Schübe werden in der Forschung auch psychischer Stress und Infektionen angesehen. Für die Linderung der Symptome ist das Zusammenspiel verschiedener Disziplinen nötig: Physiotherapie, Psychotherapie, eine genau abgestimmte Medikation. Im Gefängnis würden neue Schübe begünstigt, außerdem sei die nötige, sehr genau auf den Kranken zugeschnittene Behandlung nicht gewährleistet, argumentieren Homms Anwälte.

Jan Handzlik, einer von vier Vertretern des lange gesuchten Hedgefondmanagers, erläutert, was auf diesen in den USA zukommt. Es stünde der Gefängnisbehörde frei, Homm in ein Haftkankenhaus zu verlegen, erklärte Handzlik, der in Kalifornien ansässig ist. In Los Angeles gebe es allerdings eine solche Klinik nicht. Naheliegender ist wohl, dass Homm ins Metropolitan Detention Center überführt wird, so wie alle Untersuchungshäftlinge aus dem Großraum Los Angeles. Die medizinische Versorgung dürfte dort nicht auf Spezialfälle ausgerichtet sein. Schon in Pisa hatte Homm das Problem, dass es für ihn mit seinen über zwei Metern Größe keine passenden therapeutischen Sportgeräte gab.

Muss Amanda Knox im Gegenzug nach Italien?

Auch der amerikanische Anwalt findet es außergewöhnlich, dass die Vereinigten Staaten so sehr hinter dem deutschen Staatsbürger Homm her sind, "dessen Taten schon recht alt sind und größtenteils in Europa stattgefunden haben". Die USA habe erhebliche Ressourcen mobilisiert, um Homm vor ein US-Gericht zu stellen. Handzlik kann sich das nur so erklären: "Die Ermittler verlieren ungern einen Auslieferungsfall". Einige Unterstützer Homms glauben, dass auch die Neuauflage des Verfahrens gegen Amanda Knox eine Rolle spielen könnte. Italien fordert aktuell, dass die Amerikanerin, der Mord vorgeworfen wird, zur Wiederaufnahme des Verfahrens aus den USA nach Italien ausgeliefert wird.

Florian Homm war am 18. September 2007 Knall auf Fall aus seinem Unternehmen "Absolute Capital Holdings" ausgestiegen und anschließend für mehrere Jahre untergetaucht. In dieser Zeit war von geprellten Anlegern ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt worden, er schrieb darüber ein Buch "Kopf Geld Jagd", das einige Wochen auf der Bestsellerliste stand. Am 8. März 2013 wurde er in den Uffizien in Florenz von italienischen Polizisten festgenommen. Den entscheidenden Hinweis hatte ein FBI-Beamter beim US-Konsulat in Mailand gegeben. Homm hatte die Reise unternommen, um seine geschiedene Frau und seinen Sohn zu treffen – obwohl er gewusst haben muss, dass die US-Behörden hinter ihm her waren, er zudem wusste, dass er auf deutschem Boden sicher war, denn Deutschland liefert keinen seiner Staatsbürger in ein Land außerhalb Europas aus. Dort wurde er nicht mal strafrechtlich verfolgt.

"Deutschland hat nichts getan"

In Deutschland gibt es einen kleinen Kreis alter Freunde, die zum Teil dank Homm einst viel Geld verdient haben. Sie haben zusammengelegt, um seine Anwälte zu bezahlen. Sie haben nach stern-Informationen auch großen Druck gemacht, damit das Außenministerium sich für ihren Staatsbürger einsetzt; nicht zuletzt, weil es zwischen Guido Westerwelle und Florian Homm gute Kontakte gegeben habe, als Homm noch auf freiem Fuß und Westerwelle noch im Amt war. Der erhoffte Erfolg blieb aber aus: "Deutschland hat nichts getan außer, dass der Botschafter einen respektvollen, förmlichen Brief schrieb, der mir einen Monat mehr Zeit gab", ärgert sich Mario Zanchetti.

Ausgerechnet Sahra Wagenknecht, die Florian Homm an einem Sonntag im März 2013 in der ZDF-Sendung "Peter Hahne" persönlich kennengelernt hatte, hatte sich dagegen bei der Regierung für den einstigen Spekulanten eingesetzt: Homm müsse sich vor der Justiz verantworten, aber wenn er haftunfähig sei, müsse er das Gefängnis verlassen dürfen, wünschte sich Wagenknecht. Dafür hatte sich Homm persönlich bei Wagenknecht bedankt: Ihn habe es "fast vom Stuhl gehauen", als er davon gehört habe. In den vergangenen acht Monaten habe er zwischen "nacktem Überleben, Selbstmordgedanken sowie Hoffnung geschwankt".

Der italienische Anwalt Zanchetti plant nun, den Europäischen Gerichtshof anzurufen, um die Verletzung der Menschenrechte anzuklagen.

Mitarbeit: Martin Knobbe und Luisa Brandl
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Nina Poelchau und Andrea Rungg