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25. März 2007, 12:39 Uhr

Der große Weinschwindel

Im Wein liegt Wahrheit. Was die der "Jefferson-Weine" angeht - die hat Rodenstock nie erklären können© Achim Scheidemann/DPA

Manchmal muss ein Kind kommen und rufen: Der Kaiser ist nackt. Das Kind heisst Koch. Auch er liebt Wein und sammelt ihn, in seinen Kellern liegen neben 35.000 anderen Flaschen auch vier der von Rodenstock präsentierten Exemplare, für die der Amerikaner Ende der 80er Jahre 500.000 Dollar hinblätterte. Eine weitere und fünfte dieser Flaschen stand bei einem guten Bekannten Kochs, beim inzwischen verstorbenen Verleger Malcolm Forbes, der für sein Exemplar mehr herausrückte, als je für einen Wein gezahlt wurde: 105.000 englische Pfund, damals 400.000 Mark; das war am 5. Dezember 1985 bei jener Versteigerung im Londoner Auktionshaus Christie's - Weltrekord. Auch wenn Rodenstock den März 1985, den Fund der Pullen, weitgehend vergessen hat, an den Dezember erinnert er sich verblüffend präzise: Der Hammer ist gefallen, da kommt ein Anruf aus London, am Hörer eine Dame, sie nennt 105.000 Pfund: "Und so wahr wie ich hier sitze, habe ich gesagt: "Okay, thank you so much" und habe aufgelegt. Danach habe ich mich zurückgelehnt, mir einen 59er Lafite aus dem Keller geholt und eine Zigarre angesteckt.

Weine für Finanzpotente und Prominente

Der Erste, der anrief, war ein Herr Rixen von der "Bild am Sonntag": "Ist ja sensationell. Kann man ja ein Haus von bauen für den Preis"." Fortan gibt Rodenstock das Schlagern auf, schüttelt den Staub der Tina Yorks, Gottlieb Wendehälse und Tony Marshalls dieser Welt ab und handelt nur noch mit alten Weinen. Eine Flasche für 105.000 Pfund? Und 500.000 US-Dollar für viere, deren Inhalt von der Lese bis zur Auktion 200 Jahre später kaum mehr als Essig sein kann - was trieb amerikanische Bieter und Sammler zu solchen Summen? Die Antwort liegt im "Th. J." - die Initialen sollen für Thomas Jefferson stehen. Die USA sind ein junges Land, aber die älteste Demokratie der Welt mit den Gründervätern George Washington, Benjamin Franklin und Thomas Jefferson; Militär der erste, Ökonom der zweite, Politiker der dritte. Jede Art von Memorabilia aus ihrer Hand hat Reliquienstatus. Jefferson ist der Heiligste der drei: Mitverfasser der Unabhängigkeitserklärung; dritter Präsident der USA; von Napoleon erwarb er mit Louisiana den halben Kontinent westlich der Appalachen, also die Tiefen des Raumes und damit die Zukunft des amerikanischen Westens.

Vor diesem Deal hatte er andere französische Güter gekauft: Wein. Jefferson liebte Wein, mehr noch - er hatte Ahnung. Als Botschafter am Hofe Ludwigs XVI. impfte er tags spätere Revolutionäre mit demokratischen Ideen, nachts trank er Wein. Er bereiste die Gegend um Bordeaux, er kaufte reichlich und nur das Beste, nicht nur für sich in Paris, auch für sein Daheim in Virginia und für George Washington. So einen Wein im Keller zu haben ist für jeden geschichtsbewussten Amerikaner etwas, das das eigene Ego deutlich vergrößert. Ohne die Initialen wäre der Wein nur ein alter Wein, mit ihnen ist er eine Reliquie.

Rodenstrock suchte die Flaschen zu kontrollieren

Jefferson verließ Paris kurz nach Beginn der Revolution. Wieso hat er den Wein nicht mitgenommen? Hat er ihn selbst bestellt? War es ein Geschenk? Wurde er ihm nach Paris gesandt, als er fort war? Warum war er von vier Châteaux? Und: Warum sollten die Flaschen aufwendig graviert worden sein? Fragen, die im ersten Moment kaum jemand stellte. Sicher war: Hier gab es alte Flaschen, hier gab es Gravuren, hier war eine Sensation. Alle waren glücklich: Verkäufer, Käufer, die Weinwelt ohnehin. Das Testat lieferte Michael Broadbent, heute 79, damals Chef der Weinhandelsabteilung bei Christie's, wo die Versteigerung stattfand. Dort fiel dann für Malcolm Forbes der Hammer. "Natürlich haben sie das testiert", sagt Hans Ottomeyer, Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin, im Rückblick, "Auktionshäuser testieren immer was. Sie wollen ja was verkaufen." Heute stellt es sich so dar, dass die Expertise zwar von einem Fachmann, aber nur nach Augenschein und spontan erfolgte.

Die dem stern vorliegenden Unterlagen aus London kennen keine technisch ausgearbeitete Expertise. Es galt wohl die Devise: Die Geschichte ist zu schön, sie muss einfach wahr sein. Dabei wäre es geblieben, wenn nicht das Boston Museum of Fine Arts vor zwei Jahren bei William Koch angerufen und um Ausstellung seiner Kunstsammlung gebeten hätte, inklusive der "Jefferson-Flaschen". Koch sagte zu, konnte aber die vom Museum verlangten Echtheitszertifikate für die Pullen nicht beibringen - und begann selbst zu zweifeln. Diese Zweifel sind heute verflogen, und Koch ist sicher: Er ist beschissen worden. Besuchen wir Mr Koch. Der Mann, 66, groß, sportlich, ist das, was die Amerikaner "flamboyant" nennen, schillernd.

Koch legte den Finger auf die Wunde

Er taugt als Hauptfigur für Fernsehserien. Er lebt in einer Villa in West Palm Beach, Donald Trump gleich nebenan. Er sammelt Geld, Ehefrauen, Kunst, Waffen, Schiffe und Wein. Sein Haus ist voll mit Dalis, Mirós, Cezannes, Picassos, Chagalls, Matisses und Monets. In einem Raum hängen antike Fresken. Überall stehen Schiffsmodelle, Nachbauten aller America's-Cup-Yachten, denn Koch ist ein Segler von Rang: 1992 holte er als Skipper den America's Cup in die USA zurück. Fragt man Koch, was das alles wert ist, antwortet er lakonisch: "Keine Ahnung. Viel." Seine Sammlung füllt ein Buch mit dem Titel "Things I love" - Dinge, die ich liebe. Er liebt ziemlich viel, und weil das so ist, kam 2005 das Bostoner Museum auf ihn zu.

Dann kamen die Zweifel. Zunächst nur misstrauisch, schrieb Koch an Rodenstock und bat ihn "als einzige Person, die den Fundort der Flaschen kennt", um Aufklärung. Rodenstock lehnte per Fax ab, fügte an, dass Koch die Flaschen nicht bei ihm selbst, sondern bei einem Händler gekauft habe, und empfahl sich. Koch sitzt im Yacht Club, isst Krabben und zürnt. "Wissen Sie", sagt er, "ich habe mit vielen Leuten zu tun, die mir gefälschte Kunst oder Dokumente verkaufen wollen. Ich habe einen Grundsatz: Wer mich betrügt, muss mit Konsequenzen rechnen. Es geht um meinen Ruf, nicht um Geld. Das Weingewerbe ist voller Betrüger, und Rodenstock war schon immer verdächtig. Aber niemand, kein Auktionshaus, kein Winzer, kein Sammler, niemand hat sich mit ihm anlegen wollen." Er macht eine Pause, zerkaut einen Krabbe und zischt: "Das ist jetzt vorbei."

"Wer mich betrügt, muss mit Konsequenzen rechnen"

Vielleicht bedurfte es eines Mannes, für den Geld keine Rolle spielt und der keinen Prozess scheut. Der ein Heer von früheren FBI-Agenten und einen ehemaligen US-Bundesrichter in die Spur setzte mit nur einer Mission: zu sammeln. Alles über Rodenstock. Bislang hat Koch mehr als eine Million Dollar, doppelt so viel wie für die "Jefferson-Weine", in die Untersuchung investiert. Er hat Zeit. Er hat Geld. Und er hat seine Leute. An vorderster Front Jim Elroy, 66, kräftiger Händedruck, FBI-Veteran, Spezialität: Korruption. 21 Jahre lang jagte er für die Bundespolizei Drogenschmuggler bis nach Südamerika, er arbeitete für Untersuchungsausschüsse des US-Senats. Elroy sitzt in einem New Yorker Café und erzählt. Wie ihn Koch beauftragte, wie er ein Team zusammenstellte aus einem Dutzend alten FBI-Leuten, britischen Scotland-Yard-, MI-5-Leuten sowie deutschen Ermittlern. Es hört sich an wie das Drehbuch für "Ocean's Eleven". Nur dass die Leute keine Diebe sind. Ermittlungsauftrag war: Sind die Weine Fälschungen?

Die Untersuchung führte Elroy über das Kernforschungszentrum Bordeaux bis in einen Stollen tief unter den Alpen, wo der Wein in einem Bleimantel aus römischer Zeit, gewonnen aus Barren von einer versunkenen Galeere, auf Strahlung untersucht wurde. Nachkriegsweine enthalten radioaktive Spuren, die sich erst seit den ersten Atombomben im Jahr 1945 in der Atmosphäre tummeln; eine relativ zuverlässige Methode der Altersbestimmung. Da war immerhin klar, dass der Wein aus der Zeit davor stammt. "Wir waren ziemlich frustriert", sagt Elroy, aber das war kein Grund aufzugeben. Denn im Laufe ihrer Arbeit ermittelten sie immer mehr "Jefferson-Flaschen". In diversen Zeitungsinterviews, ergab die Recherche, hatte Rodenstock mit der Zeit immer neue, höhere Fundzahlen genannt. Auch bei Gesprächen mit dem stern redete er erst von zwei Dutzend, dann von mehr. Und er habe "noch ein bis zwei Hände voll" im Keller. "Vielleicht habe ich sogar drei Dutzend!", so Rodenstock zuletzt.

Wie viele Flaschen passen in einen gepolsterten Koffer?

Das wären wohl mehr als 50 Kilogramm Gewicht gewesen. Frage: Wie viele Flaschen kann man eigentlich in einem gepolsterten Koffer wegtragen? "Uns hat er damals von sechs Flaschen erzählt", sagt Paul Breitner dem stern. Die wundersame Weinvermehrung bemerkten auch Kochs Leute, die sich auf die Spur der Flaschen begaben und auf einen Rechtsstreit aus den späten 80er Jahren stießen. Die Justizakten belegen, wie nervös Rodenstock die Kontrolle über alle von ihm hergegebenen Flaschen zu behalten versuchte. Seinem Freund Hans-Peter Frericks hatte er noch vor der Christie's-Versteigerung zwei "Jefferson-Flaschen" veräußert. Nach der Auktion wollte er ihm jeden Weiterverkauf untersagen. Bald überzogen sich beide mit Klagen, die dazu führten, dass Frericks sich aus der Weinszene zurückzog, zumal ihm anonyme, teils handschriftliche Schreiben ins Haus flatterten, die ihm Rotlichtnähe unterstellten.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 12/2007

 
 
 
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