
Alle in einem Boot: Bei einem Fortbildungswochenende im Spreewald vergnügten sich 24 Ärzte - inklusive Begleitung und Kinder© Markus Grill
Krishnans Maximen haben auch jene Novartis-Mitarbeiter beherzigt, die vor Kurzem 24 Ärzte nebst Begleitung zu einer angeblichen Fortbildungsveranstaltung in den Spreewald eingeladen haben. Das Waldhotel "Eiche" liegt idyllisch am Ende eines holprigen Waldwegs, eine Autostunde südöstlich von Berlin. Schon der Schriftsteller Theodor Fontane erholte sich hier im 19. Jahrhundert. Heute ist die "Fontane-Suite" für 143 Euro zu haben. Doch die Ärzte, die auf Einladung von Novartis an diesem angeblichen Fortbildungswochenende im Spreewald teilnehmen, zahlen nichts. Sie müssen, als sie sich am Freitagnachmittag am Empfang melden, nur eine Frage beantworten: Möchten Sie am ersten Abend nach der sorbischen Hochzeitssuppe lieber gedünstetes Zanderfilet oder Zunge in Rotweinsauce mit Zuckerschoten und Kroketten?
In einem Benimmkodex, den auch Novartis unterschrieben hat, sind solche Reisen eigentlich verboten. Detailliert regelt der Kodex des Vereins "Freiwillige Selbstkontrolle Arzneimittelindustrie", dass Ärzte nur noch dann zu Reisen eingeladen werden dürfen, wenn "der berufsbezogene wissenschaftliche Charakter eindeutig im Vordergrund steht". Ein Unterhaltungsprogramm für Ärzte dürfe "weder finanziert noch organisiert werden". Doch Papier ist geduldig. Die Sehnsucht nach Profit offenbar größer.
Im Waldhotel "Eiche" wartet auf die Ärzte und ihre Begleiterinnen zur Begrüßung ein Glas Rotkäppchensekt, dann hält Novartis-Regionalleiter Andreas N. eine kleine Ansprache. Laut offizieller Einladung stehen morgen ausschließlich schwer verdauliche Vorträge über "die Rolle der AT1-Blocker im kardiovaskulären Kontinuum", auf dem Programm. Doch keiner der Ärzte erwartet wirklich, sich den ganzen Samstag mit solchen Ansprachen herumzuplagen. Und sie können aufatmen: Seine kurze Rede beendet der Novartis-Mann mit der guten Nachricht: "Um 13.30 Uhr treffen wir uns zur Exkursion. Mitzubringen ist natürlich, wie immer, gute Laune!"

Einladung zu einem Vortragswochenende ins Waldhotel "Eiche". Es wurde gut gefeiert und gegessen
Nach ein paar kurzen Vorträgen am Vormittag treffen sich die Ärzte zum Mittagessen, mit dem der wissenschaftliche Teil des Wochenendes endgültig vorbei ist. Anschließend schlendern die Novartis-Gäste zum hoteleigenen Bootssteg, wo zwei Kähne für eine Spreewaldtour bereitstehen. Kleine Fläschchen Kirschlikör, Bitterlikör und Krombacher Bier warten auf die Mediziner. Nach vier Stunden kehren die Kähne wieder zum Hotel zurück. Während der Grillparty am Abend werden noch kleine Geschenke auf den Zimmern der Ärzte verteilt. Aus der schriftlichen Abmachung des Hotels mit Novartis geht hervor, dass selbst die Kahnfahrt und die Kosten für die abendliche Folkloregruppe in die Tagespauschale ("TP") hineingerechnet werden sollen - wohl ein Trick, den Vergnügungscharakter der Veranstaltung zu vertuschen, falls doch mal ein Staatsanwalt in der Sache ermitteln sollte.
Bezahlte Vergnügungsfahrten in den Spreewald gefallen nicht allen Ärzten, sie kosten Zeit, und wer will auch noch das Wochenende mit Kollegen verbringen. Manche bevorzugen deshalb lieber Bargeld, wenn sie ihren Patienten ein bestimmtes Medikament verordnen sollen. Bei Novartis können Ärzte Geld etwa bekommen, wenn sie an dem angeblichen "Patienten-Screening" (intern: "Extra") teilnehmen. Dazu muss jeder Arzt die Namen und Therapiegewohnheiten seiner Patienten aufschreiben, die von Exforge profitieren könnten, und ihnen anschließend das Medikament verordnen. Wenn ein Arzt 20 Patienten meldet, bekommt er dafür 330 Euro Honorar. Nach internen Unterlagen von Novartis haben in den ersten Monaten dieses Jahres mehr als 2000 Ärzte bei "Extra" mitgemacht. Dass "Extra" in Wirklichkeit nicht dazu erfunden wurde, wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen, sondern den Umsatz ankurbeln soll, ergibt sich aus einer E-Mail des Marketingmanagers Peter Goldschmidt an Regionalleiter: "Das erwarte ich von Ihnen: Mit 'Extra' abschließen - Es geht einfacher, als sie denken! Think big: Trainieren Sie mit Ihren Mitarbeitern, auf 15 Patienten und mehr abzuschließen."
Novartis will Großes: Allein in diesem Jahr sollen 290.000 Patienten in Deutschland auf Exforge umgestellt werden. Das steht in einem Besprechungsleitfaden, der dem stern vorliegt. Wie heikel der Inhalt der Broschüre ist, zeigt sich an dem mehrfachen Aufdruck "Nur für den internen Gebrauch". Der Verlust des Leitfadens hat "disziplinarische Maßnahmen zur Folge". Neben "Extra" können die Ärzte auch Honorar bekommen, wenn sie im Rahmen von sogenannten Experten-Interviews Novartis-Medikamente verordnen. Diese Interviews funktionieren nach Angaben eines Insiders wie folgt: "Ein Pharmareferent kommt zum Arzt und sagt: Wenn Sie, lieber Doktor, 20 Patienten unser Diovan verordnen und einige Bögen ausfüllen, sind Sie für mich ein Experte. Dann kann ich mit Ihnen ein Experten-Interview über Ihre Erfahrungen führen. Dafür bekommen Sie dann 200 Euro." Wenn der Arzt sagt, er habe doch schon 20 Patienten, die das Medikament nehmen, antwortet der Pharmareferent: "Nein, das gilt nicht, es müssen 20 neue sein."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 49/2007