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11. Februar 2007, 13:03 Uhr

Kinderarbeit für den Heine-Versand

In der Werkstatt in Neu-Delhi arbeiten junge Männer an Heine-Blusen. Sie schlafen auch in dem Raum, den sie nur selten verlassen können. Die Kinder sind im Untergeschoss© Adrian Fisk

Nachdem der stern Otto mit den Fakten konfrontiert hatte, ließ der Konzern die meisten Beschäftigten aus der Kellerwerkstatt von einem Zahnarzt untersuchen, der sich genau ansah, wie weit welcher Backenzahn entwickelt ist. Das Ergebnis: alle anscheinend mindestens 15 Jahre alt. Nach den Gesprächen in Neu-Delhi hat das Unternehmen trotzdem bei sechs Kindern Zweifel und gesteht ein: Sie könnten unter 14 sein - zum Teil deutlich.

Otto will sich nun um die Kinder kümmern

Und was ist mit den Fingerkuppen, mit den Wunden? Arretz sagt, er habe genau hingesehen und keine Verletzungen bemerkt. Ärztlich untersucht wurden sie nicht. Ein Zahnarzt guckt eben nur in den Mund. In dem Dossier, das Arretz mitgebracht hat, heißt es, "der Prozess des Pailettenaufnähens birgt keine Verletzungsgefahr". Otto will sich nun um die Kinder kümmern, ihnen eine Ausbildung ermöglichen. Die Verträge mit dem Lieferanten, der den Subunternehmer beschäftigt hat, werden gekündigt. Der Subunternehmer selbst darf nicht mehr für Otto arbeiten.

Das klingt nach einem klaren Schnitt. Aber bis dahin war es ein weiter Weg. Zunächst wollte der Konzern den Lieferanten zu einem Vorzeigeunternehmer aufbauen und auch dem Ausbeuter der Kinder eine Chance geben, sich zu bessern - er sollte sogar die Verantwortung für die Kinder übernehmen. Erst als die Otto-Manager entdeckten, dass der indische Kellerbetreiber ein weiteres Drecksloch unterhielt, in dem er die Beschäftigten aus der ersten Werkstatt weiterschuften ließ, änderten sie ihre Strategie. Mit denen nicht mehr, heißt nun ihre Devise.

Unwissend gestellt

Nach dem ersten Hinweis des stern auf Kinderarbeit am 20. Dezember 2006 setzte sich Otto mit dem Lieferanten in Indien in Verbindung. Einen Tag später schickte der eine Mail: Er habe gemeinsam mit Managern aus der Otto-Niederlassung in Indien die Werkstatt besucht. Die Mitarbeiter hätten gesagt, sie seien zwischen 15 und 17 Jahre alt. Kinderarbeit liege also nicht vor. Trotz dieser Information zeigten sich die Hamburger Versandhändler noch im Januar bei einem Gespräch mit dem stern hochinteressiert zu erfahren, an welchem Ort die Fotos der Kinder gemacht worden seien - da war der Laden bereits seit einigen Tagen geschlossen. In der Mail aus Indien wird ausdrücklich erwähnt, dass "zwei Ausländer und zwei Inder" in die Werkstatt eingedrungen seien, eine halb fertige Bluse mitgenommen und Fotos der Arbeiter gemacht hätten. Warum erweckte Otto dann noch im Januar den Eindruck, nicht zu wissen, wo die Werkstatt liegt? Sie hätten eine Bestätigung gebraucht, sagt das Management zu dem Vorwurf, getrickst zu haben. Die Nervosität ist greifbar. Die Vorwürfe rühren an das Selbstverständnis des Handelshauses.

Der Otto-Konzern hat sich wie kaum ein anderes Unternehmen auf die Fahnen geschrieben, dass seine Produkte zu fairen Bedingungen hergestellt werden. Die Vertragspartner müssen einen Verhaltenskodex unterschreiben, in dem die Rechte der Beschäftigten festgeschrieben sind. Endlose Arbeitstage sind danach ebenso unzulässig wie der Einsatz von Zwangsarbeitern und Kindern. Otto war wesentlich daran beteiligt, dass sich große deutsche Einzelhändler auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt haben, um soziale Mindeststandards durchzusetzen.

Offensive Werbung mit dem guten Gewissen

Daraus ist mittlerweile ein europäischer Verbund geworden, in dem sich über 60 Handelsunternehmen und Textilverbände zusammengeschlossen haben. Das hehre Ziel: kein Wettbewerb um den niedrigsten Preis unterhalb der Schwelle, an der die Billigproduktion zur Menschenschinderei wird. Ottos Unternehmen wirbt offensiv mit der fairen Behandlung der Menschen, die die Textilien produzieren: "Shopping-Spaß mit 100 % gutem Gefühl", begrüßt das Unternehmen seine Kunden im Internet.

Das ist eine Gratwanderung. Die Kundschaft verlangt Qualitätsware zu Billigpreisen. Fast 15 Milliarden Euro Umsatz machte der Konzern im vergangenen Geschäftsjahr; knapp 300 Millionen Euro Gewinn blieben hängen. Damit gehört er zu den ganz Großen im internationalen Geschäft. Um sich einen solchen Spitzenplatz zu erobern, muss Otto billig liefern. Hunderte Fabriken rund um die Welt arbeiten für den Versender - die meisten da, wo Arbeit billig ist. Bei 90 Prozent der Lieferanten wurden die Arbeitsbedingungen überprüft.

Keine Kontrollen bei Sub-Sub-Unternehmen

Aber das reicht nicht: Denn niemand weiß, ob die Kunden von einem bestimmten Kleidungsstück im Katalog 1000 oder 20.000 Stück bestellen. "Das ist ein dynamisches Geschäft", sagt Otto-Kommunikationschef Thomas Voigt, "da müssen die Lieferanten hochflexibel sein." In der Praxis bedeutet das, dass sie nicht daran gehindert werden können, Aufträge weiterzugeben. Nur so kann alles in jeder Menge schnell beschafft werden. Tatsächlich vergibt Otto keine Aufträge an dunkle Kellerklitschen - aber an Unternehmer, die wiederum Subunternehmer beschäftigen, die dann womöglich die Stoffstapel in Kellern wie dem abladen, in dem Anil und die anderen schuften mussten.

Rund um die Werkstatt im Untergeschoss eines unauffälligen dreistöckigen Hauses regiert das Chaos. Dreck liegt auf den schmalen Straßen, in denen sich Kühe durch die Menschenmassen schieben. Bettler versuchen, ein paar Münzen zu erhaschen. Hunderte von Löchern wie das, in dem die Heine-Blusen bestickt wurden, gibt es hier. Vor vielen Werkstätten stehen Komplizen der Besitzer Schmiere und achten darauf, dass sich niemand zu sehr dafür interessiert, was drinnen passiert. In den vergangenen Monaten hat die indische Polizei eine ganze Reihe der illegalen Fabriken ausgehoben und mehrere hundert Kinder aus den Stickereien geholt. Doch viele Kinderschutzorganisationen sehen die Razzien eher als PR-Aktionen an. "Es ist unmöglich, diese furchtbaren Werkstätten alle dichtzumachen", fürchtet Kailash Satyarthi von "Global March Against Child Labour".

Otto will Bemühungen verstärken

Natürlich steht in dem Verhaltenskodex, den Otto und andere Händler von ihren Partnern in Indien unterschreiben lassen, auch, dass die gleichen Standards für alle Unternehmen gelten, an die Unteraufträge vergeben werden. Zu hundert Prozent kontrollieren lässt sich das nicht - auch wenn Otto nun seine Bemühungen verstärken will. Professor Sheotaj Singh, Mitbegründer eines Rehabilitationszentrums für Kinder, schätzt die Zahl der unzureichend überwachten Bekleidungswerkstätten in Delhi auf 5000. In seinem Zentrum will er dafür sorgen, dass diese Kinder nicht für ein Leben auf der Straße befreit wurden, sondern ein Bett, ein Dach, genug zu essen und eine Schulbildung bekommen.

Der Nachschub an billigster Arbeitskraft ist in Indien unerschöpflich - ebenso wie die Nachfrage nach billigen Stickereien im Westen. Das sind die Gesetze der Branche von Michael Otto, dem 63-jährigen Konzernchef, der sich auf seinen Rückzug von der Unternehmensspitze vorbereitet. Sein Name ist seit Jahren mit der Durchsetzung von Umwelt- und Sozialstandards in der Dritten Welt verbunden. Im vorigen Jahr wurden er und sein Vater Werner für ihr Lebenswerk mit dem Deutschen Gründerpreis ausgezeichnet, zu dessen Initiatoren auch der stern gehört. Über den im Dezember entdeckten Keller in Neu-Delhi und das Leid der mittelbar für ihn tätigen Kinder wurde er laufend unterrichtet. Mit dem stern darüber sprechen wollte er nicht. Die schicke Bluse von Seite 4 des Heine-Katalogs mit "Batik-Optik, Floral-Print und Pailletten-Stickerei" ist zurzeit nicht lieferbar.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 06/2007

Von Dan McDougall und Stefan Schmitz
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