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19. Januar 2008, 10:02 Uhr

"Wir sind einen Teufelspakt eingegangen"

Reich (r.) war von 1993 bis 1997 Arbeitsminister unter Bill Clinton. Der hatte seinen Wahlkampf gegen George Bush unter das Motto gestellt: "It’s the economy, stupid!" ("Auf die Wirtschaft kommt es an, Dummkopf!")© Dirck Halstead/ Time Life Pictures

Doch vom Superkapitalismus profitieren vor allem die Reichen, die immer reicher werden.

Ja, der Reichtum wird immer ungleicher verteilt. Und zwar vor allem, weil Spitzentalente so gefragt sind. Sie werden weltweit gesucht. Für sie wird immer mehr gezahlt.

Die Vorstandsvorsitzenden der großen Unternehmen verdienen ihre aberwitzig vielen Millionen also zu Recht?

Um Spitzentalente handelt es sich ja nicht immer. Ein Beispiel: 2005 machte der Ölkonzern Exxon Mobil 36 Milliarden Dollar Gewinn. Anfang 2006 ging Vorstandschef Lee Raymond in den Ruhestand. Er erhielt 140 Millionen Dollar Abfindung, dazu hält er Aktienoptionen im Wert von weiteren 258 Millionen Dollar. Zu viel Geld?

Das würde wohl jeder unterschreiben.

Ja. Aber in den Jahren, in denen Raymond das Unternehmen leitete, hatte Exxon 16 Milliarden Dollar Gewinn mehr erwirtschaftet als vergleichbare Ölkonzerne. Das bedeutete 18 Prozent mehr Rendite für die Anleger. Die Gewinnbeteiligung für Raymond betrug gerade mal vier Prozent dieser Summe. Zu viel? Ökonomisch sind solche Summen gerechtfertigt.

Welche Folgen hat diese Kluft für die Gesellschaft?

Es ist ein soziales Desaster. Gehälter in dieser Höhe unterminieren die Solidarität einer Gesellschaft. Reiche müssten also eine bedeutend höhere, progressive Einkommenssteuer zahlen. Doch sind in Amerika die politischen Parteien so abhängig von Großspendern, dass sie diesen notwendigen Steuererhöhungen wohl kaum zustimmen würden.

Auch Ihre Partei, die Demokraten, nicht?

Nein, leider nicht. Auch die Regierung Clinton war empfänglich für Druck aus der Wirtschaft, von Lobbyisten und Wahlkampfspendern. Denken Sie nur an das Lincoln-Schlafzimmer im Weißen Haus ...

... in dem Großspender der Clintons übernachten durften.

Ja, leider. Aber es geht hier gar nicht um eine einzelne Partei oder einen Präsidenten, es geht auch nicht nur um die USA. Wir müssen vielmehr verstehen, wohin sich der Superkapitalismus entwickelt. Er schafft eine Atmosphäre, in der Demagogen von rechts wie von links Erfolg haben können. Und wenn wir uns nicht wehren, wird er über die Demokratie triumphieren. Es gibt nur eine Möglichkeit, unsere demokratischen Werte und unsere Rechte als Bürger zu erhalten: Wir müssen unsere Demokratie sauber halten. Wir müssen sie von Geld, Lobbyisten und deren Einfluss befreien. Und jetzt sehen Sie mich an, als ob ich ein hoffnungsloser Romantiker wäre.

Nun ja.

Wir brauchen eine neue Bürgerbewegung für den Erhalt der Demokratie.

Und wie soll die aussehen?

Es ist kein kämpferisches oder gar klassenkämpferisches Konzept. Es geht um Bürgerrechte - aber auch um Bürgerpflichten. Um ziviles Engagement etwa. So wie es Präsident John F. Kennedy vor vielen Jahren sagte: "Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frage vielmehr, was du für dein Land tun kannst."

Aber das ist fast 50 Jahre her.

Ich lehre seit mehr als 30 Jahren an Universitäten. Und ich habe bei meinen Studenten noch nie eine so große Bereitschaft erlebt, aktiv zu werden, etwa wenn es darum geht, Dienst für die Allgemeinheit zu leisten, sich zu engagieren.

Mittlerweile unterstützen Unternehmen Tausende Hilfsprojekte aller Art, gründen sie gar selbst. Warum kritisieren Sie dies?

Das Bekenntnis zu einem sozialen Gewissen, Verantwortung von Unternehmen ist ein Schlagwort. Es sorgt für gute Presse, es beschwichtigt die Öffentlichkeit. In Wahrheit kann es sich kein Unternehmen auf Dauer leisten, soziale Verantwortung wahrzunehmen, die mit höheren Kosten verbunden ist. Alle Unternehmen, die dies gewagt haben, existieren nicht mehr oder wurden aufgekauft. Glauben Sie Unternehmen und ihren PR-Experten kein Wort, wenn die behaupten, sie handelten für das Gemeinwohl.

Aber deren Projekte und Initiativen funktionieren wenigstens.

Das hat doch mit einer zynischen Haltung vieler Menschen der Politik gegenüber zu tun. Und auch die Politiker selbst werden so aus ihrer Verantwortung entlassen. Warum sind heute Unternehmen denn angeblich führend in Umweltfragen? Weil eben diese angeblich "grünen" Unternehmen Regierungen zugleich daran hindern, Maßnahmen zu ergreifen, die sie zu möglicherweise unerwünschten Veränderungen zwingen würden. Und selbst wenn sie auf einmal ihr grünes Gewissen entdeckten - es würde nie ausreichen, um die Probleme des Klimawandels wirklich zu lösen. Dazu braucht es starke Regierungen. Es braucht Gesetze und Regelungen, an die sich dann alle halten müssen. Wir selbst müssen neue Spielregeln aufstellen, die das Gemeinwohl schützen.

Müssen wir uns als Bürger mehr engagieren?

Ja. Wir selbst sind gefragt, die Demokratie zu reformieren. Der Bürger in uns muss den Konsumenten in uns zähmen. Es ist eine dauerhafte Anstrengung, ein Kampf. Dabei gibt es keine magische Lösung. Doch in anderen Ländern sollte man aufmerksam beobachten, was der Superkapitalismus aus den USA macht. In Deutschland ist es vielleicht noch nicht so weit. Dort sind einige Institutionen noch stärker entwickelt, die einem Triumph des Superkapitalismus entgegenstehen. Das betrifft etwa Bildung oder soziale Sicherungssysteme. Investitionen in diesem Bereich sind entscheidend, um den Menschen Chancengleichheit zu geben, ihnen einen sozialen Aufstieg zu ermöglichen. Wir als Bürger haben es in der Hand. Doch wir müssen unsere Rechte und Pflichten wirklich ernst nehmen.

Sein Buch

Sein Buch Ab dieser Woche im Buchhandel: Robert Reich, "Superkapitalismus - Wie die Wirtschaft unsere Demokratie untergräbt", Campus Verlag, 326 Seiten, 24,90 Euro

Von Katja Gloger
Seite 1: "Wir sind einen Teufelspakt eingegangen"
Seite 2: Doch vom Superkapitalismus profitieren vor allem die Reichen, die immer reicher werden.
 
 
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