
Graf Alexandre de Lure-Saluces, der Besitzer des Weingutes Chateau Yquem posiert vor seinem Schloss in Sauternes. Hier wächst der kostbarste Süßwein der Welt© Picture-Alliance/DPA
Laut den Akten ließ auch Frericks seine "Jefferson-Flaschen" untersuchen, beim GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit bei München. Fazit: "Entweder stammt der gesamte Wein aus dem Jahr 1962, oder es liegt ein Gemisch aus altem und jungem Wein vor, wobei mehr als etwa 40 Prozent des Flascheninhalts jünger als 1962 ist." Im Klartext: gepanscht, gefälscht. Kaum war das veröffentlicht, verklagte Rodenstock seinen nun Ex-Freund und behauptete, dieser habe die Flasche selbst manipuliert und ihren Inhalt gefälscht. Ein Umstand, der nicht ohne Ironie ist, da Frericks zur selben Zeit seinen Weinkeller durch das Londoner Auktionshaus Sotheby's untersuchen ließ. Ergebnis: Etliche der Flaschen mussten als gefälscht gelten, teils trugen sie manipulierte Etiketten, teils hatte es dort liegende Abfüllungen gar nicht gegeben. Quelle dieser Flaschen: Weinaufspürer Rodenstock.
Das ist alles lange her, sagt Rodenstock, und überhaupt, mit tratschenden Neidern habe er leben gelernt. Da stört es ihn kaum, dass in den USA parallel zur Klage Kochs ein weiterer Prozess anlief, in dem es um Fälschungen alter Weine geht - und in dem erneut Rodenstocks Name fällt. In San Francisco verklagte der Sammler Russell H. Frye seine Weinhändler, die Brüder Edward und Carl Gelsman, wegen Betruges. Diesmal handelt es sich um Flaschen im Wert von über einer halben Million Dollar, alle abgefüllt vor 1962. Sie seien manipuliert: Etiketten, wiesen einen anderen Farbton auf als die Original- Label. Der Wein lagere in Flaschen, die vom Château nie zum Abfüllen verwendet wurden. Die Flaschen seien neu verkapselt, die Verschlüsse passten weder zum Château noch zum Jahrgang. Und, so die Klageschrift, viele dieser Flaschen stammten laut Gelsman von Rodenstock.
Als Elroy nach der Untersuchung im Alpenstollen im Flieger sitzt, betrachtet er eine Flasche genau. Wie schön die Gravuren aussehen, denkt er. Wie ebenmäßig. Er hat eine Idee. Kaum gelandet, trommelt er weitere Experten zusammen: Max Erlacher, 73, einen erfahrenen Glasgraveur, der für die US-Regierung feinste Arbeiten fertigte, darunter das Hochzeitsgeschenk für Charles und Diana. Und William Albrecht, den FBI-Forensiker, der die Ermittlungen beim Attentat auf Ronald Reagan leitete. Max Erlacher bittet in seine Werkstatt: "Hier kommt sonst niemand rein." Er lebt sechs Autostunden von New York City in einem Kaff namens Campbell. William Albrecht ist eigens aus Idaho gekommen und Elroy aus Kalifornien.
Erlacher, geboren in Innsbruck, berichtet dem stern von den ersten Zweifeln, als sie in Florida die vier Koch-Flaschen begutachteten. Dass die Gravuren "so erstaunlich eben waren, nicht ausgefranst an den Enden, fast perfekt. Zu perfekt". Wie sie einen Tag lang die Koch-Flaschen prüften, hernach auch die Rekord-Pulle von Forbes, jeden Millimeter fotografierten und katalogisierten. Das Resultat: Die vermeintlichen Jefferson-Stücke waren mit einem elektrischen Bohrer graviert. Keinesfalls aber mit einem pedalbetriebenen Kupferrad aus dem 18. Jahrhundert. "Schauen Sie", sagt Erlacher und zeigt eine Vergrößerung, "die Punkte und Rundungen auf den 'Jefferson-Flaschen' sind ganz sauber. Das funktioniert niemals mit einem Kupferrad." Selbst der Laie kann das sehen. "Gefälscht", sagt Erlacher, "und auch noch plump." Damit konfrontiert, erwidert Rodenstock, dass er einem rachelüsternen Mann wie Koch zutraut, die echten Gravuren mit einem modernen Bohrer nachgezogen zu haben, um ihm zu schaden. Theoretisch möglich, praktisch Unfug. Denn wie steht es mit den Gravuren auf Flaschen, die nachweislich nie im Besitz Kochs oder seiner Leute waren?
Die Koch-Truppe hat zwei weitere Flaschen untersuchen können: Yquems, die Rodenstock im Mai 1985 persönlich beim damaligen Besitzer des Châteaus vorbeibrachte. Zusammen hatte man damals die Flaschen entkorkt und getrunken, der Wein war angeblich köstlich, seitdem standen die leeren Flaschen sicher verschlossen. Als Kochs Leute diese Flaschen untersuchten, brauchten sie nicht lange zu schauen: Die Gravur war identisch mit den amerikanischen Pullen. Beide gefälscht. Dazu sagt Rodenstock: "Hm." Pause. "Weiß ich nicht. Vielleicht sind einige Flaschen echt und andere nicht. Vielleicht bin ja auch ich betrogen worden." Der stern hat mehrfach angeboten, die Gravur einer der ihm verbliebenen "ein bis zwei Hände voll" Flaschen bei der Berliner Bundesanstalt für Materialforschung untersuchen zu lassen; es ist die Anstalt, die 1983 die "Hitler-Tagebücher" als Fälschung entlarvte. Rodenstock hat das abgelehnt.
Selbst wenn die Gravuren modern sind, könnte sich Rodenstock noch immer als ein Betrogener darstellen. Keiner hat ihm nachweisen können, die Flaschen selbst graviert zu haben. Er habe ja auch, betont er, nie behauptet, die Jefferson-Initialen seien echt. Das sei stets Michael Broadbent gewesen: "Wenn Christie's mir sagt, sie haben es von ihrem größten Keramik- und Glasexperten, dass die Gravur echt ist - wenn mir das gefaxt wird, dann ist das Thema doch für mich beendet. Da bin ich doch aus dem Schneider!" Stets hat die Glaubwürdigkeit Rodenstocks am Urteil Broadbents gehangen. Dessen Reputation geht jetzt in Scherben. Rodenstock könnte dem Briten helfen, indem er Dinge preisgibt, die nur er weiß. "Wieder und wieder habe ich Rodenstock inständig gebeten, die Quelle seiner Flaschen zu nennen, er weigert sich", klagte der greise Broadbent, als er im Oktober von Kochs Emissären gegrillt wurde. Käme die Bundesanstalt zum Ergebnis, die Flaschen wären alt und die Gravur ebenfalls, wäre Broadbent gerettet.
Rodenstock denkt über diesen Punkt nach; dann zuckt er mit den Schultern, lächelt und sagt: "Nein!" Im Übrigen sei sein Gerichtsstand München, er selbst habe Koch ja gar nichts verkauft und ausreichend Wein im Keller, um bis zum Ende seiner Tage stets genug im Glas zu haben. Um Broadbent täte es ihm schon etwas leid, aber was könne er schon machen? Tja. Sagt Rodenstock die Wahrheit? Dagegen spricht die Unterdrückung von Fakten. Schon auf dem New Yorker Standesamt, wo er 1992 seine heutige Frau heiratete, hatte er falsche Angaben gemacht, als er behauptete, nie zuvor verheiratet gewesen zu sein. Stimmt nicht, aus der vorigen Ehe stammen zwei Kinder. Aber das mag eine Petitesse sein. Rodenstock: "Da habe ich wohl aus Versehen etwas Falsches angekreuzt."
Wichtiger ist, dass es sehr früh eine wissenschaftliche Analyse zu dem Fall gab - aber aus einer unvermuteten Ecke: der der Bücherwürmer. Kaum war die erste Flasche 1985 versteigert, setzte sich Lucia Goodwin von der Jefferson Foundation in Monticello, Virginia, hin und nahm sich die Korrespondenz Jeffersons vor. Jefferson tat keinen Schritt, ohne darüber Buch zu führen. Er war ein Pedant. Die Foundation ist die Gralshüterin des Jefferson-Nachlasses, der berühmt ist für seine Vollständigkeit. Goodwin durchforstete alle Jefferson-Unterlagen nach Hinweisen auf Weinbestellungen für die genannten Châteaus und Jahrgänge 1784 und 1787. Sie fand nichts, was Broadbents These stützen könnte, dafür aber vieles, was dagegen spricht: Keinerlei Hinweis gibt es auf Château Lafitte des Jahrgangs 1787, der ist aber auf den Koch-Flaschen eingraviert. Überhaupt die Gravuren: Nichts in Jeffersons Briefen deutet darauf hin, dass der Mann einzelne Flaschen derart aufwendig graviert haben wollte - eine einzige Gravur hätte mit dem damals vorhandenen Werkzeug auch Stunden gedauert und hohe Zusatzkosten verursacht -, Jefferson aber hat nachweislich immer nur für Wein bezahlt.
Die "New York Times" schrieb über den Goodwin-Bericht, was auch der um seine frische Reputation besorgte Rodenstock mitbekam. Er schrieb nun seinerseits Goodwin einen Brief des Inhalts, dass sie von Tuten und Blasen keine Ahnung habe und sich in Weinangelegenheiten gefälligst geschlossen halten solle. Wie unverschämt auch immer, Rodenstock erhielt aus Virginia den gesamten Forschungsbericht mit allen Vorbehalten und Zweifeln. Es folgte ein briefliches Hin und Her, in dem Rodenstock seinen Ton mäßigte, was ihm aber keine Entlastung brachte. Die Jefferson-Forscher blieben bei ihren Zweifeln. Trotz aller akademischen Einwände aber verkaufte Rodenstock munter weiter die "Jefferson-Flaschen". Und also kamen peu à peu immer mehr von ihnen unters Volk und schließlich auch Sammler Koch in ihren Besitz - für den Vorwurf des möglichen Betrugs muss Rodenstock die Flaschen nicht einmal selbst gefälscht haben. Den Briefaustausch mit der Jefferson Foundation leugnet Rodenstock. Er liegt der Redaktion vor, als Kopie aus Virginia.
Rodenstock hat trotz Bedenken verkauft und geschwiegen. Hardy Rodenstock, alias Meinhard Görke, mag das unterschätzt haben. 20 Jahre lang konnte er tun und lassen, was er wollte. 20 Jahre spürte er wie einst Heinrich Schliemann die unglaublichsten Schätze auf. 20 Jahre lang ließ er sich dafür feiern von ergebenen Claqueuren, Promis und einer verblüffend freundlichen Presse. 20 Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Aber nicht für Wein. Alter Wein verzeiht keine Fehler. Und manchmal, wie im richtigen Leben, kippt alter Wein ganz einfach um.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 12/2007