
Novartis-Gebäude an der doppelstöckigen Dreirosenbrücke in Basel© Gaetan Bally
In krassem Gegensatz zu der von Marketingchef Krishnan ausgerufenen "aggressiven Strategie" stehen die ethischen Bekenntnisse von Novartis. Der Konzern hat nicht nur den Kodex der Arzneimittelhersteller unterschrieben, der es in Artikel 6 ausdrücklich verbietet, Ärzte in ihrer Medikamentenauswahl in unlauterer Weise zu beeinflussen und ihnen Vorteile anzubieten. In Hochglanzbroschüren versichert die Firma: "Bei der Vermarktung und dem Verkauf sämtlicher Produkte von Novartis gelten hohe ethische Standards."
Der stern bat Novartis zum Spreewaldausflug, zu "Extra", "Exzellent", zu den Experten-Interviews, den massenhaften Musterpackungen und den honorierten Patientenschulungen Stellung zu nehmen. 14 Tage ließ sich das Unternehmen Zeit, dann schickte es ein Fax, in dem es keine einzige der Fragen konkret beantwortete. Nur ganz allgemein teilte die Firma mit: "Novartis Pharma unterstützt die Freiwillige Selbstkontrolle (FSA). Zusätzlich hat Novartis einen eigenen, sehr weitreichenden (...) Kodex. (...) Verstöße werden dabei konsequent verfolgt und aufgearbeitet." Ein Dementi sieht anders aus.
Auch Ärzte verstoßen gegen ihren Berufskodex, wenn sie Geld oder sonstige Vorteile für die Verordnung bestimmter Medikamente annehmen. Doch Verstöße gegen den Berufskodex können nur von den Landesärztekammern verfolgt werden - und die drücken gern mal beide Augen zu. Wie etwa die Landesärztekammer Brandenburg. Sie hat den Wochenendtrip in den Spreewald nicht nur genehmigt, sie hat auch noch Punkte dafür vergeben, mit denen die Ärzte ihrer Fortbildungspflicht nachkommen. Acht Punkte haben die teilnehmenden Ärzte für den Spreewaldausflug erhalten, plus einen Zusatzpunkt für "Lernerfolgskontrolle vor Ort".
Als der stern der Landesärztekammer Brandenburg dazu ein paar schriftliche Fragen stellte, verweigerte deren Präsident Udo Wolter jede konkrete Auskunft. Etwas unternommen gegen die zweifelhaft ergatterten Fortbildungspunkte hat die Landesärztekammer offenbar nicht mal, nachdem sie auf den Fall aufmerksam gemacht worden war. Die Kontrolle der Ärztekammern gegenüber ihren Kollegen ist schlicht eine Farce.
PS: Im Oktober gab es doch noch eine gute Nachricht für Novartis. Die Firma gewann den Big Brother Award. Der Preis ging an Geschäftsführer Peter Maag: für die Bespitzelung eigener Mitarbeiter. Ein böser Preis: So habe Novartis seine eigenen Pharmareferenten von Detektiven kontrollieren lassen, die jeden Arzt- und Apothekenbesuch protokollierten. Das Unternehmen, so begründet die Jury aus Bürgerrechtsaktivisten ihre Entscheidung, "führt seinen Kampf nicht mehr gegen die Konkurrenz, sondern gegen die eigenen Mitarbeiter". In einer E-Mail an die Mitarbeiter vom 15. Oktober 2007 gab Novartis-Chef Peter Maag sogar zu, dass es in "fünf Fällen" eine "Überwachung von Kollegen im Außendienst durch externe Dienstleister" gegeben habe. Allerdings, so Maag per E-Mail an seine Mitarbeiter, werde "es keine öffentliche Stellungnahme von Novartis dazu geben".
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 49/2007