20. Februar 2009, 16:25 Uhr

Warum ich meinen Bonus will

Er ist Investmentbanker. Bei einer Bank, die mit Steuergeldern vor der Pleite gerettet wurde. Die will ihm seinen Bonus mitten in der Finanzkrise aber nicht mehr zahlen. Aber er besteht darauf, notfalls will er vors Gericht ziehen. Er sagt, er hätte sich das verdient. Von Axel Hildebrand

Bonuszahlungen, Boni, Bankmanager, Investmentbanker

Er hat gearbeitet, nun will er auch seinen Bonus haben - obwohl die Steuerzahler sein Institut retten mussten. Gegenüber stern.de äußert sich der Investmentbanker. Auf dem Symbolbild ist er nicht zu sehen©

Einen Nadelstreifenanzug trägt er, dazu ein feines hellblaues Hemd, ebenfalls mit dünnen weißen Streifen durchzogen. Seine Krawatte ist sauber gebunden, sein Haar mit Gel gescheitelt. Der Mann heißt in dieser Geschichte Martin, weil seine Bank nicht wissen darf, dass er sich äußert, und weil das, was er sagen möchte, in der Öffentlichkeit nicht gut ankommt.

Er ist Investmentbanker und seine Bank hat ihm den Bonus gestrichen. Das will er nicht hinnehmen. Um seinen Bonus will er kämpfen, notfalls vor Gericht. Aber der Reihe nach.

Sein Arbeitgeber hat sich verzockt

Sein Arbeitgeber ist eine der Banken, die mit hochriskanten Aktien- und Wertpapiergeschäften gezockt haben. Das ist in vielen Fällen, wie auch in diesem, besonders gründlich schief gegangen. Der Staat muss mit einem zweistelligen Milliardenbetrag bürgen.

Nun gibt es deutsche Banken, die sich vom Staat retten ließen und dennoch Bonuszahlungen verteilen wollten. Die Kanzlerin und der Außenminister haben das scharf kritisiert. Angela Merkel fand es "unverständlich, dass Banken, denen der Staat unter die Arme greift, in vielen Fällen gleichzeitig riesige Bonussummen auszahlen".

"Versager in Nadelstreifen"

Vielfach ist in diesen Tagen nicht mehr von Geldhäusern und deren Bankiers die Rede, sondern von "Drecksbanken" und "Versagern in Nadelstreifen". Als Investmentbanker muss sich Martin in diesen Tagen gegenüber Freunden und Kunden oft verteidigen und erklären. Er faltet die Hände und atmet tief durch.

Um seinen Fall zu vermitteln, muss er ein wenig ausholen. Seine Abteilung begleitet Transaktionen (Mergers & Acquisitions, kurz M&A). Sie bewerten Unternehmen, koordinieren einen Verkauf oder eine Übernahme. Bezahlt werden sie nach dem Wert der Transaktion. Je höher der ist, desto höher fällt die Provision aus. Mit Aktien- und Wertpapiergeschäften, mit komplizierten neuen Finanzprodukten, die am Ende keiner mehr verstand, mit Wetten auf Schuldverschreibungen - mit all dem hat dieser Investmentbanker nichts zu tun. Die Kollegen in seiner und anderen Banken, die die Finanzkrise verursachten, hätten "Mist gebaut", sagt er. Die Empörung in der Öffentlichkeit kann er verstehen.

Diese Investmentbanker haben vernünftig gewirtschaftet

Doch seine Abteilung fuhr - entgegen dem Trend - den größten Gewinn seit Jahren ein. Diese Investmentbanker haben vernünftig gewirtschaftet und konnten mehrere Millionen Euro Gewinn an die Bank überweisen. Und natürlich war auch Geld zurückgelegt worden, um die Boni auszuzahlen. Dabei hatten sich ihre Möglichkeiten, Geld zu verdienen, ab dem Sommer 2008 drastisch verschlechtert. Als die ersten Anzeichen der Finanzkrise sichtbar wurden, fanden weniger Firmenkäufe und -übernahmen statt. Die Jungs aus der M&A-Abteilung mussten Gas geben.

Martin arbeitet seit acht Jahren in der Branche, zuvor war er bei einer großen Investmentbank in London. Für ihn ist es normal, dass das Grundgehalt im besten Fall durch den Bonus noch einmal verdoppelt wird. Das sollte auch für das vergangene Jahr gelten - sobald seine persönlichen Ziele und die der Abteilung erreicht worden waren. Zwar ist die Bank fast pleite: Aber diese beiden Ziele sind erreicht worden.

Leben in einem "Hamsterrad"

Der Preis für den Gehaltszuschlag ist hoch. "Die Leute sind in einem Hamsterrad", sagt er: "Wer immer weiterläuft, kriegt am Ende seine Möhre." So sei das mit dem Bonus. Wenn der wegfällt, fühle sich das wie Schläge an. "Es gibt keine härtere Bestrafung für uns."

Martin strebte mit aller Macht nach der Möhre. Morgens kam er um neun Uhr ins Büro, abends ging er um zehn, manchmal um elf Uhr. Wie alle seine Kollegen. Im Urlaub und am Wochenende musste er seinen Blackberry anlassen und E-Mails zügig beantworten. Von seinen 30 Tagen Urlaub konnte er nur zehn nehmen. Er kennt das nicht anders. In manchen Jahren hat er "All-Nighters" gemacht: Man arbeitete einen Tag, die darauf folgende Nacht und dann wieder den nächsten Tag. 36 Stunden am Stück. Im vergangenen Jahr habe er mindestens 1000 Überstunden gemacht. "Manchmal ist das ein Scheiß-Leben", sagt er. Aber er habe sich bewusst dafür entschieden.

"Kein Geld der Welt kann wiedergutmachen, worauf ich verzichte"

Martin lehnt sich zurück in den roten Ledersessel, streicht über die Lehne. Er lächelt unsicher. Stolz ist er darauf nicht. "Kein Geld der Welt kann wiedergutmachen, worauf ich verzichte." Die acht Jahre in der Branche seien "weg".

Deshalb ist ihm der Bonus so wichtig. Es geht ihm nicht allein um das Geld. Wären die Boni gezahlt worden, würde er rund 200.000 Euro verdienen. Ohne ihn bekommt er etwa 100.000 Euro. Natürlich könne er davon gut leben. Aber in seinem Arbeitsvertrag steht, dass alle Überstunden durch das fixe und variable Gehalt abgegolten sind. "Das ist ein Schmerzensgeld für die ganze Arbeitszeit." Es ist ein symbolischer Wert, aber für einen, der sein Privatleben unter der Woche fast aufgibt, ist das ein hoher Wert.

Er fühlt sich betrogen

Nun fühlt er sich betrogen. "Ich habe gearbeitet, weil ich glaubte, dafür entlohnt zu werden. Das war der Antrieb." Boni gegen Lebenszeit. Das war der Deal. Jetzt sagt er: "Dieses Vertrauen wurde missbraucht."

Martin nimmt das Wort "Arbeitgeber" nicht in den Mund. Für ihn ist die Bank ein "Vertragspartner". Er gehört nicht zu denen, die um einen Arbeitsplatz bangen müssen. Zweisprachig aufgewachsen, spricht er heute sechs Sprachen fließend. Über klassische Musik kann er sich genauso gut unterhalten wie über die Feinheiten des nordamerikanischen Konsumgütermarktes. Er gilt als Experte für mathematische Modelle. Sein Team hat gerade ein Angebot bekommen, sie könnten ins Ausland wechseln. Er überlegt das ernsthaft. "Wenn kein Bonus kommt, ist die Bank für mich tot."

"Gier ist aber das letzte, was ich mir vorwerfen lassen will"

Zusammen mit Kollegen überlegt er, seinen Arbeitgeber notfalls zu verklagen. Seinen Teil des Vertrages habe er eingehalten. Nun soll die Gegenseite liefern. Staatsbürgschaft hin oder her, klar sei das schwierig. "Gier ist aber das letzte, was ich mir vorwerfen lassen will." Aber warum, fragt er, solle er für die Fehler anderen hinhalten?

Er glaubt, er hat gute Argumente. Wer arbeitet, müsse auch sein Geld bekommen. Und wer gut arbeitet, müsste doch auch gut bezahlt werden. So war das doch immer, oder? Warum nicht auch heute, in diesen Zeiten?

Von Axel Hildebrand
 
 
KOMMENTARE (10 von 125)
 
woris (22.02.2009, 23:28 Uhr)
blacky007
So,so,
Ware aufräumen oder Belege sortieren sind als für Sie niedere Tätigkeiten.
Wer macht den diese Arbeit für Sie?
Bitte keine Überheblichkeiten.
Darum reden wir doch.Darum geht es hier überhaupt.Abgehoben ohne realen Bezug.Traurig.
otheropinion (22.02.2009, 22:50 Uhr)
Viele Menschen arbeiten viel
aber wenn ihre Firma pleite geht, sind sie trotzdem weg vom Fenster. Das ist nicht schön für den Banker aber auch nicht die Schuld des Steuerzahlers und deswegen muss der auch nicht dafür aufkommen, dass seine Bank für ihn aufkommen muss. Denn auch den Steuerzahlern geht es nicht immer gut. Was für ein dämliches Gejammer!
Corazito3333 (22.02.2009, 20:27 Uhr)
Er hat doch soviel gearbeitet
freiwillig und nur dem Geld verpfichtet. Aber alle sind nur "neidisch" u. gönnen dem armen Jungen seine Boni nicht. Kann ich nicht verstehen, so an Arbeiter der arbeitet vielleicht am Hochofen oder am Fließband seit viellicht 30 Jahren und kriegt keinen Boni, sondern wird in Hartz4 entlassen und schnell ist er seine Ersparnisse los und hat keine Kohle für die Ausbildung seiner Kinder. Aber der hat ja nicht mit dem Kopf gearbeitet - feiner Unterschied!
Also Arbeitslose verdammen, die sind doch selbst schuld aber die Leute mit Kopf - müssen vieeeel mehr kriegen!
FlyingDutchman (22.02.2009, 19:20 Uhr)
Ich kann ja durchaus verstehen ...
... und teilweise auch nachvollziehen warum er einen Bonus gerne hätte. Es ist aber nun einmal so dass sein Vertragspartner die Bank ist. Wenn diese Bank nun aus Gewinnen seinen Bonus bezahlen würde. wäre nichts dagegen einzuwenden. Es ist aber nicht richtig einzusehen warum der Steuerzahler über die Bankenhilfen Bonuszahlungen finanzieren sollte.
n8g8 (22.02.2009, 01:09 Uhr)
Zensur
Hallo "Stern-Team".
Warum wurde mein Beitrag ZENSIERT?!?
Das Verhalten Ihres naiven, weltfremden Banksters ist doch wirklich "kindergartenreif" und die Studiengebühren müsste er doch heute entrichten müssen, wenn er einen "Neuanfang" startet.
Er ist doch genau einer derjenigen, die vehement Studiengebühren fordern. Warum er die fordert und aus "welcher Kasse" er die HEUTE bezahlen würde, ist doch eine äußerst interessante Frage. Aber sogar die habe ich gar auch nicht in Frage gestellt. :-)
Also stellt sich einem Zensuropfer eine Frage: für welche Lobby?
jojo0303 (21.02.2009, 17:47 Uhr)
36 Stunden
36 Stunden am Stück! Aha!
ich bin schon nach 10 bis 12 Stunden platt. Aber mit den richtigen Pillen geht das sicher, die kosten halt ein bisschen was, da sind 100.000 € schnell verjuxt.
matty99 (21.02.2009, 14:51 Uhr)
Tja die Boni
Also wer solch ein Arbeitsverhältnis eingeht ist selbst Schuld. Und 1000 Überstunden macht auch nicht mehr als einen 12 Stunden Tag. Dafür 100.000 Euro als Grundgehalt ist ja schon nicht schlecht.
Plus, ganz einfach, wenn der "Vertragspartner" nunmal pleite ist, gibts kein Geld und wenn man dann noch sagt es ist ein "Vertragspartner" stehen die Vergütungsansprüche halt auch hinten an. Anders als bei Arbeitnehmern.
Ist nun mal das Risiko als Selbständiger.
Ab in den Ordner unter Selbsterfahrung und das heulen lassen.
Shinwatoshi (21.02.2009, 12:55 Uhr)
Der arme Junge...
... er tut mir so richtig leid. Nein wirklich, das tut er. Er nagt ja am Hungertuch. Und hey, er hat gearbeitet, Überstunden gemacht, etc blabla.
Ja, und? Habe ich auch und was habe ich nun davon?
Nichts! Denn die Firma ist pleite! Eine Folge von der Misswirtschaft von Martin und seinem "Vertragspartner" und Co. natürlich. Und, mein lieber Martin, darf ich DICH jetzt verklagen, damit ICH das Geld bekomme, dass MIR auch tatsächlich zusteht und das mir gezahlt worden wäre, wenn DU UND CO. nicht scheiße gebaut hättet?
Du und deinesgleichen lieber Martin könnte ruhig klagen. Wenn ihr eure Bonis dann auch tatsächlich bekommt, dann verklag nicht nur ich euch auf Schadenersatz wegen Arroganz, Dummheit und Co.
Mahlzeit!
DEBullshit (21.02.2009, 11:51 Uhr)
Nix verstanden
Es scheint mir, als würde die Bevölkerung gar nichts verstehen.
Klar, viele Banken sind "Pleite". Allerdings haben diese Banken auch ausstehende Forderungen. Würden diese eingezogen werden, und ich meine alle Foderungen, so würde diese Krise noch viel Schlimmer werden. Würden alle Länder, die sich jetzt neu verschulden ebenfalls ihre Forderungen einziehen, so würden ganze Staaten wirklcih Pleite gehen. Das wären dann kriegsähnliche Zustände.
Sollte Deutschland Insolvent gehen, so wird jeder Bürger dafür aufkommen müssen. Das nennt man Solidarität.
Der eigentliche Punkt ist der, dass vorallem in Deutschland die Bürger dermassen duckmäuserisch geworden sind, dass die regierung machen kann was sie will.
Wo sind die grossen Proteste, die Menschenmassen die sich das ausbeuten und veräppeln nicht länger gefallen lassen?
Statt hier sich gegenseitig bzw. auf diesen Martin verbal zu kloppen, könnte diese Energie doch genuzt werden um endlich aufzustehen und zu zeigen ds es einen (den Bürger) gibt und dieser fähig ist sich zu wehren.
Noch muss niemand hungern, keiner wird enteignet, keiner muss Zwangsarbeit leisten.
Noch, denn wenn diese rücksichtslose Verschuldung und Verschwendung so gnadenlos weiterverfolgt wird, wird dies eventuell unseren Kinder geschehen.
Merkt denn ekienr, das seit Jahren bereits ein Krieg gegen die normale Bevölkerung geführt wird?
Scheint nicht so.
Und all die die hier so laut gegen diesen Martin schimpfen, die sollten sich mal fragen wie sich sich fühlen würden wären sie in seiner Haut.
Es gibt nunmal verschiedene Realitäten der Existenz. Zu seiner gehören die 1000 Überstunden, 100`000 Euro Gehalt etc.
Andere Arbeit, anderes Umfeld andere Realität. Und wer sind wir schon zu richten über die richtige / falsche Realität?
Vielleicht, in der Stunde grösster Not, versteht der deutsche Bürger endlich, das seine Existenz, sein WIlle und seine Ideale mehr wert sind als Abwrackprämien, angebl. Steuersenkungen, gebrochene Wahlversprechen, gestohlene Solidaritästgelder etc.
Wacht endlich auf, bevor es zu spät ist. Denn die Realität die dann erschaffen ist, wird eine sein in der Zurecht gejammert werden kann.
friedolin (21.02.2009, 10:19 Uhr)
Tja armes Mäusschen Martin
Nur ganz ganz schwerlich kann ich mich überwinden mit Dir, lieber Martin, Mitleid zu haben.
Auch ich habe eine Bonusregelung, zusammen mit den anderen Abteilungsleitern in unserer Firma. Allerdings werden wir nur als Team gewertet. Hat die Firma die Gewinnerwartungen übertroffen, bekommen wir alle zusammen einen (im vergleich zu Deinen Verträgen wirklich lächerlichen) Einmalbetrag bezahlt.
Gehts der Firma schlecht, bekommen wir keine Bonus. Wie auch bei Euch sitzen wir alle in einem Boot.
Tja und unsere Firma, die bekommt keinen Cent vom Staat, wenn sie schlecht gewirtschaftet hat. Da sagt Papa Staat dann nämlich "Pech gehabt", und schickt uns den Insolventzverwalter, die Steuerprüfer und den Staatsanwalt ins Haus.
Insofern kannst Du, lieber Martin, das wahrscheinlich nicht nachvollziehen. Denn Deine Branche, die arbeitet 1. nicht mit eigenem Geld und 2. kann den Staat und uns alle anderen Steuerzahler wunderbar erpressen, wenns mal nicht so läuft.
Lieber Martin. Ich wünsche Dir, dass dein "Vertragspartner" insolvent geht und Du wie alle anderen Arbeitnehmer in Deutschland deren Firmen pleite gegangen sind sogar mit Lohnpfändung zu rechnen hast. Was die Lieben Banken nämlich seit jahren machen nennt man bei den dummen ehrlichen Firmen "Insolvenzverschleppung" und "Bilanzfälchung".
Ach so. Noch was. Mit Überstunden und Workaholic Geheule kannst Du hier niemanden beeindrucken. Selbst der kleinste - Nichtbebonuste muss heutzutage im Hamsterrädchen laufen. Wie gesagt ohne Extra-Vergütung und Nadelstreifen.
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