Neun Milliarden Euro Schulden, Machtkampf in der Führungsriege, Umsatzrückgang: Porsche steckt tief in der Krise. Und mittendrin: Porsche-Chef Wendelin Wiedeking. Aber es gibt einen Ort, da wird man ihn wohl ewig lieben. In der Kleinstadt Bietigheim ist Wiedeking unangefochtener Patriarch und Lieblingsbürger. Von Lorenz Wagner

Da waren die Zeiten noch rosig: Porsche-Chef Wendelin Wiedeking sitzt während der Bilanzpressekonferenz 2008 in einem aktuellen Auto des Konzerns© Bernd Weiflbrod/DPA
Im Schwabenland liegt ein Städtchen, in dem es lange Jahre fast keine Sorgen gab. Es ist eine ausgesprochen schöne Stadt, halb Fachwerk, halb Garten, die Häuschen sind haselnussbraun oder gelb wie Butter, und an ihren Wänden ranken Wein und wilde Rosen.
Alles ist eng und verwinkelt, Hunderte Jahre sind die Gassen alt, heißen Schwätzgässle und Hexenwegle, und alle zehn Schritte lässt sich eine kleine Schönheit beschauen: eine steinerne Laterne; ein Tor mit Wappenschild; ein Oleanderstrauch; eine Kuh mit vergoldeten Hörnern; oder ein ganz eigener Straßenschmuck: Porsches. Sie gehören dem Metzger, Bäcker, Schuhmacher, Wirt, Hemdenfabrikanten und Hotelier, und sie gehören zu Bietigheim wie das Rathaus mit Verkündkanzel und Erkerturm.
Bietigheim ist eine reiche Stadt, sie zählt 40.000 Bürger und 30.000 Arbeitsplätze und beherbergt Firmen, die mit ihren Hemden, Scheibenwischern und Lackierrobotern die Welt erobert haben. Vor allem aber ist sie die Heimat eines Mannes, der sie mehr geprägt hat als jeder Bürger vor ihm: Wendelin Wiedeking, genannt König von Bietigheim.
Wie es sich niemand hätte träumen lassen, ist der König in eine verflixte Sache hineingeraten. Ganz keck wollte er mit seiner kleinen Firma Porsche den Volkswagen-Konzern übernehmen, was derart schiefging, dass Porsche nun sogar den Staat um Stütze bitten muss. So ist Bietigheims König zu Deutschlands Buhmann geworden, zum Sinnbild des zockenden Managers. Und das tut ihm so weh, dass er kaum mehr einen an sich ranlässt, nur mehr einige Vertraute bei Porsche. Und seine Bietigheimer Freunde. Denn die zittern mit ihrem König.
Wendelin ist alles für diese Stadt. "Er ist unser Patriarch", sagt Bürgermeister Jürgen Kessing. "Er ist ein Mann wie Röchling oder Grundig." Seit zwei Jahrzehnten verteilt Wendelin Gunst und Geld, allein seine Einkommensteuer macht den Kämmerer glücklich. Dazu kommen die Gelder der Porsche-Töchter, die hergesiedelt sind: Design, Vertrieb, Lizenzgeschäft, Beratung, Finanzierung, sie sitzen in einem Glasturm vor der Stadt, "unserem Flaggschiff", wie der Bürgermeister sagt.
Und Wendelin und Porsche sind nicht nur die größten Steuerzahler der Stadt, sie sind auch ihre größten Mäzene. Sie fördern die Musikschule. Und die Steelers, Meister der 2. Eishockeyliga. Und das Reitturnier. Und Kinder, die sich keinen Mittagstisch leisten können. Und das Hospiz. Und das Musikfestival "Wunderland", zu dem Künstler anreisen, die sich selten in die Provinz verirren.
Aber Bietigheim ist ja nicht Provinz, es ist Königreich, und zwar eines, in dem sich im Laufe der Wendelin'schen Jahre ein Wirtschaftskreislauf gebildet hat, in dessen Zentrum der König steht und an dem schier die ganze Stadt teilzunehmen scheint. Bäcker und Metzger beliefern Porsche mit Brötchen und Platten. Die Taxis chauffieren Geschäftspartner. Die Hotels beherbergen sie. Der Wirt des "Schiller" kocht auf dem Genfer Autosalon. Der Schuhfabrikant nennt Wendelin seinen Teilhaber. Die Feuerwehr fährt einen Cayenne. Und Luigi, der nette, runde Italiener am Marktplatz, der Wendelin seit knapp 20 Jahren kennt, bietet Porsches Mitarbeitern einen Mittagstisch an.
Luigi sitzt auf seiner Terrasse, vor ihm die Schönheit der Stadt, das Rathaus, der Brunnen mit Wappner-Figur; doch keine Touristen flanieren über das Pflaster, nein, Männer in Anzügen, mit Knopf im Ohr und Blackberry in der Hand, Geschäftspartner von Porsche. "Wir profitieren alle von Wendelin", sagt Luigi. "Die ganzen Bürger. Ich als Gastronom spreche ihm meinen Dank aus."
Vor der Terrasse bauen Arbeiter gerade Reste einer Bühne ab. "Wunderland" ist vorbei, Richard Galliano hat gespielt, der Starjazzer, und im Park gab es eine Rennbahn mit Tret-Porsches. Überall hängen noch Festivalplakate. "Danke - Porsche - Danke" steht darauf. 20.000 Besucher sind gekommen, Wendelin nicht. Im Vorjahr hat er mit den Leuten Bier getrunken, erzählt Luigi. Jetzt hatte der König Wichtigeres zu tun. Er muss Geld ranschaffen, verhandelt mit Katar, ob sie Porsche nicht zur Seite springen wollen, eine kleine Hilfe von Scheich zu König. "Wir fiebern alle mit", sagt Luigi. "Wir können nur hoffen, dass alles gut geht."
Auf der nächsten Seite führen wir Sie in das heimliche Entscheidungszentrum des Porsche-Konzerns