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29. Juli 2006, 09:51 Uhr

Herr Mehdorn, warum verkaufen Sie unsere Bahn?

Ausländische Investoren wollen einsteigen. Mit gutem Grund. Die Bahn ist mehr wert, als sie kosten soll. Hartmut Mehdorn kann es kaum erwarten. Von Interview: Norbert Höfler, Jan Boris Wintzenburg

Mehdorns Versprechen: "Die Bahn wird pünktlicher, sauberer, noch sicherer - nur nicht billiger." Das Foto zeigt den Bahnchef an Gleis 14 im neuen Berliner Hauptbahnhof© Jens Neumann

Herr Mehdorn, jedem Deutschen gehört ein kleines Stück Bahnhof, Gleis oder ICE. Warum wollen Sie unsere Bahn verkaufen?

Die Bahn braucht ständig Geld. Züge, Gleise und Anlagen müssen erhalten und modernisiert werden. Die Bahn hat vor zwölf Jahren aufgehört, eine Behörde zu sein. Sie muss wachsen - wie jedes andere Unternehmen auch. Außerdem ist der Bund - ich will es mal lieb ausdrücken - in Geldnot. Deshalb sagen wir: Hey, Bund, verkauf einen Teil deines Vermögens, damit wir uns frisches Kapital aus dem Markt holen können - zum Wohle von Kunden und Steuerzahlern.

Zum Verkauf stehen 63270 Kilometer Gleise, 5707 Bahnhöfe, 232 ICE-Züge ...

Wenn Sie so wollen. Tatsächlich stehen Aktienanteile zum Verkauf. Auf den Aktien steht nicht drauf, ob sie Schiene oder Bahnhof sind. Es geht um ein Unternehmen, das in diesem Jahr einen Umsatz von über 28 Milliarden Euro und kräftig steigende Gewinne machen wird.

Was hat der Bahnkunde vom Börsengang?

Er profitiert davon, dass wir mit neuem Kapital den Modernisierungsprozess der Bahn fortsetzen können. Der Kunde bekommt einen besseren Service und fährt pünktlicher, sauberer und noch sicherer.

Wird Bahnfahren auch billiger?

Es wird sicher nicht billiger. Wir werden insgesamt aber auch nicht teurer werden.

Als die Telekom an die Börse ging, sanken die Gebühren in wenigen Jahren um ein Vielfaches. Nur bei Ihnen bleibt's teuer?

Wir werden nichts versprechen, was wir nicht halten können. In den letzten 18 Monaten sind die Dieselpreise um 70 Prozent und die Strompreise um 60 Prozent gestiegen. Wir sind Deutschlands größter Energieverbraucher.

Die Bahn hat in den vergangenen Jahren mehr als 100000 Arbeitsplätze abgebaut, um fit für die Börse zu werden. Wie viel Jobs kostet der Börsengang noch?

Keinen.

Sie verdienen geschätzt eine halbe Million Euro im Jahr. Steigt Ihr Gehalt nach dem Börsengang?

Nein, ich bekomme keinen Bonus oder irgendetwas; das ist meine normale Arbeit.

Sie schreiben mit dem Börsengang Wirtschaftsgeschichte. Das motiviert Sie doch?

Nein!

Das glauben wir Ihnen nicht.

Ich bin kein Industrieschauspieler. Mir wird hier dauernd unterstellt: Mehdorn will sich ein Denkmal setzen.

Der Börsengang ist doch auch Ihr Egotrip ...

Das können Sie vergessen. Streichen Sie das! Null! Ich brauche keinen Egotrip.

Haben Sie keinen Spaß daran, das durchzukämpfen?

Klar, ich habe Spaß daran. Wenn es einfach wäre, bräuchte man mich nicht. Ich bin von der Richtigkeit des Zieles überzeugt, dass die Bahn ein ganz normales, kundengetriebenes Unternehmen wird. Am Anfang haben mir viele gesagt: Mehdorn, das schaffen Sie nie! Ha, ha! Aber wir haben viel geschafft. Da haben sich andere getäuscht - nicht ich, nicht meine Mannschaft. Wir haben unseren schweren Job gemacht.

Kaufen Sie selber Bahnaktien?

Nein.

Spricht nicht gerade von Vertrauen in die Firma, wenn nicht mal der Chef einsteigt.

Im Gegenteil. Ich finde es nicht gut, wenn derjenige, der eine Firma leitet, mit Aktien des eigenen Unternehmens handelt. Ich möchte nie in den Geruch kommen, Insidergeschäfte zu machen. Deshalb kaufe ich keine Bahnaktien.

Wer soll die Aktie zeichnen?

Wir reden mit institutionellen Anlegern, etwa Rentenfonds. Wir informieren heute schon Investoren in Japan, China, Amerika und im Nahen und Mittleren Osten. Für diese Anleger ist der Börsengang kein Überraschungsei, die stehen bereit.

Welche Rendite versprechen Sie den Ölscheichs, den Investoren in Japan und den Heuschrecken in Amerika?

Wir sagen: Lieber Aktionär, wenn du uns kaufst, garantieren wir dir, dass du die marktüblichen Zinsen bekommst plus einen Schnaps drauf. Und du wirst zusätzlich davon profitieren, dass das Unternehmen Jahr für Jahr wächst und wertvoller wird.

Die marktüblichen Zinsen liegen nur zwischen 4,5 und 5 Prozent ...

Auf Zahlen lege ich mich jetzt nicht fest.

Sie geben immerhin 49 Prozent der Bahn aus der Hand. Können Sie da nicht schneller, als Ihnen lieb sein kann, die Kontrolle über das Unternehmen verlieren?

Im schwärzesten Fall - malen wir mal die hässlichste Heuschrecke an die Wand, die es gibt - kann die 49 Prozent kriegen. Und was macht sie damit? - Gar nix! Außer dass sie eine sichere Anlage hat.

Sie kann Ihnen das Leben ganz schön schwer machen.

Kann sie nicht. Die Heuschrecke könnte nur eines wollen: das gesamte Unternehmen übernehmen, um es zu zerschlagen. Aber sie kriegt es nicht. Was soll die Heuschrecke mit 49 Prozent? Sie wird nie 51 Prozent kriegen, denn die gehören dem Bund. Punkt, aus, Feierabend.

Aber dann haben Sie keinen Spielraum für Kapitalerhöhungen?

Der Bund kann theoretisch 49 Prozent verkaufen. Aber er wird das nicht tun. Wir raten ihm: Verkauf erst mal 35 Prozent. Da hat er Luft nach oben. Der Bund wird nie etwas tun, was seine 51 Prozent verwässert. Warum sollte er? Ich sage Ihnen das noch mal: Uns kann keine Heuschrecke auffressen.

Wie viel Geld ist die Bahn denn wert?

Der Wert liegt laut unabhängiger Gutachter bei mindestens 18 Milliarden Euro für das gesamte Unternehmen. 49 Prozent wären dann eben knapp die Hälfte, aber das entscheiden Angebot und Nachfrage.

Also rund neun Milliarden Euro?

Weniger sollten es nicht sein.

Und das Geld, das durch den Verkauf hereinkommt, steht dann für Investitionen in moderne Züge und Bahnhöfe zur Verfügung?

Das beschließt am Ende der, dem die Firma gehört. Aber jeder wusste bei der Gründung der Bahn AG: Wenn man sie endgültig privatisiert, muss man das Eigenkapital aufstocken. Aber ein großer Teil des Erlöses wird beim Bund bleiben.

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