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22. Juli 2008, 18:22 Uhr

Der "Reifen-Rambo" und sein Lebenswerk

Conti-Chef Manfred Wennemer muss umdenken: Verteidigung statt Angriff ist gefragt. Nur nimmt dem knallharten Sanierer niemand ab, dass ihm im Übernahmekampf mit der Schaeffler-Gruppe allein das Wohl von Continental am Herzen liegt. Es geht um seinen Job und seine Karriere. Von Marcus Gatzke

Sein Job könnte in Gefahr sein: Conti-Chef Manfred Wennemer bei einer Konferenz in Hannover© Reuters/Stringer

"Wenn man von seiner Strategie überzeugt ist, braucht man keine Angst vor einer Übernahme zu haben." Conti-Chef Manfred Wennemer im Oktober 2006 über das Ansinnen eines Finanzinvestors, einer Heuschrecke, sich die Continental AG einzuverleiben. Wennemer blieb damals gelassen, auch weil die Übernahme schon in einem frühen Stadium scheiterte. Er gab sich jovial und philosophierte stattdessen über die Vorteile von privaten Unternehmen: "An der Börse haben sie einen hohen bürokratischen Aufwand mit Hauptversammlungen, Quartalsberichten und Analystentreffen", gab er in einem Interview zu Protokoll. "Privat finanziert haben Sie dagegen nur einen einzigen Partner, mit dem sie sich über die Strategie einigen müssen." Frei nach dem Motto, wir wären ja bereit gewesen, aber es hat eben nicht sein sollen. Also weiter im gewohnten Wennemer-Schritt - allein und ohne fremde Hilfe.

Zwei Jahre später zeigt Wennemer eine ganz andere Seite seiner Persönlichkeit, die Sturheit des Westfalen. Auch die Schaeffler-Gruppe ist ein privates Unternehmen, auch sie will Continental übernehmen. Nur diesmal schützt Continental kein hoher Aktienkurs. Mehr als 30 Prozent hat sich Schaeffler schon an Conti gesichert und es mit komplizierten Börsen-Geschäften geschafft, die Öffentlichkeit und auch das Management von Conti lange Zeit über die Übernahmepläne im Dunkeln zu lassen.

Von der einstigen Jovialität ist nicht mehr viel übrig: "Continental ist kein willfähriges Opfer für Schnäppchenjäger", wettert Wennemer gegen den Konkurrenten. Das Verhalten des Familieunternehmens sei "egoistisch, selbstherrlich und verantwortungslos". Er sieht sein Lebenswerk bedroht und muss sich in einer ganz neuen Disziplin beweisen: Er muss verteidigen.

Wennemer, der knallharte Sanierer

Dabei kannte der Westfale bislang nur den Angriff. Er marschierte von Erfolg zu Erfolg, von Rekord zu Rekord. Bei seinem Amtsantritt als Vorstandsvorsitzender Anfang 2001 schrieb Continental Verluste. Wennemer schaffte die Wende und brachte das Unternehmen zurück in den Deutschen Aktienindex. Er verlegte Produktionsstandorte nach Osteuropa, senkte die Kosten massiv und lieferte sich einen monatelangen Streit mit der IG Metall um die Schließung der Reifenproduktion in Hannover Stöcken. Letztlich wurde das Werk dichtgemacht, obwohl es schwarze Zahlen schrieb. Wennemer, der knallharte Sanierer, mit seiner Riesenbrille immer den Shareholder Value im Blick, gradlinig und mit wenig Rücksicht auf eventuelle Kollateralschäden in der Öffentlichkeit.

Der Konzernchef blieb trotz der guten Entwicklung bei Umsatz und Gewinn in der Öffentlichkeit immer der ungeliebte Manager, der rücksichtslose Machtmensch, der "Reifen-Rambo", wie ihn die "Bild"-Zeitung taufte. "Ich kann doch meine Entscheidungen nicht davon abhängig machen, welches Image ich dadurch erhalte", lautete Wennemers lapidare Antwort auf die anhaltende öffentliche Schelte.

Kampf gegen Übernahme und wahrscheinliches Karriere-Ende

Umso schwieriger ist jetzt sein Kampf gegen die von ihm so vehement abgelehnte Übernahme. Ihm droht nämlich ein rasches und jähes Ende seiner Conti-Karriere. "Die Frage stellt sich nicht", sagte er vor wenigen Tagen über seine Zukunft bei Conti, sollte Schaeffler Erfolg haben. Dass er in einem solchen Fall Vorstandsvorsitzender bleibt, gilt als äußerst unwahrscheinlich.

Die Schaeffler-Gruppe hat die Gunst der Stunde genutzt, die Wennemer selbst geschaffen hat. Continental hatte bislang keinen Großaktionär, mehr als 70 Prozent der Anteilsscheine befanden sich im Streubesitz. Dementsprechend herrschte - solange Aktienkurs und Dividende gestiegen sind - Ruhe an der Börsenfront und die Wahrscheinlichkeit einer feindlichen Übernahme blieb gering. König Wennemer herrschte uneingeschränkt über das Conti-Reich.

Im vergangenen Jahr machte der Sohn eines Dorfpolizisten jedoch einen Schritt zu viel: Er kaufte die Siemens-Sparte VDO für mehr als elf Milliarden Euro. Continental wurde zum fünftgrößten Autozulieferer der Welt. Zu teuer, urteilte die Börse und strafte Conti ab. Von 100 Euro zu Jahresbeginn fiel der Kurs bis zum März auf knapp über 50 Euro. Continental war an der Börse zeitweise weniger Wert als das Unternehmen allein für die Übernahme von VDO bezahlt hat - ein gefundenes Fressen für interessierte Käufer. Der studierte Mathematiker Wennemer hat sich verrechnet und keiner nimmt ihm ab, dass ihm jetzt allein die Continental AG "am Herzen" liegt.

Von Marcus Gatzke
 
 
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