Die Bahn steht derzeit nicht nur wegen der Verspätung ihrer Züge in der Kritik. Die Drohung des Konzerns, die Preise zu erhöhen und Stellen anzubauen, hat eine Welle der Empörung ausgelöst. stern.de sprach mit Ex-Bahn-Chef Johannes Ludewig über Hartmut Mehdorn, die Lokführer und die Privatisierung des Konzerns.

Die Bahn ist eine Dauerbaustelle. Nach den Lokführern wird jetzt wieder die Privatisierung diskutiert© Henning Kaiser/DDP
Um zu erkennen, dass dieser Tarifabschluss in seiner Höhe aus dem Rahmen fällt, dazu braucht man sich nur die anderen Abschlüsse in Deutschland anschauen. Das ist ein sehr teurer Kompromiss, der sich natürlich in deutlich höheren Kosten bei der Bahn niederschlagen wird. Hier von Brüssel aus ist eine genaue Analyse sehr schwer. Aber eins ist klar: Die Wettbewerbssituation der Deutschen Bahn wird sich gerade zum Hauptkonkurrenten Straße erkennbar verschlechtern.
Das kann ich nicht sagen, dafür bin ich zu weit weg. Jede Entscheidungssituation ist sehr speziell. Ich kenne Hartmut Mehdorn sehr gut. Er wird gute Gründe gehabt haben, das so zu unterschreiben.
Es gibt Situationen, da ist die Zahl der verbleibenden Optionen sehr gering. Die Entscheidung ist allem Anschein nach auch unter gewissem Druck der Bundesregierung zustande gekommen. Hartmut Mehdorn wird genau gewusst haben, welche Alternativen er noch hatte. Er musste abwägen, was für die Bahn letztlich mit weniger Schmerzen und Problemen verbunden ist. Da gibt es für mich nichts zu kritisieren, im Gegenteil.
Hartmut Mehdorn hat sehr viel Erfahrung und bekanntlich auch Durchsetzungsvermögen. Er wird gewusst haben, die Dinge abzuwägen. Alles andere müssen Sie ihn selber fragen.
Nein, das ist ganz klar nicht der richtige Weg. Das steht eindeutig im Widerspruch zur Kultur, die sich seit der Bahnreform 1994 in Deutschland etabliert hat. Mit der Reform sollte eine neue Unternehmenskultur geschaffen werden. Der Konzern sollte sich verhalten wie jeder andere private Konkurrent auch – unter normalen Marktbedingungen. Einen Eingriff der Politik hat es so seit 1993 meines Wissens nicht gegeben.
Diese neue Unternehmenskultur hat die Deutsche Bahn auch in positiver Weise von vielen anderen Bahnen in Europa unterschieden. Und es erfüllt mich als ehemaliger Bahn-Chef mit Sorge, dass diese Kultur offensichtlich einen Knick bekomen hat. Es ist nicht Sache des Eigentümers, Tarifverhandlungen zu führen. Das ist allein Sache des Vorstands. Tarifverhandlungen in einem Ministerium zu führen, diese Ortswahl ist für sich genommen schon als sehr befremdlich einzustufen.
Genau diese Abwägung zu treffen, ist Sache des Vorstands und nicht der Bundesregierung. Die Politik mischt sich ja auch nicht in Verhandlungen zwischen der Telekom und Verdi ein. Der Bund sitzt im Aufsichtsrat und kann über dieses Gremium seinen Einfluss geltend machen. Unmittelbar in die Tarifgespräche einzugreifen, ist ein Verstoß gegen die Grundsätze guter Unternehmensführung.
Zur Person Johannes Ludewig war von 1995 bis 1997 Staatssekretär im Wirtschaftsministerium. Von 1997 bis 1999 war er Vorstandsvorsitzender Bahn. Seit 2002 vertritt er als Exekutivdirektor der Gemeinschaft der Europäischen Bahnen und Infrastrukturbetreiber (CER) in Brüssel die Interessen von 70 Eisenbahnunternehmen.