Geht Hartmut Mehdorn in die Geschichte ein als der Mann, der die Bahn an die Börse führte? Oder verliert der schlaue Strippenzieher den Kampf seines Lebens? Von Arno Luik

Im 25. Stock der Berliner Bahnzentrale: Hartmut Mehdorn, 65, liegt die Metropole zu Füßen. Das Kanzleramt und die Regierungsgebäude wirken von hier oben klein. Die Bahn, so sieht es aus, beherrscht alles und alle© Volker Hinz
Man steht im Büro von Hartmut Mehdorn, im 25. Stock der Bahn-Konzernzentrale, viel Glas und Stahl, lichtdurchflutet auch Mehdorns Büro. Der Bahnchef sitzt an seinem Schreibtisch. Schwarze Bürostühle, ein knallrot bezogener Chefsessel, der Mehdorn durch seine Karriere begleitet hat. Sonst kaum ein Verweis auf Privates, nur der ans Fenster gelehnte Steuerknüppel einer Mig 29 - dass er diesen Kampfjet geflogen hat, darauf ist Mehdorn stolz. Pilot sein - das war sein Kindertraum. Züge, Lokomotiven, dieses langsame Zeugs, interessierten das Kind Hartmut nicht.
Der Blick aus Mehdorns Hauptquartier ist unbezahlbar. Mehdorn liegt die Metropole zu Füßen. Er sagt, ohne von seinem Schreibtisch hochzusehen: "Dieser Blick ist sehr praktisch. Wir brauchen keine Bilder und Gemälde an den Wänden." Am Horizont die Plattenbauten von Marzahn, etwas näher das Rote Rathaus, das Brandenburger Tor und der Reichstag, dunkel und wuchtig der Hauptbahnhof, das Kanzleramt wirkt dagegen klein. Konzernzentralen sind nicht nur Orte, sie sind stets auch Ausdruck des Selbstverständnisses der Firmen. Die Bahn, so sieht es aus, hat über die Politik gesiegt. Hartmut Mehdorn federt hinter seinem Schreibtisch hervor, schüttelt dem Besucher die Hand, greift nach der Schulter.
Sagen Sie, Herr Mehdorn, warum kaufen Sie sich in Unternehmen in England, Spanien, China, Amerika ein? Was haben die deutschen Bahnkunden davon, wenn Sie eine Vorortbahn in London erwerben, wenn Sie überall in der Welt unser Steuergeld hinaushauen? "Wir knallen keine Steuergelder raus. Wir verdienen unser Geld mit Fahrkarten, mit Gütertransporten, wir lassen Container auf Schiffe stellen oder lassen sie fliegen. Wir haben einen weltweit offenen Markt, das muss man endlich verstehen und akzeptieren, das müssen Sie verstehen! Wenn wir jetzt nicht in England, Spanien oder anderswo angreifen, dann werden wir hier in Deutschland zurückgedrängt. Dann verlieren wir auch hier." Mehdorn sitzt nun auf der anderen Seite des Tisches, er beugt sich nach vorn, er wippt nach hinten, er redet erst leise, dann wird er lauter, manchmal haut er auf die Tischplatte, manchmal schlägt er mit den Hacken auf den Boden, mal wird der Mund zum Strich. "Wollen Sie, dass es in Deutschland, mehr und mehr, nur noch Franzosen, Polen, Engländer, Holländer oder Russen gibt, die Züge fahren lassen? Ist Ihnen das lieber? Wollen Sie, dass die Chinesen ihre Züge hier herschicken, und dass die Chinesen hier das Geschäft machen? Wollen Sie das? Wir finden: Es ist besser für Deutschland und die Arbeitsplätze, wenn wir unseren Weg gehen. Angriff ist die beste Verteidigung."
Kampf. Kampf. Kampf. Ist das so? "Ja. Der Markt ist Wettbewerb. Ich liebe ihn. Entweder Sie gehen nach vorne, Sie kämpfen, Sie gewinnen Umsatz und kontern die Angriffe. Oder Sie bleiben zurück und verlieren. Dann kommen die anderen. Es herrscht im Markt das Gesetz der Gesunden und Starken. Nur die überleben." Mehdorn steckt im Kampfanzug. Er ist einer jener Typen mit kantigem Gesicht, die stolz auf ihre Kanten sind. Er habe sich, sagt er, in seinem Leben kaum geändert. Schon als Kind habe er nie Angst gehabt, sagt er, vor nichts und niemandem. Man denkt, Sportler haben diesen Tunnelblick, sehen rechts nichts, links nichts, so wie Mehdorn, der keine Zweifel kennt. Es gibt kein dialektisches Denken, nur Schwarz oder Weiß, Freund oder Feind, alles oder nichts. Volle Kraft voraus. "Jeder denkt, er weiß, wie die Bahn funktioniert, nur weil er mit ihr fährt und einen Fahrplan gelesen hat. Bei uns meckert man über fünf Minuten Verspätung. Fliegen Sie mal mit dem Flugzeug, fahren Sie mit dem Auto, da wissen Sie, was Verspätung heißt. Ich bin selbstkritisch. Aber ich bin mit mir auch im Reinen, denn ich weiß: Wir haben die beste Bahn in Europa! Und wir werden immer besser, Schritt für Schritt!"
Man denkt: So macht er das also, so verführt er die Politiker, so kriegt er es hin, dass seine Chefs, also der Verkehrsminister, letztlich auch die Kanzlerin, vor ihm kapitulieren, kuschen und sagen: Lasst den Mehdorn machen. Sie lassen ihn Geld ausgeben - und der Staat bezahlt. Lassen ihn einkaufen, eine Spedition wie Schenker, lassen ihn rund um den Globus einkaufen, Transport-, Zug und Frachtflugunternehmen - der Staat bezahlt. Ein Unternehmer mit staatlicher Vollkaskoversicherung. In einer Broschüre der Bahn lässt er sich so beschreiben: "Wahr ist: Die Bahn hat ein Gesicht. Es trägt die Züge eines vitalen Lebens. Eisernen Willen signalisieren schmale Lippen und gewölbte, hohe Stirn, Energie bündelt das Kinn. Die Augen blitzen. Mal kampfbereit, mal voller Lebenslust. Es ist das Gesicht des Hartmut Mehdorn."
Eiserner Wille. Energie. Lebenslust. "Nein, den Brocken Eisenbahn tragen keine schmalen Schultern, noch bewegt ihn zierlich eine Pianistenhand. Diesen Konzern regieren nebst dem Verstand auch Kraft und Wille." In der Eloge steht nicht: Die Bahn hat knapp 20 Milliarden Euro Schulden. Dort steht nicht: Knapp 14 Milliarden schießt der Bund jährlich in das Gesamtsystem Schiene. Aber die richtige Frage wird gestellt: "Geht es voran, stimmt die Richtung?" Die Antwort: "Selbstredend." Die Richtung: Die Bahn muss an die Börse, sagt Mehdorn, wie die Telekom und die Post. Und bekäme, anders als Telekom und Post, auch nach dem Börsengang ständig Geld vom Staat - rund zwei Milliarden im Jahr für die Infrastruktur, 4,4 Milliarden für den Nahverkehr.
Wie, verdammt noch mal, schafft es Mehdorn, dass die einflussreichsten Politiker in diesem Land seine Börsenpläne unterstützen? Obwohl sie draufzahlen, ständig, und weiter zahlen werden. Einer, der darauf eine Antwort weiß, residiert in einem Senatsgebäude in Sichtweite von Mehdorns Büroturm: Thilo Sarrazin, Berliner Finanzsenator. Er sagt, Mehdorns Kraft beruhe auf seinem "Vitalitätsüberschuss". Und der träfe auf "ein Intelligenz- und Vitalitätsdefizit der ihn beaufsichtigenden Politikerklasse". Im Übrigen habe Mehdorn nur ein einziges Ziel, und das verleihe ihm Extrakräfte: "In die Weltwirtschaftsgeschichte einzugehen als der Mann, der die Bahn privatisierte und an die Börse brachte."
So sieht es also Sarrazin. Er war mal bei der Bahn, war mal ein Vertrauter von Mehdorn, und er ist einer der wenigen, der es wagt, mit seinem Namen das Handeln des Bahnchefs infrage zu stellen. "Es gibt so gut wie keinen Abgeordneten des Verkehrsausschusses, der nicht von Mehdorn angepflaumt, angemacht, eingeschüchtert worden ist", sagt der Grünen-MdB Winfried Hermann, auch einer, der offen murrt. Von "Kampfaktionen gegen Mitglieder des Verkehrsausschusses" spricht Horst Friedrich (FDP), eine Ausnahme auch er. Er erzählt, wie die Bahn Erkundigungen über Verkehrspolitiker habe einziehen und Dossiers über Sachverständige habe anlegen lassen: "Das kam uns schon sehr ungewöhnlich vor." Die Bahn: Das sei "kein offizielles und autorisiertes Papier der DB AG".