8. März 2008, 10:22 Uhr

Mehdorns letzte Fahrt

Geht Hartmut Mehdorn in die Geschichte ein als der Mann, der die Bahn an die Börse führte? Oder verliert der schlaue Strippenzieher den Kampf seines Lebens? Von Arno Luik

Im 25. Stock der Berliner Bahnzentrale: Hartmut Mehdorn, 65, liegt die Metropole zu Füßen. Das Kanzleramt und die Regierungsgebäude wirken von hier oben klein. Die Bahn, so sieht es aus, beherrscht alles und alle©

Man steht im Büro von Hartmut Mehdorn, im 25. Stock der Bahn-Konzernzentrale, viel Glas und Stahl, lichtdurchflutet auch Mehdorns Büro. Der Bahnchef sitzt an seinem Schreibtisch. Schwarze Bürostühle, ein knallrot bezogener Chefsessel, der Mehdorn durch seine Karriere begleitet hat. Sonst kaum ein Verweis auf Privates, nur der ans Fenster gelehnte Steuerknüppel einer Mig 29 - dass er diesen Kampfjet geflogen hat, darauf ist Mehdorn stolz. Pilot sein - das war sein Kindertraum. Züge, Lokomotiven, dieses langsame Zeugs, interessierten das Kind Hartmut nicht.

Auf Einkaufstour für den globalen Wettbewerb

Der Blick aus Mehdorns Hauptquartier ist unbezahlbar. Mehdorn liegt die Metropole zu Füßen. Er sagt, ohne von seinem Schreibtisch hochzusehen: "Dieser Blick ist sehr praktisch. Wir brauchen keine Bilder und Gemälde an den Wänden." Am Horizont die Plattenbauten von Marzahn, etwas näher das Rote Rathaus, das Brandenburger Tor und der Reichstag, dunkel und wuchtig der Hauptbahnhof, das Kanzleramt wirkt dagegen klein. Konzernzentralen sind nicht nur Orte, sie sind stets auch Ausdruck des Selbstverständnisses der Firmen. Die Bahn, so sieht es aus, hat über die Politik gesiegt. Hartmut Mehdorn federt hinter seinem Schreibtisch hervor, schüttelt dem Besucher die Hand, greift nach der Schulter.

Sagen Sie, Herr Mehdorn, warum kaufen Sie sich in Unternehmen in England, Spanien, China, Amerika ein? Was haben die deutschen Bahnkunden davon, wenn Sie eine Vorortbahn in London erwerben, wenn Sie überall in der Welt unser Steuergeld hinaushauen? "Wir knallen keine Steuergelder raus. Wir verdienen unser Geld mit Fahrkarten, mit Gütertransporten, wir lassen Container auf Schiffe stellen oder lassen sie fliegen. Wir haben einen weltweit offenen Markt, das muss man endlich verstehen und akzeptieren, das müssen Sie verstehen! Wenn wir jetzt nicht in England, Spanien oder anderswo angreifen, dann werden wir hier in Deutschland zurückgedrängt. Dann verlieren wir auch hier." Mehdorn sitzt nun auf der anderen Seite des Tisches, er beugt sich nach vorn, er wippt nach hinten, er redet erst leise, dann wird er lauter, manchmal haut er auf die Tischplatte, manchmal schlägt er mit den Hacken auf den Boden, mal wird der Mund zum Strich. "Wollen Sie, dass es in Deutschland, mehr und mehr, nur noch Franzosen, Polen, Engländer, Holländer oder Russen gibt, die Züge fahren lassen? Ist Ihnen das lieber? Wollen Sie, dass die Chinesen ihre Züge hier herschicken, und dass die Chinesen hier das Geschäft machen? Wollen Sie das? Wir finden: Es ist besser für Deutschland und die Arbeitsplätze, wenn wir unseren Weg gehen. Angriff ist die beste Verteidigung."

"Der Markt ist Wettbewerb"

Kampf. Kampf. Kampf. Ist das so? "Ja. Der Markt ist Wettbewerb. Ich liebe ihn. Entweder Sie gehen nach vorne, Sie kämpfen, Sie gewinnen Umsatz und kontern die Angriffe. Oder Sie bleiben zurück und verlieren. Dann kommen die anderen. Es herrscht im Markt das Gesetz der Gesunden und Starken. Nur die überleben." Mehdorn steckt im Kampfanzug. Er ist einer jener Typen mit kantigem Gesicht, die stolz auf ihre Kanten sind. Er habe sich, sagt er, in seinem Leben kaum geändert. Schon als Kind habe er nie Angst gehabt, sagt er, vor nichts und niemandem. Man denkt, Sportler haben diesen Tunnelblick, sehen rechts nichts, links nichts, so wie Mehdorn, der keine Zweifel kennt. Es gibt kein dialektisches Denken, nur Schwarz oder Weiß, Freund oder Feind, alles oder nichts. Volle Kraft voraus. "Jeder denkt, er weiß, wie die Bahn funktioniert, nur weil er mit ihr fährt und einen Fahrplan gelesen hat. Bei uns meckert man über fünf Minuten Verspätung. Fliegen Sie mal mit dem Flugzeug, fahren Sie mit dem Auto, da wissen Sie, was Verspätung heißt. Ich bin selbstkritisch. Aber ich bin mit mir auch im Reinen, denn ich weiß: Wir haben die beste Bahn in Europa! Und wir werden immer besser, Schritt für Schritt!"

Man denkt: So macht er das also, so verführt er die Politiker, so kriegt er es hin, dass seine Chefs, also der Verkehrsminister, letztlich auch die Kanzlerin, vor ihm kapitulieren, kuschen und sagen: Lasst den Mehdorn machen. Sie lassen ihn Geld ausgeben - und der Staat bezahlt. Lassen ihn einkaufen, eine Spedition wie Schenker, lassen ihn rund um den Globus einkaufen, Transport-, Zug und Frachtflugunternehmen - der Staat bezahlt. Ein Unternehmer mit staatlicher Vollkaskoversicherung. In einer Broschüre der Bahn lässt er sich so beschreiben: "Wahr ist: Die Bahn hat ein Gesicht. Es trägt die Züge eines vitalen Lebens. Eisernen Willen signalisieren schmale Lippen und gewölbte, hohe Stirn, Energie bündelt das Kinn. Die Augen blitzen. Mal kampfbereit, mal voller Lebenslust. Es ist das Gesicht des Hartmut Mehdorn."

Knapp 20 Milliarden Schulden

Eiserner Wille. Energie. Lebenslust. "Nein, den Brocken Eisenbahn tragen keine schmalen Schultern, noch bewegt ihn zierlich eine Pianistenhand. Diesen Konzern regieren nebst dem Verstand auch Kraft und Wille." In der Eloge steht nicht: Die Bahn hat knapp 20 Milliarden Euro Schulden. Dort steht nicht: Knapp 14 Milliarden schießt der Bund jährlich in das Gesamtsystem Schiene. Aber die richtige Frage wird gestellt: "Geht es voran, stimmt die Richtung?" Die Antwort: "Selbstredend." Die Richtung: Die Bahn muss an die Börse, sagt Mehdorn, wie die Telekom und die Post. Und bekäme, anders als Telekom und Post, auch nach dem Börsengang ständig Geld vom Staat - rund zwei Milliarden im Jahr für die Infrastruktur, 4,4 Milliarden für den Nahverkehr.

Wie, verdammt noch mal, schafft es Mehdorn, dass die einflussreichsten Politiker in diesem Land seine Börsenpläne unterstützen? Obwohl sie draufzahlen, ständig, und weiter zahlen werden. Einer, der darauf eine Antwort weiß, residiert in einem Senatsgebäude in Sichtweite von Mehdorns Büroturm: Thilo Sarrazin, Berliner Finanzsenator. Er sagt, Mehdorns Kraft beruhe auf seinem "Vitalitätsüberschuss". Und der träfe auf "ein Intelligenz- und Vitalitätsdefizit der ihn beaufsichtigenden Politikerklasse". Im Übrigen habe Mehdorn nur ein einziges Ziel, und das verleihe ihm Extrakräfte: "In die Weltwirtschaftsgeschichte einzugehen als der Mann, der die Bahn privatisierte und an die Börse brachte."

"Radikaler Vernichtungswille"

So sieht es also Sarrazin. Er war mal bei der Bahn, war mal ein Vertrauter von Mehdorn, und er ist einer der wenigen, der es wagt, mit seinem Namen das Handeln des Bahnchefs infrage zu stellen. "Es gibt so gut wie keinen Abgeordneten des Verkehrsausschusses, der nicht von Mehdorn angepflaumt, angemacht, eingeschüchtert worden ist", sagt der Grünen-MdB Winfried Hermann, auch einer, der offen murrt. Von "Kampfaktionen gegen Mitglieder des Verkehrsausschusses" spricht Horst Friedrich (FDP), eine Ausnahme auch er. Er erzählt, wie die Bahn Erkundigungen über Verkehrspolitiker habe einziehen und Dossiers über Sachverständige habe anlegen lassen: "Das kam uns schon sehr ungewöhnlich vor." Die Bahn: Das sei "kein offizielles und autorisiertes Papier der DB AG".

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Hartmut Mehdorn Sarrazin Schreibtisch Züge
KOMMENTARE (10 von 10)
 
pops (08.03.2008, 21:51 Uhr)
Das kann, glaube ich,
fast jeder: mit unbegrenzter Deckung (finanziell und somit auch politisch) 'auf die Kacke hauen'. Weder er noch die entsprechenden Politiker stehen für irgend etwas gerade! Wer? Na wie immer: der blöde Steuerzahler, den man für jeden ' Scheiß' melken kann bis zum Abwinken. Ein solides, konkurrenzfähiges Unternehmen muß immer noch ohne diese ganze Bezuschussungs- und Protektions- Erlügerei auskommen und trotzdem marktfähig sein, oder? Wen wollen diese Herren denn noch zum Narren halten mit ihrem Gesülze????? Es fällt doch mittlerweile ( hoffentlich ) niemand mehr darauf herein?!?
FerkelOhneM (08.03.2008, 16:44 Uhr)
Zum Wohle ...
Hört endlich auf mit Jammern! Der Befehl der räuberischen Globalausbeuter lautet: "Bahnprivatisierung!". Dies ist damit beschlossene Sache und steht nicht mehr zur Debatte. Basta! Damit die Heuschrecken wieder was zu fressen haben. Die Bahn muss bedingungslos und ohne Einschränkung der Gewinnmaximierung unterworfen werden. Dies ist schliesslich ihre Aufgabe - zumal in Zeiten zunehmender Brennstoffknappheit. Und die Politiker bekommen jede Menge Gelegenheiten, sich als Interessenvertreter des Gemeinwohls darzustellen, wenn wieder einmal eine weniger gewinnträchtige Strecke stillgelegt wird oder der nun private Quasi-Monopolist trotz satter Gewinne die Preise erhöht. So packen diese Politiker zielgerichtet Probleme an, die wie ohne sie gar nicht hätten. Problemgeneratoren sozusagen.
Ferkel meint: Abschalten!
Omen22 (08.03.2008, 15:19 Uhr)
Weiter Fehler
Laut Artikel ist die Zahl der Fernreisenden im Fernverkehr unter Mehdorn dramatisch gesunken.
Das ist wohl richtig. Erwähnt wird allerdings nicht woran das liegt. Unter Mehdorn wurde die Zuggattung Interregio abgeschafft. Diese zählte zum Fernverkehr. Ehemalige IR-Linien wurden teils in IC-Linien, teils in RE- oder IRE-Linie umgewandelt. Diese zählen allerdings zum Nahverkehr. Die Reisenden des Fernverkehrs gingen also nicht wirklich verloren, sie fahren jetzt Bahn im Nahverkehr.
Weiterhin ist im Artikel auf jeden Fall falsch, dass es im Güterbereich seit Mehdorns Antritt schlechter geht. Das Gegenteil ist der Fall: In den letzten 5 Jahren konnte die Güterbahn Jahr für Jahr gegenüber dem LKW Marktanteile dazugewinnen.
Siehe:
http://www.allianz-pro-schiene.de/
deutsch/
Allianz-pro-Schiene-zu-neuen-
Zahlen-des-Statistischen-
Bundesamtes.html
Omen22 (08.03.2008, 15:01 Uhr)
&Marie-Luise
Wie war denn die Bilanz der Heidelberger Druckmaschinen AG unter Mehdorn Ihrer Meinung nach? Laut dem Mehdorn-Artikel bei Wikipedia.de jedenfalls sehr gut:
( ... )
Im Oktober 1995 wechselte er als Vorstandsvorsitzender zur Heidelberger Druckmaschinen AG, die er zum 8. Dezember 1997 an die Börse brachte. In den vier Jahren an der Spitze des Unternehmens baute Mehdorn den Druckmaschinen-Hersteller durch zahlreiche Zukäufe und Erweiterungen des Produktsortiments, insbesondere im Bereich des Zeitungsdrucks, aus. In dieser Zeit verdoppelten sich Umsatz, Mitarbeiterzahl und Gewinn.
( ... )
http://de.wikipedia.org/wiki/Hartmut_Mehdorn
Omen22 (08.03.2008, 14:55 Uhr)
Fehler im Artikel
Der Artikel scheint mir recht polemisch und ist auch voller Fehler. Beispielsweise steht im Artikel dass die Bahn als Mehdorn an die Macht kam 4,2 Mrd. Euro Schulden geplagt hätten. Ende 2006 wären es 19 Mrd. Euro gewesen. Dadurch soll dem Leser suggeriert werden, Mehdorn hätte die Schulden der Bahn permanent nach oben getrieben. Die letzte Zahl stimmt, erstere ist meines Wissens falsch.
Die Bahn hatte Ende 1999 als Mehdorn Bahnchef wurde bereits 14,1 Mrd Euro Schulden. 2004 waren es auch schon mal 25 Mrd. Euro. Seitdem schmolz der Schuldenberg allerdings Jahr für Jahr .
Hier meine Quelle zu den Schulden der Bahn 1994-2002:
http://www.mehrbahnen.de/news.php3?id=630&begriff=schulden&start=30&limit=10
gegenwart21 (08.03.2008, 12:26 Uhr)
Bahn-Zukunft-Kostenwahrheit
...guter und kritischer Beitrag des STERN, endlich mal Klartext. Und gefährlich, sich gegen Herrn Mehdorn zu stellen ! Ob es schon eine Bahn-Geheimpolizei gibt, die Privatisierungsgegner aufspürt ?
Würde mich nicht wundern, bei dem Propagandaapparat im Bahntower. Wenn dazu sogar Spitzenpolitiker brav nicken.
Zu den Bahnkosten muss gesagt werden, dass die Schiene in Deutschland das preiswerteste Verkehrsmittel ist. Die gigantischen Straßenkosten werden gern verschwiegen.
Und die Schiene hat eine enorme
ZUKUNFTSFÄHIGKEIT. Man könnte nämlich alle Züge sauber und ohne CO2 mit regenerativem Strom fahren.
Es wäre die machbare Verkehrsrevolution. Die will aber Herr Mehdorn nicht, die will die Politik (noch) nicht. Die Schiene soll klein bleiben, um den Straßenverkehr zu schützen. Deswegen kann Herr Mehdorn agieren und in DEutschland den Bahnverkehr in der Fläche abbauen, wenn seine Pläne realisiert werden.
Salzsteuer (08.03.2008, 12:05 Uhr)
Verdammt noch mal,
wir brauchen keine Bahn, die sich in Singapur, London oder der Mongolei betätigt um Geld zu verdienen, sondern die uns zuverlässig zur Arbeit oder von A nach B in Deutschland bringt.
Dazu ist Herr Mehdorn unfähig, also muß er weg.
Marie-Luise (08.03.2008, 11:42 Uhr)
Mehdorn's letzte Fahrt
Ich kann nur hoffen, dass es Mehdorn's letzte Fahrt wird. Allen anderen kann ich nur empfehlen sich die Bilanz bei Heidelberger Druckmaschinen unter Mehdorn anzusehen.Der Mann gehört abgelöst an der Bahnspitze.
MfG P.Schnücke
BrunoK (08.03.2008, 11:15 Uhr)
GröFaz
Ich dachte die Größenwahnzeiten wären seit 1945 vorbei. Damals wurde auch die ganze Welt bekämpft mit den Worten: "Wollt ihr das?"
Fehlt nur noch das der schreit: "Wollt ihr den totalen Krieg?"
Nach Mehdorns Logik hätte kein mittelständischer Betrieb eine "Überlebenschance" gegen Chinesen, Polen und den Rest der Welt.
GröFaze waren schon immer eine Gefahr für diese Welt.
Verantwortlich unsere Volksvertreter.
Wieder Mal ein trauriges Stück deutscher Geschichte.
ganzbaf (08.03.2008, 10:32 Uhr)
Den Habitus eines typischen Koksers...

erlebt man, wenn man sich dieses Mehlhorn so ansieht: Überheblichkeit, Arroganz, Großmäuligkeit, Uneinsichtigkeit und Asozialität bis zum Erbrechen...
.
Kann mal jemand eine Haarprobe anordnen...?
;-P
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