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20. Juli 2008, 15:55 Uhr
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Zügig an die Börse

Die Bahn macht Tempo: Konzernchef Hartmut Mehdorn will schon eine Woche früher als geplant an die Börse gehen. Hektisch sucht er jetzt nach Investoren - und ignoriert die Alarmsignale aus dem darbenden Kapitalmarkt. Von Ulf Brychcy

Je schneller, desto besser: ICE-Züge bei Köln. Auch beim Börsengang will Bahn-Chef Hartmut Mehdorn aufs Gaspedal treten© Federico Gambarini/DDP

Die Bahn kommt - in diesen Tagen sogar bis nach Saudi-Arabien und Dubai. Sie kommt mit Volldampf in kleiner, dafür allerbester Besetzung. Wie einst der Lokführer und der Heizer auf der Dampflokomotive, so rauschen sie heran, und so treten sie auf: Hartmut Mehdorn und Diethelm Sack. Station machen die beiden in klimatisierten Tagungsräumen, wo sie sich mit Fondsverwaltern treffen. Der Vorstandschef krempelt die Hemdsärmel hoch, klappt den Laptop auf, er zeigt die großen Linien, die weltweiten Verknüpfungen seiner Bahn und schwärmt von den großen Zielen. Sein Finanzvorstand schaufelt fast stoisch Blätter mit Zahlenkolonnen nach.

Es ist eine besondere Mission, die Mehdorn und Sack zu erfüllen haben. Die Bahn steht zum Verkauf, zumindest Teile von ihr. Gelingt das Vorhaben, dann ist es die größte Aktienemission seit dem Börsengang der Deutschen Post. Fünf Milliarden Euro, vielleicht auch sechs oder sieben Milliarden Euro soll der Teilverkauf des Bahn- und Logistikkonzerns einbringen.

Es gibt einigen Erklärungsbedarf. Denn an die Börse gebracht wird nicht die ganze Bahn, sondern eine neue Gesellschaft namens DB Mobility Logistics. Und davon wiederum nur ein kleiner Teil: exakt 24,9 Prozent. Die Teilprivatisierung des letzten deutschen Staatskonzerns ist eine komplizierte Sache - und nicht frei von Risiken und Nebenwirkungen. "Das ist alles ziemlich ambitioniert", sagt ein Analyst.

Nachdem der Börsengang der Bahn endlich über die politische Bühne ist, drückt Mehdorn aufs Tempo. Offiziell ist die Erstnotierung von DB Mobility Logistics für den Spätherbst geplant. Intern wird stets der 5. November als Datum genannt. Doch für Hartmut Mehdorn geht es wieder einmal nicht schnell genug: Er will bereits am 28. oder 29. Oktober auf dem Frankfurter Parkett schwungvoll die Börsenglocke läuten.

Und so jagen Mehdorn und Sack nun von Termin zu Termin, begleitet von einem kleinen Team aus zwei, drei Assistenten. Im Mittleren Osten und in Japan. In London und Moskau. Und in Deutschland. Sie sprechen bei Großinvestoren vor, bei staatlichen Fonds der Vereinigten Arabischen Emirate etwa, die über Kapital in dreistelliger Milliardenhöhe verfügen, bei Fondsgesellschaften in London, die trotz der Finanzkrise weiter investieren müssen - und bei der staatlichen russischen Eisenbahn, die nach strategischen Beteiligungen sucht.

Kaum jemand wundert sich über Mehdorns Eile. Er will durch den frühen Termin auch wichtigen japanischen Investoren entgegenkommen. Die Turbulenzen auf den Kapitalmärkten ignoriert er dabei - und lässt Einwände einfach abperlen. "Die Banken halten unsere Börsenstory ohnehin für solider als die damaligen von Post und Telekom", sagt er. Ganz ähnlich argumentiert Vorstandskollege Sack, der seit Wochen zusammen mit DB-Mobility-Logistics-Vorstand Margret Suckale Hunderte von leitenden Mitarbeitern in Hamburg, München und Düsseldorf besucht, um sie auf den Börsenkurs einzuschwören.

Mit Investoren gegen nervige Bürgermeister

Mehdorn dürfte bei seinen derzeitigen Terminen eine gewisse Genugtuung empfinden. Jahrelang wurde um die Teilprivatisierung der Deutschen Bahn heftig und kontrovers gerungen, immer wieder stand alles auf der Kippe. Der Bund, Eigentümer der Deutschen Bahn, schreckte vor klaren Entscheidungen zurück. Mehdorn, der wenig Fingerspitzengefühl zeigte, musste viel einstecken. Immer wieder brachte er wichtige Politiker gegen sich auf, sogar Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee.

Seit aber Bundeskanzlerin Angela Merkel und vor allem die Sozialdemokraten das Thema endgültig durchgewinkt haben, arbeitet Mehdorn daran, die Fesseln der Politik endgültig aufzusprengen. Mehdorns Kalkül: Sobald er auch privaten, renditehungrigen Anteilseignern verpflichtet ist, hat er stichhaltige Argumente gegenüber nervenden Bürgermeistern oder Bundestagsabgeordneten, die sich in die Fahrpläne und Streckenführung der Bahn einmischen wollen. Und er will sich schützen vor politischer Einflussnahme bei wichtigen Personalentscheidungen. Vor Kurzem wurde Norbert Hansen, der langjährige Transnet-Gewerkschaftschef und altgediente Sozialdemokrat, von seinen Genossen auf den Posten des Bahn-Arbeitsdirektors geschoben - gegen Mehdorns Willen. "Das darf nicht mehr passieren", schimpft ein Bahn-Vorstand.

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
rotuennes (20.07.2008, 17:28 Uhr)
Mehdorns Privatbahn
Es wäre mal interessant zu wissen, was genau Mehdorn den Investoren im Ausland erzählt und ob das zu dem passt, was er hier bei uns erzählt. Kann da der stern nicht mal recherchieren?
Bahn und Gewinn? Nie waren die öffentlichen Zuschüsse für die Bahn größer als heute, und die Bahn kommt nur über die Runden, indem sie Fern- und Güterverkehr auf Kosten des hochsubventionierten Nahverkehrs schönrechnet.
Und wozu brauchen wir überhaupt einen bundesweiten Nahverkehrskonzern? Die Nahverkehrssparte der DB sollte unabhängig in einzelnen regionalen Netzen privatisiert werden, das würde die Konkurrenz beleben und die Qualität verbessern. Aber das werden die mächtigen Bahngewerkschaften schon zu verhindern wissen.
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