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6. März 2009, 10:27 Uhr

Filmriss beim Internet-TV

Fernsehen über die Internetleitung ist eines der wichtigsten Projekte der Telekom: Das TV-Programm könne sich jeder zeitversetzt ansehen - so prahlt zumindest die Werbung. Nach stern.de-Informationen funktioniert die neue Wundertechnik jedoch bei etlichen Kunden nicht. Aus dem Konzern kommen Hilferufe von entnervten Technikern. Von Axel Hildebrand

Zoom
Entertain, Telekom, Internetfernsehen, Internet-TV, René, Obermann

So schön könnte das Internet-Fernsehen der Telekom funktionieren. Nach stern.de-Informationen gibt es jedoch öfter Probleme© Mareen Fischinger/Deutsche Telekom

Fußball live im Fernsehen, gibt es etwas Schöneres für einen Mann? Auf dem Rasen kämpfen die beiden Mannschaften um jeden Ball, einer setzt zum Schuss an. Fällt ein Tor? In dem Moment stoppt das Fernsehbild. Der Mann auf dem Sofa hat auf die Pause-Taste gedrückt, mitten in der Berichterstattung. Seine Freundin und er fallen übereinander her, entkleiden und lieben sich. Warum? Egal. Der Werbespot der Telekom soll nur zeigen, wie sich der Konzern das Fernsehen über das Internet vorstellt: Schauen, wann es gerade passt. Und wenn Mann abgelenkt wird, kann später weitergesehen werden.

Joachim Arp hatte sich auf das Fernsehen der Zukunft gefreut. Unabhängig von Sendezeiten, so das Versprechen, könne jede Sendung angesehen werden. Oder das laufende Programm unterbrochen werden. Arp kaufte daraufhin einen Plasma-Fernseher.

"Richtig funktioniert hat es eigentlich nie"

Das Geld hätte er sich sparen können. Das neue Internetfernsehen kam, so wie die Telekom es versprochen hatte, bei Arp nicht an. "Richtig funktioniert hat es eigentlich nie", resigniert er.

Der Nürnberger Arp ist nicht der Einzige, der mit schweren technischen Problemen zu kämpfen hat. stern.de liegen interne Unterlagen aus dem Konzern vor, in denen Kundenberater und Techniker der Telekom offen über das Imageprodukt herziehen. "Täglich müssen wir Kunden hinhalten, vertrösten, beschwichtigen und besänftigen", schreibt Telekom-Techniker S., der enttäuschte "Entertain"-Kunden betreut. "Sie können sich nicht vorstellen, wie viele eskalierte Kunden es hier gibt." Im Konzern gibt es Hunderte Mitarbeiter, die das genauso sehen. Die Beiträge stammen aus einem neu eröffneten Forum im Intranet des Konzerns. Den Hilferuf des Technikers S. haben 2093 Kollegen bewertet - 1783 davon stimmten dem kritischen Beitrag zu.

"Es muss schnell was passieren"

Massive Bildstörungen, schreiben mehrere Mitarbeiter, seien das größte Problem. Telekom-Mitarbeiter T.: "Bei unserem Aushängeschild läuft einiges daneben." Es müsse "schnell was passieren, damit es auch ein positives Aushängeschild wird".

Gegenüber stern.de spricht ein Sprecher des Konzerns offiziell von "Mitarbeitern, die individualisiert antworten". Natürlich gebe es Einzelfälle. Insgesamt funktioniere das ganze jedoch "einwandfrei". Er sei "sehr stolz" auf "Entertain". "Das ist unser bestes Produkt."

Das Internet-Fernsehen ist eines der wichtigsten Projekte des Konzerns

Für die Telekom kommen die Probleme zur Unzeit. Das Internet-Fernsehen ist eines der wichtigsten Projekte des Konzerns. Die Bonner haben einen riesigen Werbeetat bereitgestellt und berieseln die Republik in der Reklame mit rosafarbenen Rosenblättern, die vom Himmel fallen. Der Konzern steht unter Druck. Im vergangenen Jahr sind erneut massenhaft Telefonkunden an die Konkurrenz verloren gegangen. Der Umsatzeinbruch im klassischen Geschäft soll durch das mit den schnellen Internetanschlüssen ausgeglichen werden. Zeitversetztes Fernsehen gilt als einer der Heilsbringer.

Doch die eigenen Mitarbeiter funken mit ihren Meldungen aus der Realität der rosaroten Werbebotschaft dazwischen. Sie wissen vor allem von Bildstörungen, von denen nicht nur wenige Haushalte betroffen seien. "Es gibt flächendeckend immer wieder Regionen, die das Problem haben", berichtet Mitarbeiter D. Die Störungen würden nicht nur ein oder zwei Tage, sondern "auch mal einen Monat" auftreten. Zeitversetztes Fernsehen brauche man da nicht: "Das Bild bleibt eh alle 15 Minuten stehen und man kann gemütlich Abendessen gehen."

Mitarbeiter G. bekommt "Bauchmerzen"

Solche unschönen Unterbrechungen lauschiger Fernsehabende müssten die eigenen Vorstände auch schon erlebt haben. Leitende Angestellte können der Telekom zufolge das Zukunfts-TV testen. Glaubt man den Forumseinträgen, müssen sie sich ebenfalls über Pannen geärgert haben. An allen normalen Kunden vorbei, beklagt sich Techniker S., würden diese eine sofortige Problemlösung fordern - und Serviceangestellte im Zweifel auch schikanieren, wenn die Sonderbehandlung nicht klappt. Um diese Klientel rechtzeitig zu erkennen, hätten sich einige Berater Listen mit den Namen der Vorstandsmitglieder an den Bildschirm gehängt. Die Telekom bestätigte, dass das Ausprobieren der neuen Produkte durch leitende Angestellte "Servicedienstleistungen" einschließe. Bei "Entertain" seien jedoch keine "außergewöhnlichen technischen Probleme" festgestellt worden.

Kollege G. bekommt dagegen "Bauchschmerzen, wenn ich sehe mit welchen Problemen die Kollegen bei 'Entertain' zu kämpfen haben".

Mitarbeiter R. kann sich in der Konsequenz nur noch schwer mit dem Produkt identifizieren: "Es fällt schwer, dem Kunden unser Leadprodukt Nummer 1 guten Gewissens zu verkaufen, wenn man hört, was sich danach gegebenenfalls abspielt."

Bis zu zwanzig Abbrüche der Internetverbindung pro Tag

Das steht im seltsamen Kontrast zu den Ankündigungen aus Bonn. Das Internetfernsehen werde die TV-Landschaft revolutionieren, hatte Telekom-Vorstand Timotheus Höttges noch vor kurzem versprochen. Doch das Geschäft läuft nicht wie geplant an. 2008 sollten eigentlich über eine Million Kunden beglückt werden. Tatsächlich sind es bislang nur rund die Hälfte. Entsprechend nervös ist der Vorstand.

Im Fall des Nürnbergers Joachim Arp brach die Internetverbindung, über die das neue Fernsehen übertragen wird, bis zu zwanzig Mal am Tag zusammen. Ein Standbild war die Folge. Nichts ging mehr. "Das ist natürlich unglaublich spannend, wenn bei Fußball der Ball kurz vor dem Tor liegen bleibt", sagt Arp. Er lacht bitter. "Das hat extrem angefangen zu nerven." Mehrmals am Tag fiel so nicht nur das Fernsehen, sondern das gesamte Internet für ihn aus.

Die Telekom bewirbt die angeblich schöne neue Fernsehwelt weiter massiv. Kaum eine Werbepause im Fernsehen kommt zurzeit ohne Rosenblätter aus, die vom Himmel regnen. Eine schöne Welt ist da zu sehen. "Es reicht nicht nur, neue Kunden zu gewinnen, man muss sie auch behalten", schreibt ein Telekom-Mitarbeiter. "Zu unseren Leitlinien sollte auch gehören, das Delta zwischen Werbekampagne und Wirklichkeit nicht zu groß werden zu lassen."

Von Axel Hildebrand
KOMMENTARE (10 von 43)
 
gmathol (08.03.2009, 06:55 Uhr)
Internet-TV lebt - allerdings gibt es wenige Sender/Anbieter die live Sendungen anbieten.
Das meiste was als Internet-Fernsehen angeboten wird liegt als Clip vor. Die Swisscom bietet in der Tat den vollen Service an - teilweise auch in deutschen Grenzgebieten zu Schweiz.
Uebrigens jeder der eine Sling-Box erwirbt kann z. B. einen weiteren Teilnehmer Zugriff zu seiner Fernsehbox gestatten (Freunde etc.). Die Sling-Box kann uebrigens auch eine solche Internet-Uebertragung auch auf einem anderen entfernteren Bildschirm produzieren. Selbst die Fernbedienung funkt ueber das Internet.
Das Programm TV.EXEpro bietet fuer 20 Dollar - einmaliger Gebuehr - ein weites Spektrum auch deutsche Fussballuebertragungen an.
Man benoetigt allerdings mindestens eine 1-Mbit Leitung.
HombreUno (07.03.2009, 15:28 Uhr)
@Boxdorf
Sie beschreiben sachlich den Kern des T-Problems. Egal ob sie sich gerade T-Online, T-Com oder T-Home nennen, bei der Service-Problematik hat sich nichts geändert.
.
Man würde gerne 2€/min für einen kompetenten Ansprechpartner bezahlen. Das ohnmächtige Gefühl der Hilflosigkeit ist im Störungsfall erschreckent.
T-Homme (07.03.2009, 10:36 Uhr)
Hintergründe
Warum schreibt eigentlich nie jemand, wer für die technische Infrastruktur hinter T-Entertain verantwortlich ist?
Wenn die Leute wüßten, daß sie es bei der Telekom mit dem Produkt "Microsoft Mediaroom" zu tun bekämen, würde nach genügend Erfahrung mit den bemerkenswerten anderen Produkten jener Firma, wie etwa Windows-ME, Windows Vista und Office 2007 auch keiner mehr fragen, wieso das so funktioniert, wie es meist (eher nicht) tut.
Boxdorf (06.03.2009, 22:00 Uhr)
Das Problem ist nicht . . .
das es mal zu Störungen kommt, sondern wie beim rosa "T" damit umgegangen wird.
Nach der Ankündigung, das unser VDSL Anschluss auf "Zielarchitektur" umgestellt wird ging 2 Wochen und 3 Tage nichts mehr. Das Fernsehbild stockte nach ca. 30 Sekunden bis zu einer Minute.
Ich habe die Umstellung nicht bestellt und geschweige denn gewollt.
Bei einem so hochpreisigen Premiumprodukt einen so schlechten Service zu bieten ist wirklich nicht nachvollziehbar.
Mit schlechtem Service meine ich:
- Schlechte bis garkeine Erreichbarkeit der Hotline
- Personal das die eigenen Produkte nicht kennt ( "Wie, sie haben Ihren Anschluss auf Zielarchitektur umgestellt?" )
- Hinhaltetaktik durch immer wieder die gleichen Anrufe in der Art "Bitte lassen Sie Ihren Mann wenn Sie nach Hause kommen mal die Firmwarestände prüfen!".
- Eine Beschwerdehotline, bei der man nach 16 Minuten Wartezeit aufgefordert wird, später noch mal anzurufen
- Eine Entertain-Hotline, die selber aufgrund einer technischen Störung nicht erreichbar ist
- Eine Hotline für Kunden eines Premium-Produktes, für die man auch noch Gesprächsgebühren zahlen soll
- Techniker, die zwar eine Lösung kennen, diese aber aufgrund von "Workflows" nicht anbieten können
- Aussagen wie "Wenn das nun doch an Ihnen liegt mit der Störung, dann können Sie sich auf hohe Kosten für den Techniker-Besuch einstellen!".
- Unverständnis der Service-Mitarbeiter, wenn man erklärt, das man auf den Internetzugang angewiesen ist und nicht nur googelt sondern darüber arbeiten muss.
Ich war zwei Jahre zufrieden mit T-COM / T-HOME Entertain und habe die Fahne hoch gehalten für das Produkt und den rosa Riesen.
2 Wochen und 3 Tage in denen ich alle klassischen "No-Go's" des Kundenservice erlebt habe haben das geändert.
Eigentlich ein wirklich tolles Produkt, doch Unzuverlässigkeit im Telekommunikationsbereich ist einfach inakzeptabel.
paxxx (06.03.2009, 20:00 Uhr)
ich hab keine probleme
ich hab Entertain seid ca 2 Jahren ... Hab das aber auch nur genommen wegen der 50.000er leitung. und man kann zu telekom denken was man will, allerdings liegt die leitung auch an. sowohl down & upload sind TOP!
das IP TV nutze ich eigentlich nicht und wenn im sommer das paket gesplittet wird, werd ich wohl das IP TV abbestellen.
HombreUno (06.03.2009, 18:59 Uhr)
Statistik
Insgesamt berichteten 12 Kommentare von ihren eigenen Erfahrungen mit dem Telekom-ENTERTAIN. Davon waren 9 begeistert und 3 enttäuscht.
.
Im übrigen kann ich mich nur "stehar67 (6.3.2009, 12:05 Uhr)" anschließen: DUMPFE POLEMIK
Muschelschubser01 (06.03.2009, 16:31 Uhr)
@malt: abschwören
Wir können uns nicht dem Medium vollends verschließen. Hast du Kinder?
Ich finde es aber bedenklich, wie kritiklos manche Beiträge gesehen werden und sich dadurch eine gewisse Macht der Medien ergibt.
Viele haben noch nicht mal Ahnung von was sie reden, was noch gefährlicher ist. Im Fernsehen und den Printmedien.
Aber zurück zur Telekom: Ich denke nicht dass sie noch die nächsten 5-10 Jahre überlebt. So wie sie derzeit agiert intern und mit Kunden wird sie bald ein Übernahmekandidat sein. Warum sich da noch aufregen.
Ein Russe? ein Italiener oder Spanier?
Olé !!
najaundso (06.03.2009, 15:25 Uhr)
@malt
und welches opium konsumierst du stattdessen jetzt? es ist ja ok einer ideologie abzuschwören aber sich dann kritiklos der nächsten zu öffnen zeugt nich von großem sachverstand.
gleiches was jetzt übers fernsehen gesagt/ geschrieben / polemisiert wird, wurde im 18/19 jahrhundert über das buch gesagt.
naja, die menschen brauchen halt scheinbar immer etwas um sich elitär, intellektuell und einfach besser zu fühlen.
ich für meinen teil find das fernsehen als unterhaltungsmedium großartig und bin nur vorsichtig wenn mir die öffentlich rechtlichen in der tagesschaus und ähnlichem erklären wollen was wichtig ist. denn schonmal jemand darüber nachgedacht warum es so wichtig war das wir alle von dem östereicher wussten der mit seiner tochter im keller eine zweitfamilie hatte?
aber was weiß ich schon?!
Muschelschubser01 (06.03.2009, 14:57 Uhr)
Hase schneller als Igel
Da haben einige Produktmanager ein Produkt auf den Markt gebracht, was theoretisch von der Technik funktionieren sollte (bei voller Bandbreite). Tatsache ist aber dass die Technik leider etwas hinterher hinkt. Überalterte Verkabelung, Infrastruktur die nicht auf die neuen Angebote angepasst wurden und Software/Protokolle die dringend einer Überholung bedürfen.
Schauen wir uns im EU-Umland um können wir leicht erkennen wo wir derzeit technisch stehen. Fast am Ende.
Mein Mitleid den Technikern.
DasBertl (06.03.2009, 14:33 Uhr)
@Malt
jap das seh ich genauso. Meine Glotze hab ich längst verschenkt^^
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