Er hat sich als Sanierer hervorgetan, als Lebemann und Stahlbaron. Jetzt muss Jürgen Großmann, 2,03 Meter groß, zeigen, ob er auch den Stromkonzern RWE zum Leuchten bringen kann. Von Ulrike Posche

Am liebsten dort, wo es heiß hergeht: der Boss und vier Stahlwerker vor einem Schmelzofen in Großmanns Werk Georgsmarienhütte© Stefan Pielow/Focus
Das ist wieder mal typisch Großmann! Von allen, die sich zur Transatlantik-Regatta 2007 angemeldet haben, ist sein Boot das größte. 177 Fuß lang, 54 Meter, der Mast gar stolze 60 Meter. Unter der Köhlbrandbrücke im Hamburger Hafen kommt so eine Segelyacht nicht durch. In der vergangenen Woche kreuzte der 54-jährige Stahlunternehmer aus Osnabrück mit der "Parsifal III" durch die Karibik. 28 Grad in Luft und Meer, das hydraulische Pooldeck und der Jacuzzi vom Feinsten, dunkles Holz und weißes Onassis-Leder in der Kajüte - so lässt es sich leben! Dazu der japanische Teppanyaki-Grill auf dem Achterdeck, die Stahlplatte, auf der ihm der Smutje die Lobster à la minute brät. Ein bisschen Stahl muss sein. Ein bisschen Hummer auch.
Wer Jürgen Grossmann länger kennt, der weiß, dass er in solchen Glücksmomenten laut sein Lieblingslied singt, "I Feel Good" von James Browne. Sicher, es gab einige Wolken rings um die Kleinen Antillen, der Wind flaute zum Wochenende ab, aber das war es dann auch. Die Vorstellung, dass 4000 Seemeilen entfernt von seiner karibischen Inselwelt, im regnerischen Essen, soeben gemeldet wird, dass er bald den zweitgrößten Energiekonzern Deutschlands führen wird, dass er sozusagen sein Unternehmen, das gute zwei Milliarden Euro Umsatz macht, gegen eines mit 44 Milliarden Euro Umsatz tauscht, und dass er, der Jürgen, derweil für eine Transatlantik-Regatta übt - das ist eine Vorstellung ganz nach Großmanns Geschmack. "Ich habe mich um den neuen Job bei der RWE AG nicht beworben", lässt er über sein Büro an der Hamburger Elbchaussee wissen, deshalb bleibe er erst mal an Bord. I feel good!
In Berlin sitzt zur gleichen Zeit Großmanns langjähriger Skatbruder Gerhard Schröder, 62, mit seinem früheren Regierungssprecher Béla Anda beim Essen im Restaurant "Borchardt". Sie feiern dort im Familienkreis Schröders Bucherfolg, den Anda als oberster PR-Mann im Herbst 2006 fein gesponnen hatte. Und sie freuen sich, dass schon wieder einer aus ihrem Club der "Frogs", der Freunde Gerhard Schröders, in der ach so wichtigen und zukunftsrelevanten Energiewirtschaft gelandet ist. Erst waren es Schröders Wirtschaftsminister Werner Müller, der zur Ruhrkohle AG abwanderte, und Alfred Tacke, sein langjähriger Wirtschaftsfachmann und Staatssekretär, der zur Steag ging. Sein Freund Utz Claassen und Schröder-Biograf Jürgen Hogrefe, beide gebürtige Niedersachsen, polierten bereits im Süden Deutschlands den Stromkonzern EnBW. Mit Sigmar Gabriel ist auch der Umweltminister der Großen Koalition irgendwie Schröders Dunstkreis entsprungen. Sie kennen sich alle schon ewig.
Und nun kommt also noch der Jürgen ins Spiel. Bald wird er das Energieunternehmen RWE mit neun Braun- und Steinkohle-Schleudern, vier Atommeilern, mit Gas- und Wasser-Kraftprotzern, Umspannwerken und Kohlegruben managen - und die in Essen, so weissagen die Großmann-Kenner, würden sich noch wundern, wie. Wenn dem im Schneechaos die Hochspannungsmasten umknickten, bliebe er jedenfalls nicht in der Deckung wie Vorgänger Harry Roels. Großmann wäre vor Ort und würde helfen, sie wieder aufzustellen. So viel ist mal klar. Manche munkelten Ende Januar auf dem World Economic Forum in Davos, dass der Mastbruch im Münsterland wenigstens einer der Gründe sei, warum der eigentlich sehr erfolgreiche Niederländer Roels aus heiterem Himmel abgesägt wurde. Angeblich war es beim traditionellen Davoser Abfahrtsrennen schon allen bekannt, dass Großmann dessen Job kriegen soll. Nur Harry Roels noch nicht. Dem wirft man heute außerdem vor, dass er zu wenig in Netze und neue Kraftwerke investierte, keine lukrativen Energiefirmen kaufte und sich nicht um die Sicherung von Rohstoffreserven kümmerte. "Ganz Europa ist verteilt worden", klagt ein RWE-Manager, "nur wir waren nicht dabei."
Großmann ist keiner, der nur auf die Börse guckt, um Kasse zu machen wie der amtierende RWE-Chef. Er sucht lieber Gelegenheiten, um Geld auszugeben. Es ist ja genug da: Fünf Milliarden Euro schlummern gegenwärtig in der RWE-Kasse. Und wenn die EU von weiterer Reduzierung der Treibhausgase bis an die Schmerzgrenze träumt, wenn also künftig seine Braunkohlekraftwerke nur noch mit stramm gehaltenen Emissionszertifikaten rauchen dürfen, dann wird er jedenfalls in der Lage sein, vorher ein Wörtchen mit seinem Freund Gabriel zu reden, um dem zu sagen, wie stramm. Oder mit der Frau Merkel, die er im Sommer 2005 vor ihrer Wahl zur Kanzlerin in großer Runde einmal aus Versehen mit "Frau Merz" ansprach, was zwar peinlich war, aber dem guten Verhältnis letzten Endes keinen Abbruch tat.
Früher Schröder, jetzt Merkel. Der Selbstdarsteller Großmann ist galant und geschmeidig. Mit allen, mit denen man in diesem politischen Energiegeschäft verbandelt sein muss, ist er über Kurzwahl verbunden. Großer Vorteil, sagen die Analysten. Wenigstens etwas. Drolligerweise war es aber kein Politiker aus der ersten Reihe, der Großmann ins Spiel gebracht haben soll, sondern Osnabrücks ehemaliger Oberkreisdirektor Heinz-Eberhard Holl. Der ist sowohl Aufsichtsrat in Großmanns Firma wie auch bei RWE.