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7. Juli 2007, 19:23 Uhr

"Gleicher Lohn für die gleiche Arbeit"

Er hat mit Kaffee und Schokolade Milliarden verdient. Heute ist Klaus J. Jacobs Großaktionär des Zeitarbeitskonzerns Adecco und will die Branche aus der Schmuddelecke herausholen. Ein stern-Gespräch über Geld und Gerechtigkeit - und die Frage, wozu Eigentum verpflichtet.

200 Millionen Euro gestiftet: Klaus J. Jacobs auf dem Campus der internationalen Jacobs University Bremen© Volker Hinz

Herr Jacobs, wie viele Leiharbeitnehmer sind heute in Deutschland für Adecco im Einsatz?

Ungefähr 35 000. Sie sind aus kleinen und mittleren Firmen, aber auch aus den großen Dax-Unternehmen nicht mehr wegzudenken.

Wie viel kassiert Adecco für einen Mitarbeiter, der am Band bei BMW in Leipzig schafft?

Das ist unterschiedlich. Wir handeln die Marge mit unseren Kunden aus, sagen ihnen, was unsere Mitarbeiter verdienen müssen, damit sich das Geschäft rechnet. Würde beispielsweise ein Adecco-Mitarbeiter 10 000 Euro im Monat bekommen, wären wir mit 1000 Euro, also zehn Prozent Marge zufrieden. Bei 500 Euro Lohn würden wir natürlich mehr verlangen.

Auf Kosten der Zeitarbeiter? Die verdienen in der Regel schlechter als die betriebszugehörigen Beschäftigten.

Erst einmal möchte ich den Begriff Zeitarbeit aus der Welt schaffen. Er stammt aus der Vergangenheit, als Arbeitnehmer nur auf Zeit bei einem Kunden eingesetzt werden durften. Was politisch und sozial absoluter Unsinn war. Bei uns ist die überwiegende Mehrheit unserer Mitarbeiter fest und unbefristet angestellt. Wir nennen sie "flexible Arbeitskräfte" und wollen diesen Begriff international durchsetzen.

Das klingt zwar besser, doch der Lohn wird dadurch nicht steigen.

Das soll sich ändern. Ich trete persönlich dafür ein, dass unsere Mitarbeiter in den Unternehmen, in denen sie eingesetzt werden, den gleichen Lohn erhalten wie vergleichbare Festangestellte. Wir müssen zwar leichte Abschläge etwa wegen der Einarbeitungszeit oder geringer Betriebszugehörigkeit in Kauf nehmen, aber mehr als zehn Prozent unter dem hausüblichen Lohn darf die Bezahlung unserer Kräfte in keinem Fall liegen.

Sie fordern gleichen Lohn für gleiche Arbeit auch für Leihkräfte?

Ja. Denn gleicher Lohn kommt nicht nur unseren Angestellten zugute, sondern auch Adecco selbst: Je mehr ein Adecco-Mitarbeiter verdient, desto höher fällt in der Regel unser absoluter Betrag aus. Dabei greifen wir übrigens nicht in die Lohntüte unserer Mitarbeiter, wie oft behauptet wird, sondern werden von unseren Kunden zusätzlich für den Service entlohnt, dass wir ihnen zügig Fachkräfte liefern und sie unkompliziert zurücknehmen, wenn sich die Auftragslage verschlechtert.

Wie wollen Sie Ihre Ziele im von Kostendruck getriebenen Markt erreichen?

Das regeln Angebot und Nachfrage ganz allein. In Deutschland werden die Fachkräfte wegen des demografischen Wandels knapp. Das treibt den Preis. Ab 2010, das wissen wir, wird der Mangel richtig schlimm. Adecco will den Bedarf dann mit flexiblen und mobilen Arbeitskräften decken können. Deshalb tun wir alles, um unsere Mitarbeiter an uns zu binden, sorgen für ordentliche Löhne und bilden sie auch ständig fort.

Bei ungelernten Mitarbeitern funktioniert dieser Automatismus wohl kaum.

Für alle gibt es einen mit den Gewerkschaften ausgehandelten Tarifvertrag, der uns genau vorschreibt, wie viel wir ihnen mindestens zu zahlen haben.

Die unterste Grenze liegt bei 4,17 Euro.

Nicht bei uns. Unsere Entlohnungsgrundlage ist der Tarifvertrag mit dem DGB. In der untersten Gruppe liegt der Mindestlohn bei 7,38 Euro. Wenn neue Tarifverhandlungen anstehen - und die Wirtschaft wächst weiter -, kann ich mir durchaus einen höheren Mindestlohn vorstellen.

Die Arbeitslosigkeit sinkt auch wegen der wachsenden Leiharbeit. Ist Ihnen Arbeitsminister Franz Müntefering schon vor Dankbarkeit um den Hals gefallen?

Ich habe noch nicht mit ihm darüber gesprochen. Während der Schröder-Regierung habe ich allerdings Wolfgang Clement ...

... der heute Ihr Londoner Adecco-Institut zur Erforschung der Arbeit leitet ...

... meine Vorstellungen erläutert und ihm gesagt, dass die Zeitarbeit im Rahmen der Reformpolitik einen wichtigen Part gegen die Arbeitslosigkeit spielen könne. Den Erfolg erleben wir zurzeit.

Warum sollte ein gut ausgebildeter und gefragter Ingenieur ausgerechnet bei Adecco anheuern und nicht gleich zu Daimler gehen?

Ich würde ihm empfehlen: Komm zu uns, wir bringen dich dorthin, wo es Arbeit gibt, wir bilden dich ständig fort, und bei uns kannst du die spannendsten Jobs der ganzen Welt bekommen. Außerdem bieten wir einen krisensicheren Arbeitsplatz, den Daimler und Siemens nicht mehr garantieren können. Wie wir wissen, bauen die Konzerne selbst dann Leute ab, wenn die Auftragslage stimmt.

Auch das gilt nur für qualifizierte Kräfte. Laut Statistik sind 80 Prozent der Leiharbeiter nicht oder wenig ausgebildet.

Das war einmal. Bei Adecco sind es inzwischen 50 Prozent.

Sie prognostizieren einen Fachkräftemangel. Dann hätte auch Adecco Probleme, Fachkräfte zu finden.

Richtig. Deshalb wollen wir verstärkt junge Leute für uns gewinnen. Wir haben Konzepte entwickelt, wie ein europaweit anerkannter Übergang von der Schule in die Berufswelt aussehen kann. Wir wollen eine Institution schaffen, die diesen Weg anbietet, und erarbeiten gerade Vorschläge für die EU. Die Kommission ist absolut offen für unsere Pläne.

Das heißt, man kann bald bei Adecco eine Lehre absolvieren?

Ja, ich kann mir sogar eine Lehre oder eine Ausbildung vorstellen, die international anerkannt werden könnte. Erfahrungen haben wir bereits gesammelt: Schon heute schulen wir etwa Handwerker aus Polen für den norwegischen Markt, wo sie dann für drei oder mehr Jahre arbeiten.

Also weg vom Massengeschäft mit billigen Kräften?

Noch macht das Geschäft mit ungelernten Kräften den Hauptteil unseres Umsatzes aus, doch das ausschließliche Massengeschäft mit ungelernten Arbeitern, wie wir es früher von Zeitarbeitsfirmen kannten, wird zunehmend ins Ausland abwandern.

Zeitarbeit soll also kein Notnagel mehr sein, sondern ein Karriereweg?

Ja. Nehmen wir zum Beispiel einen Ingenieur. Würde er zu VW gehen, müsste er sich vielleicht über Jahre mit dem linken Außenspiegel beschäftigen. Bei uns kann er sagen: Das will ich nicht. Bitte schickt mich nach einem Jahr zu Toyota, ich möchte die neueste Hybridtechnik kennenlernen. Außerdem bieten wir immer mehr Projektarbeit an. Beispiel: Eine Bohrinsel wird gebaut, unsere Leute arbeiten dort für ein Jahressalär von 200.000 Euro. Ist das Projekt abgeschlossen, können sie nach Belieben erst einmal ein paar Monate Urlaub machen, sich fortbilden lassen oder gleich woanders einsteigen. Versuchen Sie das mal bei Siemens. Ähnliches wird sich bei Medizinern, Lehrern oder auch Verwaltungsangestellten entwickeln.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 27/2007

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