Brückentage am Arbeitsmarkt

7. September 2009, 14:04 Uhr

Das Horrorszenario bleibt aus: Fünf Millionen Arbeitslose zum Jahresende hatten Ökonomen befürchtet, es werden wohl nicht Mal vier Millionen. Die Reform der Kurzarbeit und flexiblere Arbeitszeitmodelle verhindern das Schlimmste. Von Matthias Lambrecht

1 Bewertungen
Kurzarbeit, Krise, Arbeitslosigkeit, arbeitslos, Wirtschaftskrise, Arbeitnehmer, Unternehmer

Im Porsche-Werk in Zuffenhausen sind bis Jahresende insgesamt 18 Kurzarbeitstage vorgesehen.©

Seit 35 Jahren ist Hilmar Pawel bei MAN . Doch so ein Desaster wie in der ersten Jahreshälfte hat der Betriebsratschef des Werks Salzgitter noch nie erlebt: Um 60 Prozent sind die Lkw-Aufträge eingebrochen, Tausende Mitarbeiter hat MAN in Kurzarbeit geschickt - in Salzgitter sogar sämtliche 2600 Beschäftigten. "Jeder zweite Arbeitstag fällt aus", sagt Pawel. "In einigen Bereichen ruht die Produktion wochenweise ganz."

Und doch hat bislang nicht einer von Pawels Kollegen aus der Stammbelegschaft seinen Job verloren. Zwar mussten rund 200 Zeitarbeiter gehen, zwei Dutzend befristete Arbeitsverträge liefen aus. Echte Entlassungen hat es bislang aber keine einzige gegeben. Und Pawel ist zuversichtlich, dass das auch so bleibt - trotz der schwersten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. "Ich mache mir keine Sorgen, dass dem Unternehmen die Luft ausgeht", sagt der Betriebsrat.

Bislang galt auf Deutschlands Arbeitsmarkt eine eherne Regel: Wenn eine neue Krise kommt, wird alles noch schlimmer als im vorhergegangenen Abschwung. Doch diesmal ist es anders; der unheilvolle Trend scheint gebrochen. Fünf Millionen Arbeitslose zum Jahresende 2009 befürchteten Ökonomen noch zu Anfang der Krise; nun werden es hoffentlich nicht einmal vier Millionen. "Es deutet sich an, dass sich die dramatischen Szenarien nicht einstellen werden", sagt Michael Hüther, Chefvolkswirt des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).

Ob bei Dax -Konzernen, im Mittelstand oder bei ganz kleinen Betrieben - überall sind Unternehmenslenker diesmal fest entschlossen, so viele Jobs wie möglich zu erhalten. Und die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte hilft ihnen dabei. Ein Mix aus Kurzarbeit, dem Entgegenkommen der Arbeiter und Angestellten in den krisengeschüttelten Betrieben sowie der in den Chefetagen gewachsenen Erkenntnis, dass gut eingearbeitete Fachkräfte immer schwerer zu bekommen sind - all das sorgt dafür, dass der GAU am Arbeitsmarkt ungeachtet der schweren Krise bisher ausbleibt.

Im August lag die Zahl der Arbeitslosen bei 3,47 Millionen. Der Anstieg um rund 9000 Jobsuchende ist niedriger als von vielen Experten erwartet. Und so rechnet die Bundesagentur für Arbeit inzwischen nicht mehr damit, dass die Vier-Millionen-Schwelle dieses Jahr überschritten wird.

Die Arbeitsmarktreformen und -umbauten der vergangenen Jahre zahlen sich in dieser Rezession aus. "Wir stecken nicht in einer strukturellen Krise", sagt Chefökonom Hüther: "Die Hausaufgaben sind bereits vor dem Einbruch der Konjunktur gemacht worden. Das ist ein Glück."

Unternehmen reagieren flexibler auf Schwankungen

Selbst die Maschinen- und Anlagebauer oder die Zulieferer, die wegen ihre hohen Exportquote besonders unter der weltweiten Rezession leiden, halten sich mit Entlassungen zurück. "Natürlich bauen die Unternehmen Personal ab - aber längst nicht in dem Umfang, der bei einem Produktionsrückgang um 30 Prozent zu erwarten gewesen wäre", sagt Hubertus Engemann, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Südwestmetall. "Etwa die Hälfte der in den zwei Boomjahren bis 2008 aufgebauten 250.000 Arbeitsplätze in der deutschen Metall- und Elektroindustrie sind noch da."

Rund 70 Prozent der Unternehmen hat die Krise inzwischen erfasst, zeigt eine Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) unter 8000 Firmen. Doch ganze elf Prozent der Betriebe haben in der ersten Jahreshälfte Mitarbeiter entlassen oder planen für die kommenden Monate einen Stellenabbau.

Arbeitgebervertreter Engemann macht hierfür auch die mit den Gewerkschaften erzielten Verhandlungsergebnisse verantwortlich. "Der Flächentarifvertrag ist deutlich besser als sein Ruf", sagt er. Die Unternehmen könnten flexibler als in der Vergangenheit auf Auftragsschwankungen reagieren. So würden in der Metallbranche nun etwa die Guthaben auf Arbeitszeitkonten abgeschmolzen, die während des Aufschwungs aufgebaut wurden.

Hinzu kommen Extravereinbarungen auf Betriebsebene. In Salzgitter helfen rund 50 MAN-Mitarbeiter in der benachbarten Fabrik eines Schienenfahrzeugherstellers aus, dessen Auftragslage noch besser ist. Im Vierwochenrhythmus vereinbaren Betriebsrat und Unternehmensführung, wo und wie kurzgearbeitet wird. Dabei wird von den Beschäftigten erwartet, bei Bedarf in einer ganz anderen Abteilung anzutreten. "Unsere Leute müssen sehr flexibel sein", sagt Betriebsrat Pawel.

Wer nicht im Werk schafft, bleibt keineswegs untätig. MAN nutzt die Kurzarbeit, um seine Beschäftigten weiterzubilden: In Salzgitter bessern rund 1000 Mitarbeiter ihre EDV- oder Fremdsprachenkenntnisse auf, werden im MAN-Produktionssystem geschult oder machen ihren Facharbeiterbrief.

Qualifizierte Arbeitskräfte sind knapp in Deutschland. Das haben die Betriebe im Aufschwung schmerzhaft gespürt und in der Krise nicht vergessen. "Vor kaum mehr als einem Jahr wurde überall geklagt: Unsere Wachstumsbremse ist der Mangel an guten Leuten", sagt Ulrich Kirsch, Geschäftsführer der hessischen Unternehmerverbände. "Die Erinnerung daran ist noch sehr frisch."

Dieser Artikel wurde entnommen... ... aus der aktuellen Ausgabe der Financial Times Deutschland

Seite 1: Brückentage am Arbeitsmarkt
Seite 2: Warum Entlassungen keinen Sinn machen
 
 
MEHR ZUM THEMA
Tools und Vergleichsrechner
Krankenkassen-Vergleich Krankenkassen-Vergleich Sie suchen eine neue Krankenversicherung? stern.de findet die passende für Sie! mehr... >
 
Vergleichen, sparen, wechseln! Kfz-Versicherung Kfz-Versicherung Der Kfz-Versicherungsvergleich

Versicherungsbeiträge erhöht? Kündigen Sie jetzt und sparen Sie bis zu 700 Euro im Jahr. Zum Partnerangebot ...

 
Ratgeber
Ratgeber Eigenheim: Entspannt in die eigenen vier Wände Ratgeber Eigenheim Entspannt in die eigenen vier Wände
Ratgeber Energiesparen: Energie und Geld sparen Ratgeber Energiesparen Geldbeutel und Umwelt schonen
Ratgeber Altersvorsorge: So sorgen Sie fürs Alter vor Ratgeber Altersvorsorge Den Ruhestand sorgenfrei genießen
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von bh_roth: VPN-Server erkennbar?

 

  von Gast 92508: Welche Kühlschranktemperatur ist richtig

 

  von Gast 92503: Warum habe ich nach meiner Privatinsolvenz immer noch einen sehr schlechten Scorwert bei der Schufa...

 

  von Gast 92501: gibt es ökologische Fahrradbekleidung?

 

  von Gast 92499: Rechtsfrage

 

  von rocky1703: mein sohn ist 21 jahre und hat seine ausbildung abgebrochen abgebrochen muss ich weiter unterhalt...

 

  von Amos: Warum heißt es häufig "Freiheitsstrafe" statt "Gefängnisstrafe"? Klingt das...

 

  von Gast: Haben Sie Behindertenrabatte?

 

  von Amos: Was ist dran am möglichen Ende von AC/DC? Alles nur Spekulationen?

 

  von Gast 92465: ich habe bei meinem Nissan Pixo den Lüftungsmotor wegen Geräusche vor 1 Jahr austauschen lassen.

 

  von getachew: Wie kann man die Monatskarte der Bvg steuerlich absetzen?

 

  von Amos: Warum trägt der BVB auch ein VW-Logo auf dem Trikot? Aus Sympathie für Wolfsburg? Bisher hatten sie...

 

  von bh_roth: Zwei Windows Betriebssysteme auf einer Festplatte möglich?

 

  von Gast 92439: Temperatur schwankt im Kühlkombie von -20 bis - 12 Grad. warum?

 

  von Anoukboy: Ich bin Französin, habe mehrere Jahre in Deutschland gewohnt une gearbeitet. Ich ziehe nach...

 

  von Gast 92418: Daten von externer Festplatte auf PC laden?

 

  von Amos: Deutsche Spitzengastronomie wird zu 95% von männlichen Köchen dominiert. Köchinnen kenne ich...

 

  von Amos: Woher stammt die Unsitte, vieles als "vorprogrammiert" zu bezeichen? Statt...

 

  von Gast 92411: wie stelle ich meine e-mail adresse um?

 

  von gerti: suche eine alternative Pfanne zu Aluguss für Induktionsherd welche nicht so schwer ist...

 

stern Investigativ
Anonymer Briefkasten: Haben Sie Informationen für uns? Anonymer Briefkasten Haben Sie Informationen für uns? Hier können Sie uns anonym Mitteilungen und Dateien zukommen lassen. Wir behandeln sie vertraulich.
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (17/2014)
Der Schicksalsflug