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12. Oktober 2007, 14:21 Uhr

Wo geht's hier zum Chaos?

Das erwartete Chaos ist beim zweiten Bahnstreik ausgeblieben. Weil der Ausstand nur kurz vorher angekündigt wurde, wichen Pendler auf andere Verkehrsmittel aus und ließen Brötchenverkäufer zurück, die auf ihren Backwaren sitzen blieben. Von Sebastian Wieschowski

Chaos sind anders aus: Ein leerer Bahnhof in Mainz© Ralph Orlowski/Getty Images

Die Ankündigung vom Tag zuvor glich einer Kriegserklärung an die Ordnung im öffentlichen Nahverkehr: An diesem Freitag bleiben bundesweit die Züge stehen, die größten Nahverkehrsnetze der Republik in Berlin und Hamburg werden lahm gelegt und in weiten Teilen Ostdeutschlands drehe sich "kein Bahnrad mehr", wie es vollmundig bei der Lokführer-Gewerkschaft hieß. Die Zeitungen sprangen bei und titelten "Heute regiert das Chaos", und: "Halb Deutschland kommt zu spät zur Arbeit". Doch schon wenige Stunden nach Beginn des ganztägigen Ausstandes zeigte sich, dass sich die Pendler offenbar schnell an die Nichts-geht-mehr-Situation gewöhnt hatten. Frei nach dem Motto "Stell Dir vor, es ist Streik, und wir gehen nicht hin".

Nachdem der S-Bahn-Takt in Berlin empfindlich ausgedünnt und ein Großteil der Regionalzüge gestrichen wurde, blieben die Nahverkehrsbahnsteige am Hauptbahnhof menschenleer. Obwohl im Berliner Hauptbahnhof bis zum Mittag rund 600 Züge ausgefallen sind, war auch auf den Straßen der Hauptstadt von chaotischen Zuständen ebenfalls nichts zu sehen. Den erwarteten und vielzitierten "volkswirtschaftlichen Schaden" bekamen höchstens die Gastronomiebetriebe zu spüren. Eine Verkäuferin die die Pendlern sonst morgendliche Aufwecker wie Kaffee, Cola oder Brötchen verkaufen sagte: "Heute wird definitiv weniger verkauft als an normalen Tagen."

Auch die Bahnangestellten hatten allergrößte Mühe, ihren kostenlosen Kaffee an wartende Pendler loszuwerden - und so als Kulisse für Fernsehteams zu dienen, die hektisch nach Streikmotiven suchten. Sie werden nicht wirklich fündig. Nur die U-Bahnen waren etwas überfüllter als an normalen Werktagen, Ersatzbusse nahmen weitere Bahnreisende auf. Ein ähnliches Bild in Hamburg, wo nur die vier S-Bahnlinien 1, 21, 3 und 31 aufrechterhalten wurden: kein Streik-Stress, keine Staus, keine verzweifelten Pendler.

Der Streik gilt als jüngster Versuch der GDL, gegenüber der Bahn mit den Muskeln zu spielen. Zwar hatten Bahn-Chef Hartmut Mehdorn und GDL-Chef Manfred Schell noch am Donnerstag neue Verhandlungen vereinbart - doch die Lokführer begleiten die Verhandlungen mit einer klaren Kampfansage. Der Streik sei bewusst nicht schon Tage vorher angekündigt worden. Trotzdem haben sich Deutschlands Pendler offenbar rechtzeitig vorbereitet. Auch die Deutsche Bahn stellte heute relativ früh fest, dass ihre Bahnhöfe nicht zu Chaoszonen werden: "Viele Menschen sind auf Busse umgestiegen oder haben das Auto benutzt", sagte eine Bahnsprecherin. Im bundesweiten Schnitt sei jeder zweite Regional- und S-Bahn-Zug ausgefallen, sagte der zuständige Bahn-Vorstand Karl-Friedrich Rausch im ZDF und ergänzte: "Im Vergleich zu einem gewöhnlichen Tag sei nur etwa die Hälfte der Fahrgäste auf die Bahnhöfe gekommen."

Alle warten geduldig auf das Ende

Am Berliner Hauptbahnhof warteten Bahnbedienstete und Brötchenverkäufer geduldig auf das Ende des Streiks gegen Mitternacht. "Ich glaube, dass ein Chaos selbst dann unwahrscheinlich wäre, wenn die GDL ganz ohne Vorankündigung streikt", mutmaßt eine Servicepoint-Mitarbeiterin. Der Fernverkehr sei in keinem Fall betroffen, im Stadtverkehr hätten Busse, Trams und U-Bahnen dazu beigetragen, dass Konfusion gar nicht erst entsteht.

Die wenigen Pendler und Fernreisende, die am Freitag in den Hauptbahnhof gekommen waren, üben sich währenddessen in Geduld - oder in Galgenhumor: "Die Bahn kommt in Deutschland auch an normalen Tagen zu spät. Warum regt sich das ganze Land auf, wenn ein paar Stunden gestreikt wird", sagt etwa der Deutschlehrer Christian Cellier, 57, aus Paris, der mit einer Schulklasse im ICE über Hannover und Karlsruhe zurück in die französische Hauptstadt reisen wollte. In Frankreich sei man ganz andere Streiks gewöhnt - dort treten die Bahnbediensteten am 17. Oktober gleich für drei Tage in den Ausstand.

Von Sebastian Wieschowski
 
 
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