23. Februar 2009, 18:03 Uhr

Der große Eisenbahnraub

Finanzinvestoren werden oft als "Heuschrecken" beschimpft, die in Unternehmen einfallen, abgrasen und weiterziehen. Was beim Spielzeughersteller Märklin unter dem Deckmantel der Sanierung geschah, war anders: Es war noch schlimmer. Von Angela Maier und Steffen Klusmann

Märklin, Kingsbridge, Insolvenz, Krise

Zum Verzweifeln: Märklins Reformer haben in die eigene Tasche gewirtschaftet©

Der Mann spricht kaum Deutsch, und in seinem bisherigen Job als Vorstand des Strumpfherstellers Kunert hat er ziemlich versagt. Trotzdem soll Robert Calhoun im Herbst 2008 neuer Chef bei Märklin werden. Den Amerikaner zeichnen zwei Dinge aus, die bei dem Modelleisenbahnhersteller offenbar von Vorteil sind: Calhoun ist ein Vertrauter von Mathias Hink, dem Gründer des Finanzinvestors Kingsbridge. Und er ist sehr, sehr teuer.

Zügellose Raffgier

Kingsbridge, eine Beteiligungsgesellschaft aus London, gehören in Deutschland sowohl Märklin als auch Kunert. Der Strumpfhersteller aus Immenstadt kämpft seit Jahren ums Überleben, unter der Ägide von Calhoun hat er zuletzt die Lizenz für seine größte und wichtigste Einzelmarke verloren: Burlington. Dieser Calhoun soll jetzt im 180 Kilometer entfernten Göppingen Märklin vor der Pleite retten. Ein Witz? Nein, es ist Methode.

Als Hinks Co-Investor bei Märklin, die Investmentbank Goldman Sachs, von dem Plan erfährt, vereitelt sie den wundersamen Aufstieg des Amerikaners zum obersten Modelllokführer. Doch Hink bleibt hartnäckig. Wenn er Calhoun nicht an der Märklin-Spitze installieren kann, dann als Berater. Allein für die letzten Monate des vergangenen Jahres kassieren Calhoun und Mary, seine Sekretärin, gut 250.000 Euro. Für den Januar gehen nochmals rund 45.000 Euro an Rob und die gleiche Summe an seine Spitzenkraft Mary. Geholfen hat es nicht. Am 4. Februar meldet Märklin Insolvenz an.

Die Pleite der Göppinger Traditionsfirma ist viel mehr als nur die Folge schlechten Managements. Sie ist ein Paradebeispiel für zügellose Raffgier und dafür, wie pervers das Geschäft mit Sanierungen bisweilen betrieben wird. Und wie schamlos sich Investoren und ihre Geschäftspartner dabei bereichern. Ohne Rücksicht auf das Wohl der Firma und ihrer Beschäftigten. Bei Märklin wurden systematisch Jahr für Jahr Millionen abgesaugt - durch astronomische Geschäftsführer- und Aufsichtsratsbezüge, sündhaft teure Darlehen, Bestandsverminderungen zu Schleuderpreisen und horrende Beraterhonorare.

Moderne Raubritter

Als der Insolvenzverwalter Michael Pluta eine Bestandsaufnahme macht, ist er entsetzt: jedes Jahr Honorare in Millionenhöhe. 2006 sind es 10,7 Millionen Euro bei einem Verlust von 13 Millionen Euro. 2007 13,8 Millionen Euro beim Verlust von 16 Millionen Euro. Mit der Durchsicht der Zahlen 2008 ist er noch nicht fertig, doch dürfte sich wenig geändert haben. "Da tränen einem die Augen", sagt Pluta. Ohne diese Beratungskosten "wäre die Firma nicht pleite". Plutas erste Amtshandlung: "Alle Berater raus."

Die Dreistigkeit, in der Märklin von seinen vermeintlichen Sanierern geschröpft wurde, wird erst allmählich erkennbar - und stellt vieles in Deutschland Dagewesene in den Schatten. Dokumente, die der FTD vorliegen, vermitteln vor allem einen Eindruck: Bei Märklin waren moderne Raubritter am Werk. "Das Unternehmen war offenbar von Beginn an als Selbstbedienungsladen konfiguriert", sagt einer, dem die Vorgänge in Göppingen bestens vertraut sind.

Für Co-Investor Goldman Sachs ist der Fall Märklin hochnotpeinlich: Die US-Bank hat Kingsbridge jahrelang gewähren lassen - und auffällige Zahlungsflüsse erst gestoppt, als es schon zu spät war.

Wie konnte es zu dem Desaster in Göppingen kommen? Was führten Kingsbridge-Chef Mathias Hink und sein Partner im Schilde? Und welche Rückschlüsse lassen sich daraus ableiten für Kunert und die Kabelfirma Orion Cable, die anderen deutschen Beteiligungen des Finanzinvestors aus London?

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KOMMENTARE (4 von 4)
 
Nostradamus (24.02.2009, 09:32 Uhr)
Märklin: Ein Beispiel dafür wie eloquente Schlipsträger ein Unternehmen ruinieren
Im Gegensatz zu mir rechnen diese Herren ganz genau, so glaubt jedenfalls der, der ihnen zuschaut.
Das Problem der deutschen Wirtschaft und Politik ist doch, dass man auf die vertraut die kompetent aussehen. Psychologische Studien haben ergeben, dass 70% der Kompetenz einer Person nur Kleidung und Sprache (Eloquenz= Redegewandheit, siehe Gysi), also im Prinzip Sympathie (siehe Merz oder Westerwelle) ausmachen.
Märklin wurde ausgeraubt und im Gegensatz zu Opel wäre Märklin ein Kandidat bei dem es sich lohnen würde Geld zu investieren. Sicher, Märklin wird niemals Milliarden abwerfen aber Märklin könnte Renditen erwirtschaften, die im Rahmen des realistischen sind und Kindern und Erwachsenen Freude machen, die unbezahlbar ist, und Mitarbeitern einen sicheren Arbeitsplatz bieten.
Das Unternehmen ist kaputt gewirtschaftet worden obwohl man mit hervorragendem Spielzeug in dem Bereich immer Geld verdienen kann. Trotz Playstation und Co..
Im Übrigen bringt das Spielen mit einer moderen Modellbahn auch viel für die Weiterbildung der Kinder, da es hilft die Geheimnisse des Stroms und moderner Steuerungssysteme spielerisch zu entdecken.
Märklin oder Modellbahnen an sich aben spielerischen und erzieherischen Wert. Habe als Kind im Winter Wochen mit an meiner Märklinbahn gebastelt und bin so gesehen Märklin dankbar für das know how, was man dabei gewinnen konnte und die schönen Erinnerungen an die Jugend, an Weihnachten wo es Nachschub gab aber auch an den Vater der die Ergebnisse schön fand. OB das Playstation und Co. auch kann?
Euphemismus (24.02.2009, 09:21 Uhr)
@Watschdog
Ich sympathisiere mit Ihren Ansichten. Aber ich merke an, das sie natürlich makroökonomischer Nonsens sind. Leider ist - insbesondere auf dem globalen Finanzmarkt - das Leben nicht so einfach wie Wunsch und Traum. Selbst die sehr viel schlüssigere "Tobin Steuer" (und bedenken Sie, wir reden von lediglich 0,5 Prozent Transaktionssteuer!) konnte nie Mehrheiten finden und weisst einige substantielle Fehlannahmen/Trugschlüsse auf.
Je älter ich werde und je länger ich darüber nachdenke, um so mehr glaube ich, dass sich unsere ökonomischen Modelle in ihrer aktuellen Form allesamt überlebt haben. Der Mut neue, andere, bessere zu entwickeln fehlt aber oder wird unterdrückt/ignoriert. :(
Vor 100 Jahren nannte man diese Stimmung wohl vor-revolutionär. Wie nennt man sie heute? Hadern? :)
Watschdog39 (24.02.2009, 07:47 Uhr)
Ihr wollt die
verkehrten Schweine schlachten!!!!!
Unser Zorn sollte sich doch gegen die Leute richten, die sowas möglich machen!! Und da gibt es keinen Politiker, der unschuldig ist.
Die "Oberen" der SPD prägten den Ausdruck "Heuschrecken", dagegen unternommen haben sie aber nichts.
Die CDU/CSU haben die ehemalige DDR ausplündern lassen. Die FDP unter Guido war beschäftigt mit dem "Spaßmobil", die Grünen interessierte ihr Kreuzzug gegen "Kampfhunde", für Dosenpfand und Rechte der Minderheiten mehr als ihre natürlichen Gegner, Firmen und Selbstständige.
Und Oskar mit seinen Linken auf dem Trip der ewig gestrigen. Umverteilung heißt, anderen zu stehlen. An das wirklich richtige traut sich Oskar nicht ran, das wäre Staatlich festgeschriebene Zinsen, Verbot der Zinseszinsen und auf den Kapitalertrag bei Zins- und Börsengewinnen eine exorbitante Steuer. Wenn dies Weltweit durchgezogen würde gäbe es keinerlei Probleme in Ländern der dritten Welt mehr. Die Wirtschaft in den Industrieländer florierte und die Staaten hätten mehr Steuern in ihren Kassen als sie ausgeben könnten.
guzziman (20.02.2009, 11:20 Uhr)
Unverstädnlich
das Verbrecher wie dieser Hink immer noch wüten dürfen. Solche Leute gehören aus dem Verkehr gezogen, wenn das nicht mit legalen Mitteln geht, dann eben mit illegalen.
Aufgrund solcher Verbrecher werden (nicht nur in Deustchland) tausende Menschen arbeitslos. Aber solche Schweine interessiert das nicht!
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