Noch vor kurzem zeigte sich die Chefin des Schaeffler-Konzerns selbstbewusst und durchsetzungsfreudig. Doch nun steckt Maria-Elisabeth Schaefflers Unternehmen in der Finanzklemme und plötzlich umgarnt sie sogar ihre einstigen Gegner - Melodram einer Milliardärin. Von K. Spiller, S.O. Clausen, K. M. Smolka

Früher pressescheu, heute dürfen auch mal Tränen fließen: Unternehmerin Schaeffler bei einer Demonstration© Christof Stache/AP
Viel dicker hätte Maria-Elisabeth Schaeffler die Symbolik nicht auftragen können. Einen dicken, leuchtend roten Schal hat sich die Unternehmerin zum Kniefall vor den Arbeitnehmern um den Hals geschlungen. So sitzt sie da nun auf der Pressekonferenz in der Frankfurter Zentrale der IG Metall und schweigt; die erste Rede hat sie Gewerkschaftschef Berthold Huber überlassen.
Jahrelang hat sich Maria-Elisabeth gegen die Mitbestimmung, den Einfluss der Arbeitnehmer gewehrt - aber nun, in der Stunde höchster Not, schmeichelt sie plötzlich den früheren Gegnern. Das Wachstum ihres Konzerns sei nicht nur eine unternehmerische Leistung gewesen, sagt sie, als Huber zu Ende geredet hat, "sondern auch und ganz besonders unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter". Sie hätten einen großen Anteil am Erfolg und stünden auch jetzt "in beispielhafter Solidarität" zu ihrem Unternehmen. "Deswegen ist es für meinen Sohn und mich auch ein ganz persönliches Anliegen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an dem Unternehmen zu beteiligen."
Wie hat sich diese Frau verwandelt! Aus der resoluten, pressescheuen Matriarchin im Nerzmantel ist binnen wenigen Wochen eine Diplomatin geworden, die sich wahlweise kleinlaut geben, den Staat um Geld anflehen oder öffentlich Tränen verdrücken kann, wenn es bloß der Sache dient. Will heißen: der Rettung ihres Unternehmens.
Maria-Elisabeth Schaeffler, ihr Sohn Georg und Geschäftsführer Jürgen Geissinger haben sich gewaltig verhoben an der feindlichen Übernahme des Rivalen Continental. "Es fehlen fünf bis sechs Milliarden Euro Eigenkapital", gibt Georg Schaeffler mittlerweile zu. Ohne öffentliche Gelder drohen dem Familienkonzern aus Franken Insolvenz und Zerschlagung. Die Lage spitzt sich täglich zu. Und das ausgerechnet jetzt, da sich immer mehr Politiker gegen weitere Staatshilfen für angeschlagene Unternehmen aussprechen. Höchste Zeit für einen Imagewechsel. Zeit für eine andere Maria-Elisabeth Schaeffler.
Fünf Wochen ist es her, da war sie noch die starke Dame der deutschen Wirtschaft. Es ist der 21. Januar, der Streit um die Macht bei Conti ist noch im Gange, da zeigt sich die Chefin bei einem Branchentreff in Berlin. "Unerwartet", befindet Contis Aufsichtsratschef Hubertus von Grünberg und eilt zu ihr. Die Augen vieler Manager heften sich auf Schaeffler, während sie durch den Raum geht. Wie immer perfekt geschminkt, das blonde "Walle-Walle-Haar", wie sie es selbst nennt, adrett hochgesteckt und mit durchdringendem Blick diskutiert sie mit Grünberg und Conti-Chef Karl-Thomas Neumann. Wenige Tage später setzt Maria-Elisabeth Schaeffler im Conti-Aufsichtsrat Grünbergs Abgang durch. Das Unternehmen Schaeffler erhält vier Sitze in dem Gremium.
Sieben Tage später lehrt die "Bild"-Zeitung sie Demut. "Diese Milliardärin will an unser Steuergeld", titelt das Blatt am 28. Januar. Daneben prangt ein großformatiges Foto: Maria-Elisabeth Schaeffler lacht mit Champagnerglas und üppigem Pelzmantel in die Kameras. Eine Feier in Kitzbühel, Treff mit wichtigen Kunden wie Volkswagen und Audi. Doch der Pelz ramponiert alles. Schaeffler merkt: Sie hat überzogen. Sofort steuert sie gegen. "Ich bin keine Schickimicki-Dame", wehrt sie sich in Interviews tags drauf. Bis zu 80 Stunden die Woche arbeite sie. Es gehe ihr um das Wohl des Unternehmens, der Mitarbeiter.
Vergangene Woche zeigt sie sich inmitten der Belegschaft. Bei einer Demonstration durch Herzogenaurach, den Firmensitz, stellt sie sich neben ihre Leute. Eine dunkle Daunenjacke schützt sie vor der Winterkälte. Sie will Nähe zeigen. Es treibt ihr Tränen in die Augen. Die Bilder rühren Deutschland, der Imagewandel ist gelungen.