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2. Januar 2008, 13:51 Uhr
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Unternehmen verzichten auf Patente

Die Angst der deutschen Wirtschaft vor Produktpiraten aus China ist groß. Um der Kopiergefahr zu entgehen, wählen immer mehr Unternehmen einen ungewöhnlichen Weg: Sie verzichten auf die Anmeldung von Patenten. Von Kirsten Bialdiga

Deutsche Maschinenbauer wollen nicjt kopiert werden© Peter Steffen/DPA

Deutsche Maschinenbauunternehmen verzichten zunehmend auf Patentschutz. Auf diese Weise wollen sie Produktpiraten abwehren. Denn die Patentschriften erweisen sich als wahre Fundgruben für chinesische Markendiebe. "Wir melden nur noch ganz wenige Patente an", sagt etwa Heinrich Weiss, Chef des weltgrößten Stahlwerksbauers SMS Group. Chinesische Konkurrenten studierten regelmäßig Patentschriften, um die Produkte dann zu kopieren. Jürgen Schade, Präsident des Deutschen Patent- und Markenamts, bestätigt diesen Trend: "Die Offenlegungsschriften, die 18 Monate nach Patentanmeldung einsehbar sind, kann ein Fachmann ohne Probleme verstehen", sagte Schade der FTD. Das dafür notwendige technisch-naturwissenschaftliche Vorwissen sei in China bereits vorhanden.

In China gibt es kaum Chancen, sich gegen Produktpiraten zur Wehr zu setzenNach einer Studie des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) sind vier Fünftel der Unternehmen der Investitionsgüterindustrie bereits Opfer von Produktpiraterie geworden. Die Schäden durch Plagiate werden dabei weltweit auf bis zu 660 Mrd. Euro jährlich geschätzt. In der Folge gehen in Deutschland jedes Jahr bis zu 70.000 und in Europa bis zu 300.000 Arbeitsplätze verloren.

"Wir raten unseren Mitgliedern inzwischen, Patente nur noch anzumelden, wenn die Produkte ein sehr komplexes technisches Know-how voraussetzen", sagte VDMA-Hauptgeschäftsführer Hannes Hesse. Auf dem Rechtsweg gebe es in China kaum Chancen, sich gegen Produktpiraten zur Wehr zu setzen. "Viele Unternehmen lauern deshalb darauf, bis die Plagiate in Ländern auftauchen, in denen das Rechtssystem besser funktioniert. Erst dann gehen sie gegen die Produktpiraten vor", sagt Verbandsmanager Hesse.

Auch der Kranhersteller Demag Cranes ist mittlerweile bei der Anmeldung von Patenten vorsichtig geworden. "Wir versuchen, die Chinesen so lange wie möglich auf Abstand zu halten", sagte Unternehmenschef Harald Joos. Der Weltmarktführer bei mobilen Hafenkränen, der insgesamt über rund 1500 Patente verfügt, hat bereits schlechte Erfahrungen gemacht. Zwei frühere Kran-Generationen seien von den Chinesen längst kopiert worden. Die neuesten Kräne hingegen seien wegen des größeren und schwieriger zu kopierenden Softwareanteils noch nicht betroffen, sagte Joos.

Patentamtspräsident Schade warnt Unternehmen davor, von vornherein auf ihre Rechte zu verzichten: "Patente nicht anzumelden, bedeutet, weltweit keinen Schutz zu haben." Dann könnten Produkte, die etwa auf Messen ausgestellt werden, von jedem nachgebaut werden. "Die Konkurrenten - auch außerhalb Chinas - werden sich bedanken", sagte Schade. Die Chancen, bei Patentverletzungen in China recht zu bekommen, stünden gerade bei hochwertigen Produkten nicht so schlecht. Doch auch er räumt ein: "Wir haben in China eine komplette Patentinfrastruktur aufgebaut, die aber noch nicht so funktioniert, wie wir es gern hätten." Zudem werde dort zurzeit das Patentverfahren überarbeitet - nicht nur zum Vorteil für ausländische Unternehmen. So müssen laut Schade ausländische Firmen mit einem Sitz in China künftig ein Patent dort zuerst anmelden. "Darin sehen wir eine Beschränkung der unternehmerischen Freiheit. Diese Änderung steht allerdings noch nicht fest", sagte Schade.

Der Patentamtspräsident rät den Unternehmen aber, das Thema Plagiate nicht überzubewerten. "Wir nehmen an, dass die Fälle von Produktpiraterie in relativ kurzer Zeit stark zurückgehen werden." Wenn sich die technische Entwicklung in China linear fortsetze, hätten die Chinesen es schon bald nicht mehr nötig abzukupfern. "Die Industrieländer sollten sich eher darauf konzentrieren, im technisch-naturwissenschaftlichen Bereich die Nase vorn zu behalten."

Von Kirsten Bialdiga
KOMMENTARE (9 von 9)
 
HessiJames (03.01.2008, 10:54 Uhr)
Dieser Verzicht "macht" Sinn
Vor einigen Jahren hatte ich Kontakt mit Leuten, die eine pfiffige Produktverbesserung mit hohem Nutzwert entwickelt hatten. Und habt Ihr Euch das patentierten lassen?
Die Antwort: "Sind wir blöd?. Dann müssen wir offenlegen, wie's funktioniert. Und den Abkupferern wird's leicht gemacht."
STR_EDDS (03.01.2008, 01:14 Uhr)
@Meinu
Volle Zustimmung. Ich denke Herr Schade hatte da Gutes im Sinn. In der Praxis dürfte sich der Schritt weg vom Patent als eher nachteilig erweisen. Wir waren vor kurzem als Aussteller auf der Euromold in FFM. So viele Chinesen mit Digicams (zum Teil mit absurd großen Zoom-Optiken), welche wirklich jeden Winkel der Maschinen knipsten, hatte ich zuvor noch nie gesehen. Bei uns wurden sie freundlich aber bestimmt auf das Fotografierverbot hingewiesen. Trotzdem wurde der Eine oder Andere krabbelnderweise unter (!) unseren Anlagen gesichtet. Auf unsere Wirtschaft warten noch sehr nette Probleme. Da bin ich mir sicher.
Meinu (02.01.2008, 23:58 Uhr)
Keine Patentanmeldung sehr riskant
Aus den Problemen mit der Durchsetzung von Patenten in China, die natürlich zunächst erst einmal in China angemeldet werden müssen - zu schließen, auch hier in DE keine Patente mehr anzumelden ist geradezu schon "selbstmörderisch". Allein durch den verkauf der Waren, die der betreffende Betrieb herstellt - kann jeder Dritte eine Kopie erstellen, dazu bedarf es keiner Offenlegun eines Patentes. Genau durch den fehlenden Patentchutz aufgrund fehlender Patentanmeldungen in DE können dann auch noch die chinesischen Waren ungehindert in DE eingeführt werden und der Erfinder/die Industrie hat das Nachsehen. Also müsste die Schlussfolgerung eingentlich lauten: Patentanmeldung in DE u n d China und die Politik muss für eine verbesserte Durchsetzungsmöglichkeiten der angemeldeten Patente in China ( genauso wie es dies in DE schon lange gibt) sorgen. Das dt. Patentamt hat laut Herrn Schade dabei bereits viel Arbeit in China geleistet.
Meinu (02.01.2008, 23:46 Uhr)
Patente werden seit mehr als 100 Jahren offengelegt
Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass Patente seit jeher nach 18 Monaten offengelegt werden. Dies ist die "Gegenleistung" an die Allgemeinheit für den Schutz, den der Anmelder aus dem Patent erhält. Zudem müssen ja Dritte darüber informiert werden, was als Patent angemeldet ist, sonst können Sie die Benutzung von Vorrichtungen gar nicht unterlassen! Falls ein Erfinder Interesse an Schutz in China hat, muss er d o r t ein Patent anmelden - das ist in jedem Land der Welt dasselbe! Genauso könnte ein Inder etwas nachahmen, dass beispielsweise in DE angemeldet ist, aber in Indien nicht - Die ganze Aufregung entsteht also einfach daraus, dass das Geld für eine Patentanmeldung in China gespart wird.
LuisaG (02.01.2008, 21:43 Uhr)
Einfallsreich und mutig
Wenn die Patentämter die eingereichten Patente nicht geheimhalten können, ist es schon kriminell. Die Lösung der Wirtschaft ist natürlich sehr einfallsreich und mutig, aber eigentlich sollte es auch anders möglich sein, sein Recht zu wahren.
bR4iNST0RM (02.01.2008, 17:37 Uhr)
Hmm..
Wenn dem so ist, dass Unternehmen auf Patentente verzichten, um sich zu schützen, ist das im Kehrschluss eine Blamage für das Patentamt. Da wird es wohl den einen oder anderen Mitarbeiter geben, der Patente veräußert.
starmax (02.01.2008, 17:03 Uhr)
@screne - wunderliche Ansicht
zumindest werden Äpfel (der millionenschweren Investtionsgüterindustrie) mit Softwarestricker-Birnen verglichen.
Der Schutz geistigen Eigentums muß bleiben - allerdings sollte dieser nicht zu restriktiv ausgelegt sein.
Analog: Einen Satz sollte man schützen können, Worte oder Buchstaben nicht!
STR_EDDS (02.01.2008, 17:00 Uhr)
@screne
Wo gibt die Industrie das bitte zu? Haben Sie das in dem Artikel irgendwo rauslesen können? Auf Patentschutz wird verzichtet, um das Offenlegen von Verfahren und Techniken zu verhindern. Sonst nichts. Softwarepatente sind Nonsense. Aber Patente aus dem Industriebereich sichern nachhaltig die Investitionen eines Unternehmens ab - zumindest wenn man die Spielregeln einhält.
screne (02.01.2008, 13:07 Uhr)
Keine Patente? Prima!
Softwarepatente-Befürworter führen ja immer das Argument an, Patente und speziell Softwarepatente würden Innovation fördern. Gegner (wie ich) meinen, dass Patente den Wettbewerb behindern und dass Softwarepatente Unsinn und ein potenzielles Minenfeld sind, weil es in der Softwarebranche programmiertechnisch sowieso kaum wirklich neue "Erfindungen" gibt.
Nun gibt die Industrie also zu, dass für Innovation und Fortschritt Patente gar nicht notwendig sind, bzw. dass Patente gar nicht weltweit durchsetzbar sind? Interessant.
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