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26. Februar 2008, 17:55 Uhr

Freiheit fürs Handwerk

Seit der Liberalisierung vor vier Jahren ist in mehr als der Hälfte aller handwerklicher Berufe der Meisterzwang entfallen, die Branche erfasste ein wahrer Gründerboom. Experten fordern daher eine Ausweitung der neuen Regeln - doch die Kammern sperren sich. Von Ingmar Höhmann

2004 beschloss die Bundesregierung eine Novelle der Handwerksordnung© colourbox.com

Dreieinhalb Jahre Lehre zur Klavierbauerin, zwei Jahre Zusatzausbildung zur Intoneurin, ein Jahrzehnt Berufserfahrung: Trotzdem durfte Marion Beuter selbstständig keine Klaviere reparieren. "Als ich mein Geschäft anmeldete, schickte mir die Handwerkskammer einen bitterbösen Brief: Ich solle mich gefälligst zur Meisterprüfung anmelden. Sonst hätte ich 20.000 Mark Strafe zahlen müssen", erinnert sich Beuter. "Dabei konnte ich alles: Instrumente völlig auseinander- und wieder zusammenbauen." Offiziell durfte sie die Klaviere aber nur stimmen. Um auch lukrative Reparaturen machen zu können, fehlte ihr der Meisterbrief.

Novelle hat einen Gründungsboom ausgelöst

Vor vier Jahren kam Beuter die Regierung zu Hilfe. Diese beschloss 2004 eine Novelle der Handwerksordnung. Der Meisterzwang für viele Gewerbe fiel. Auch Marion Beuter durfte sich nun "Klavierbauerin" nennen. Sie ließ neue Visitenkarten drucken und klebte Werbung auf ihr Auto. Heute gehört ihr eine kleine Werkstatt im Odenwald. Für ihre Kunden hält sie mehr als 800 Instrumente in Schuss. "Vorher hatte ich ständig zu kämpfen", sagt die 42-Jährige. "Jetzt kann ich von meinem Job wirklich leben."

Freiheit auch ohne Meisterbrief: So wie Marion Beuter haben sich seit 2004 Zehntausende Handwerker selbstständig gemacht. 53 von 94 Berufen erlauben nun die Existenzgründung ohne Meisterprüfung. Nach Ansicht von Experten hat dies dazu beigetragen, den Abwärtstrend bei der Beschäftigung in diesen Branchen zu stoppen. Sie sehen in der Novelle daher einen Erfolg und fordern eine Ausweitung der neuen Regeln.

Neuer Gründerboom

Einen wahren Boom bei den Gründungen hat die Novelle ausgelöst: So hat sich die Zahl der Betriebe in den zulassungsfreien Berufen nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) auf 160.000 mehr als verdoppelt. In den anderen Handwerkszweigen stagniert sie bei knapp 600.000. Das macht sich auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar: Nachdem zwischen 1996 bis 2006 in Deutschland unter dem Strich mehr als 1,7 Millionen Arbeitsplätze im Handwerk verloren gingen, scheint nun eine Kehrtwende einzusetzen. Statt eines weiteren Rückgangs stagniert die Zahl der Beschäftigten nun bei knapp 4,5 Mio.

Vom Ende des Meisterzwang profitieren auch die Kunden: "Mehr Anbieter auf dem Markt schaffen auch mehr Wettbewerb", sagt Bernhard Lageman vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Auch deshalb hofft er darauf, dass sich die Regierung zur Ausweitung der Regeln entschließt. Ganz anders sehen das die Handwerkskammern. Weil sich nun weniger Gesellen zur Meisterprüfung anmelden, klagt der ZDH über eine Verschlechterung von Ausbildung und Qualität der Handwerker. "Der Meistertitel steht für eine hochwertige Leistungserbringung", sagt ZDH-Geschäftsführer Wolf-Herrmann Böcker. "Die Berufsqualifikationen im Handwerk bilden einen der wichtigsten Standortfaktoren im europäischen Wettbewerb."

Gesetzgeber erlag einem Trugschluss

Für den Verbands-Funktionär hat vor allem die gute Konjunktur den Beschäftigungsabbau gestoppt. Der Gesetzgeber sei einem Trugschluss erlegen, sagt Böcker. Ursache für den Rückgang von Betrieben und damit Arbeits- wie Ausbildungsplätzen sei nicht die Überregulierung durch die Handwerksordnung gewesen. Vielmehr hätten "gravierende wirtschaftspolitische Defizite eine allgemeine Wachstumsschwäche" ausgelöst. "Hier hätte die Politik mit Reformen ansetzen müssen", sagt Böcker.

Also zurück zum Zwang für alle? "Eine Regulierung macht nur dann Sinn, wenn sie gravierende Vorteile bringt", sagt Bernhard Lageman: Die Handwerksordnung tue dies nicht. Auch Mittelstandsexperte Klaus-Heiner Röhl vom Institut der deutschen Wirtschaft hält nichts von der Rückkehr zur alten Ordnung. "Ohne Liberalisierung hätte die Beschäftigung höchstwahrscheinlich weiter abgenommen."

Nur Meister dürfen ausbilden

Die Bundesregierung jedoch drückt sich um eine klare Position in Sachen Meisterfrage herum - mit dem Verweis darauf, dass die Auswirkungen der Handwerksnovelle auf den Arbeitsmarkt nicht ausreichend erforscht sind. Es sei "für eine abschließende Evaluierung noch zu früh", sagt eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. Eine erneute Änderung der Handwerksordnung stünde deshalb nicht zur Debatte: "weder in die eine noch die andere Richtung".

Ganz frei sind die Handwerks-Unternehmer ohne Meisterbrief freilich noch nicht. So darf Marion Beuter keine Lehrlinge ausbilden. Sie nimmt es gelassen - für ihren Ein-Personen-Betrieb lohne sich ein Auszubildender eh nicht, sagt die Unternehmerin. Dass allein ein Zeugnis ein Garant für Qualität ist, glaubt sie schon lange nicht mehr: "Bei mancher Arbeit von Meistern, die ich gesehen habe, musste ich mich fragen, wie sie die Prüfung wohl geschafft haben."

Von Ingmar Höhmann
 
 
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