30. Oktober 2008, 10:16 Uhr

Down Days in Bochum

Die Finanzkrise hat die Automobilbranche kalt erwischt. Bei Opel in Bochum stehen zwei Wochen lang die Bänder still. Was danach wird, weiß noch keiner so genau. Dirk Grützner, Michael Schmidt und Thomas Ropel gehören zu den Opelanern, die mit Ruhrpott-Optimismus gegen die Krise ankämpfen. Von Manuela Pfohl

Thomas Ropel, Dirk Grützner und Michael Schmidt (v.l.) sind Opelaner aus Leidenschaft. Sie werden für ihr Werk in Bochum und die Kollegen kämpfen©

Eigentlich hätte Dirk Grützner jetzt Schicht. Nachtschicht bei Opel in Bochum. Doch in der vergangenen und auch in dieser Woche gibt es keine Arbeit für den 41-jährigen Getriebebauer. Opel hat die Autoproduktion im Bochumer Werk eingestellt. 10.000 Autos werden in dieser Zeit nicht vom Band rollen. Wegen der globalen Absatzschwierigkeiten, die die Opel-Mutter General Motors hat. Seit alle Welt nur noch von der Finanzkrise redet, stürzte allein in Europa der Absatz um 11,4 Prozent auf rund zwei Millionen Autos ab. In Bochum müssen deshalb zwei Drittel der rund 6000 Beschäftigten vorübergehend zu Hause bleiben. Down Days nennen die Opelaner das. Zeit, ihre Überstunden der vergangenen Monate abzubummeln.

Ein Teufelskreis

Es ist kurz nach 21 Uhr. Der Parkplatz vor Werk I ist fast leer. Ein seltener Anblick für die Leute vom Wachschutz an der Pforte. "Jungs, dreimal Kaffee und Kuchen", ruft Grützner und grinst. Die Wachleute grinsen zurück: "Schon ausverkauft." Ausverkauft. Grützner schüttelt den Kopf. Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Sinnkrise. An Down Days hilft nur Galgenhumor - und Optimismus. Grützner ist seit 1983 bei Opel. Sein Leben. Das gibt er nicht so einfach auf. Er nicht und auch nicht die anderen Gewerkschafter, mit denen er an diesem nasskalten Abend an der Pforte zum Werk I steht. Den ganzen Tag lang haben die Kollegen in Bochum beratschlagt, wie es weitergehen soll mit den Jobs, der Zukunft und Opel. Jetzt will Grützner nach Hause. Zu seiner Frau Stefanie und den beiden Töchtern. Ein paar Stunden abschalten. Nichts hören von den 50.000 Arbeitsplätzen, die in der Automobilbranche auf dem Spiel stehen. Nicht darüber nachdenken, was es heißt, wenn die Krise noch schlimmer wird. Den Fernseher auslassen. Oder zumindest die Nachrichten.

Michael Schmidt kann nicht abschalten. Er sitzt auf seinem Stuhl, raucht eine Zigarette nach der anderen und versucht zu sortieren, was gerade abgeht in Bochum und der Welt. "Opel. Als ob es nur um Opel ginge und unsere Probleme. Wenn wir hier keine Autos bauen, dann haben auch unsere Zulieferer nichts mehr zu tun, dann verdienen die nichts, können nichts kaufen und damit sind die nächsten dran. Ein Teufelskreis." Der 39-Jährige ist Lackierer bei Opel. Er ist verheiratet und hat eine Eigentumswohnung, die noch nicht abbezahlt ist. Es konnte ja keiner ahnen, dass es mal so dicke kommt. Als Schmidt 1989 im Bochumer Werk anfing, gab es noch 25 Prozent über Tarif. "Die Jobs waren begehrt und wir alle waren stolz auf Opel und darauf, dass wir dazu gehörten."

Jetzt ist kein Geld mehr da

Nach der Schicht gingen die Kollegen zusammen in die Kneipe, wo das Bier schon auf Vorrat gezapft war. Ruhrpott-Leben. "Da wurde zusammen malocht und zusammen gefeiert", sagt Schmidt. "Jetzt gehen die Leute nach der Arbeit nach Hause." Jeder hält das Geld zusammen, das er hat. Man weiß ja nie. Bis zur ersten Opel-Krise hat auch Schmidts Frau Nurdan bei Opel gearbeitet. Damals ging es den beiden gut. 2004 war es vorbei. Nurdan gehörte zu den 3000 Beschäftigten, die damals gehen mussten, als das Unternehmen drohte, das Werk zu schließen. Jetzt ist Michael Schmidt der Alleinverdiener in der Familie. Rund 2600 Euro brutto monatlich bringt er nach Hause. Das ist der Durchschnitt bei Opel in Bochum. Und es ist nicht genug, um große Sprünge machen zu können. Schmidt hofft, wie die anderen, dass ihm wenigstens das bleibt.

"Vielleicht hätte man eher weiter denken müssen", sagt er. "General Motors hat es verpennt, in den USA Spritspar-Autos herzustellen. Als die Ölpreise immer mehr in die Höhe gingen, hätte man reagieren müssen. Jetzt ist kein Geld mehr da, um in schnelle Entschlüsse zu investieren. Der geplante Start für das neue Astra-Modell ist nach hinten verschoben worden und die Opelaner sollen es ausbaden." Für die IG Metall in Bochum und den Betriebsrat geht es jetzt nur noch um Schadensbegrenzung. Rainer Einenkel, Chef des Betriebsrates kann die Forderungen an die Geschäftsleitung an den Fingern einer Hand aufzählen: Das Drei-Schicht-System muss beibehalten werden. Es darf keinerlei Kündigungen geben, die Tariflöhne müssen stehen und es muss erhalten werden, was im gemeinsamen Zukunftsvertrag festgeschrieben worden war. Im Gegenzug sei man bereit, Arbeitszeiten flexibler zu gestalten und über verschiedene Arbeitszeitmodelle mit dem Management zu reden. Es wird noch viele Verhandlungen geben. Morgen früh um acht Uhr steht schon die nächste an.

"Viele Kollegen werden stinkesauer sein"

Über Nacht sind die Temperaturen in Bochum weiter gefallen. Knapp über dem Gefrierpunkt zeigt das Thermometer an. Frühnebel wabert über das Werksgelände. Auch Thomas Ropel will zur acht Uhr-Sitzung. Der 49-jährige Gewerkschafter weiß schon, was die Kollegen gleich erfahren werden: Um den Beschäftigten im Opel-Werk in Antwerpen zu helfen und einen Arbeitsplatzabbau dort zu verhindern, hat das Europäische Arbeitnehmerforum EEF Steering Komitee in Zürich beschlossen, Bochumer Produktionskapazitäten abzugeben. Das verschärft die Lage in Bochum. "Viele Kollegen werden stinkesauer sein", ahnt Ropel. "Ich kann das gut verstehen, aber es ist nicht zu ändern."

Der Maschinenbediener in der Getriebefertigung ist verheiratet, hat einen Sohn, ein kleines Häuschen und viele Fragen. "Was passiert, wenn die Stunden-Guthaben aufgebraucht sind und es bei Kurzarbeit 30 bis 40 Prozent weniger Lohn für die Leute gibt?" Schon jetzt hat das Management angekündigt, dass auch im kommenden Jahr die Produktion an die Verkaufslage angepasst wird. Weitere Schichtabsagen drohen. "Wie sollen die Kollegen, die am Band arbeiten und noch weniger verdienen, dann auskommen?" Ihm selber, sagt Roper, ginge es ja noch ganz gut. Dass er schon lange keinen Urlaub mehr mit der Familie machen konnte und jetzt öfter zu Aldi einkaufen geht, sei nichts Besonderes mehr. Das gehe den Freunden und Bekannten in Bochum auch so. Nicht nur den Opelanern. Ein schleichender sozialer Abwärtstrend sei das, der schon lange vor der Finanzkrise begonnen habe.

Selbstschutz durch Ignoranz

Angst vor der großen Depression in der Region hat Ropel dennoch nicht. Er vertraut auf die Ruhrpott-Mentalität. "Wir waren bei Opel in Bochum mal 20.000 Leute. Rund 15.000 haben ihre Jobs in den vergangenen Jahren verloren. Dazu kommen all die Nokia-Beschäftigten, die in diesem Jahr rausgeflogen sind. Viele von denen hätten guten Grund gehabt, sich am nächsten Baum aufzuhängen. Aber sie haben es nicht gemacht. Sie haben gesagt, da müssen wir durch." Selbstschutz durch Ignoranz, nennt Ropel das. Er als Gewerkschafter will Optimist sein, für all die, die manchmal doch zweifeln.

Gegen Mittag hat sich der Nebel rund um Bochum gelichtet. Ab und an blitzt sogar ein Sonnenstrahl durch die Wolken. Auf dem Parkplatz vor Werk I stehen ein paar Kollegen, rauchen und besprechen die Lage. Ein Ende der Down Days ist nicht in Sicht. In den Nachrichten lief vorhin eine Reuters-Meldung: Branchenexperten zufolge könnte General Motors im kommenden Jahr das Geld ausgehen. Derzeit verliert der Konzern rund ein Milliarde Dollar pro Monat.

 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
STR_EDDS (31.10.2008, 00:45 Uhr)
@herr_lich
So etwas nenne ich konstruktiv. Meckern und nicht fundiert widerlegen. Was ist denn das für ein Stil? Aber das ist typisch für Polemiker. Wenn die Argumente ausgehen, einfach mal frech werden und versuchen zu beleidigen. Arm.
gsc777 (30.10.2008, 18:32 Uhr)
Mensch Leute..
... das wird doch wieder besser.
Das muss besser werden, sonst ist unser innerer Frieden in Gefahr.
Jetzt gehören Psychologen in die Werke, die den Leuten beistehen.
Und zwar ohne Gewerkschafter und Geschäftsleitung.
Die Bochumer sind doch bekann dafür, dass sie sich nicht unterkriegen lassen. Oder warum gibt es den VfL noch!
Herr_Lich (30.10.2008, 15:23 Uhr)
@STR_EDDS
So viel Text und so wenig Ahnung! Den Aufwand, ihre Kommentare nach ihrer "ausführlichen Berechnung" zum Thema "E-Auto" zu durchforsten, muß man sich wirklich nicht machen.
Sternchen2020 (30.10.2008, 15:21 Uhr)
Niemanden hat es kalt erwischt,
denn die Finanzkrise ist eine von Menschen inszenierte Gier-Attacke auf Kosten anderer. Eine festgefahrene Kaste hat nichts Besseres zu tun, als mit Scheingeschäften alles rauszupressen, was rauszupressen ist. Beteiligt an der Gier waren im großen Umfang auch Staatsbanken, Sozialkassen und viele mehr, unerlaubterweise übrigens. Das strafrechtliche Potenzial ist gigantisch, allerdings wird mit zweierlei Maß gemessen, denn an Kragen geht es niemanden. Mit dem Durchlauf in die Realwirtschaft musste jeder der Beteiligten rechnen, auch die BaFin und ihre Aufsicht, das Bundesfinanzministerium. Nichts gewußt zu haben, ist pure Heuchelei. Wahr ist allerdings, dass nun all jene das gesamte Desaster ausbaden, die nicht beteiligt waren. Und es springen Wirtschaftszweige auf den Zug der großzügigen Subventionslandschaft, die es eigentlich nicht müssten. Das gesamte System ist nicht nur bis in die Wurzel todkrank, sondern es wird uns eines schönen Tages komplett um die Ohren fliegen.
STR_EDDS (30.10.2008, 15:08 Uhr)
Ohweh!
Das Märchen von den E-Auto-Plänen, welche schon seit Jahren in den Schubladen liegen, muss wohl nicht mehr kommentiert werden. Ich hatte schon einmal an anderer Stelle die Problematiken dargestellt, angefangen bei der reinen Ernegielogistik, bis hin zum berechneten Gesamtwirkungsgrad unter betrachtung der heutigen, technischen Möglichkeiten. Aber das Volk wird nicht müde Blödsinn zu behaupten... Leider.
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Dass es Daimler, VW & Co. so schlecht ging, entzieht sich meiner Kenntnis. Opel hatte ein hausgemachtes Imageproblem und dadurch massive Schwierigkeiten beim Absatz. Davon sind andere Hersteller weit entfernt..
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Es wird langsam langweilig, die deutschen Hersteller schlechzureden. Viele vergessen, dass jeder 7. AP in .de Automobilafffin ist. Ausserdem sollte bei einem Automobil und dessen Herstellung immer die gesamte Zulieferkette inkl. Rohstoffgewinnung, bis hin zur Endverwertung betrachtet werden. Der sich daraus ergebende Gesamtenergieaufwand ist im Vergleich zu anderen Herstellern, weltweit, unglaublich niedrig. Allenfalls Toyota kann annähernd mithalten. Wirft man dann noch die in den letzten Jahren erfolgten Entwicklungen hinsichtlich Energieeffiezienz bei Verbrennungsmotoren in die Wagschale, stehen unsere Profukte plötzlich sehr wettbewerbsfähig da.
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E-Autos, egal welcher Abstammung, sind stand heute Technikstudien. Und jeder Maschinenbauer oder Physiker wird auch wissen warum das so ist. In irgendeinem anderen Kommentar hatte ich mal eine ausführliche Rechnung dazu aufgemacht. Bei Bedarf kann ich sie mal wieder suchen.
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@arniston
Nichts wird hier dichtgemacht! Wir leben von Veränderungen. Sie können ein Teil davon sein, oder es aber auch bleiben lassen. Nur dann nicht hinterher kommen und rummäkeln.
si2008x (30.10.2008, 14:31 Uhr)
Natürlich...
Opel die Ersten!! Nach dem Bericht den ich diese Woche im ARD über Leiharbeit bei Opel gesehen habe, wundert es mich nicht. Wie wäre es zuerst mal mit einer drastischen Kürzung für Manager Gehälter? Außerdem könnte man ja WIEDER damit beginnen auch die Zulieferteile selbst zu produzieren, damit schafft man Beschäftigung, und erspart sich das aussortieren der chinesischen Schrottware! Sch.. auf Opel Autos, die ohnehin zum Großteil aus China Schrott bestehen, da kann man sich doch gleich den billigen Japaner oder Koreaner kaufen.
Silbador (30.10.2008, 14:26 Uhr)
Deutschland - Autoland ???
Das waren wir mal, inzwischen sieht es eben anders aus: Autofahren wird immer mehr zum Luxus und das nicht nur, weil die Neuwagenpreise so hoch sind. Es liegt auch daran, daß die Staatsquote und die Lebenshaltungskosten in D zuviel vom verdienten Geld auffressen. Hinzu kommt, daß die so oft in den Medien gebrachten niedrigen Arbeitslosenzahlen Lug und Trug sind. Immer mehr Leute arbeiten, das ist schon richtig - nur können immer mehr von diesen Leuten nicht mehr von ihrem Verdienst existieren, geschweige denn (neue) Autos kaufen. Also werden die Autos immer länger gehalten und eigentlich ist das ja auch gut so, denn das Auto ist kein Wegwerfartikel. Keiner weiß, wie nächstes Jahr besteuert wird, nur eines ist klar, der Staat will ständig mehr. Die Krankenkassen auch, der Wettbewerb wurde hier ja gerade stillschweigend zu Grabe getragen und nun zahlen alle das gleiche und fast alle zahlen mehr. Gut gemacht, Politiker! Mal sehen, wo die nächste Zahlstelle aufgemacht wird. Ein Anreiz von 200-300 Euro Steuerersparnis für einen Neuwagen, das ist nicht mehr lächerlich, das ist schon zynisch!
Gute Nacht, Deutschland!
Herr_Lich (30.10.2008, 14:23 Uhr)
Wieviel Steuer-Milliarden wollen die jetzt?
Die Automobilfirmen nutzen die Finanzkrise, um ihre schweren Managementfehler der letzten Jahre zu kaschieren. Jeder weiß, daß Opel, Mercedes und Co schon vor der Krise schwer angeschlagen waren, weil sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben. Jetzt in der Krise kommen sie plötzlich auf die Idee, Konzepte wie den E-Antrieb wieder aus der Schublade zu holen...Jahrzehnte zu spät.
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Mit den wochenlangen Werksstillegungen betteln sie bei der Politik um Finanzspritzen in Milliardenhöhe. Daß sie damit schon erste Erfolge erziehlen, sieht man an diesen absurden Plänen für eine Steuerbefreiung für Neuwagen, die sich unsere unglaublich simpel gestrickten Politiker ausgedacht haben. Wenn ich so einen Unfug sehe, dann wird mir Angst und Bange, wie leichtfertig die Politik jetzt auch für die Großkonzerne die Steuermilliarden raushauen werden.
arniston (30.10.2008, 13:51 Uhr)
germany ?
mach doch einfach ganz deutschland dicht..
der untergang in 10 jahren...
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