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31. Dezember 2006, 10:16 Uhr

Invasion der Mondgesichter

Sie leben mitten unter uns. Zwei Milliarden sind es schon. Und täglich werden es mehr. Wie Playmobil mit seinen Plastikknilchen die Kinderzimmer erobert. Von Rolf-Herbert Peters

Das Hirn von Playmobil: Im Kopf von Chefentwickler Bernd Hane, 57, entstehen die Spielwelten. Manchmal sind auch Flops dabei - wie das "Raumschiff" oder der "Dschungel"© Enno Kapiza

Manche Besucher stelzen auf Zehenspitzen durch die Halle, um ja keines der unzähligen Kleinteile zu zertreten, die auf 5000 Quadratmetern verstreut liegen. Helles Kreischen zerrt an den Nerven, die Luft brodelt trotz Klimaanlage. 8900 Gäste sind heute in die fränkische Provinz gereist, um einmal richtig zu spielen: ein ganz normaler Tag im Playmobil-Funpark Zirndorf bei Nürnberg.

In der Piratenecke kniet eine junge Mutter am Boden und hält einen daumenlangen Playmobil-Seeräuber fest in der Hand. Mit gestrecktem Krummsäbel geht sie auf ihre Söhne los, als wollte sie Johnny Depp in "Fluch der Karibik" an die Wand spielen. Die Opfer verteidigen ihre Schatzkisten mit roten Wangen und einer braunen Kanone: "Peng, peng!" - vergebens. Überall in der überdachten Belustigungshalle beschäftigen sich Eltern und Kinder mit Spielzeug. In der Ritterburg, auf dem Wikingerschiff, im Märchenschloss, selbst an den ketchup-verschmierten Tischen des Restaurants.

Warum die nasenlosen Plastikknilche so anziehend wirken, kann kein Pädagoge überzeugend erklären. Mehr als Kopf und Hände drehen, die Arme einzeln und die Beine gemeinsam bewegen ist nicht drin. Der wahre Wert von Playmobil, so viel ist sicher, entsteht in der Fantasie der Kinder. Wohl deshalb konnte der Hersteller, die Geobra Brandstätter GmbH, binnen 32 Jahren über zwei Milliarden Figuren in alle Welt verkaufen. Somit leben auf der Erde anderthalbmal so viel Playmobil-Geschöpfe wie Chinesen.

Die Franken sind Meister im Vermarkten. Ihr Systemspielzeug lässt sich spielend erweitern. Aus Elternsicht formuliert: Es ist Quengelware. "Das will ich haben, und das, und das auch", diktieren Kinder bei Durchsicht des Playmobil-Katalogs in den Wunschzettel: die "Große Königsritterburg" (158 Euro) zum Beispiel, das "Neue Puppenhaus" (115 Euro) oder die Eisenbahn "RCE mit Licht" (143 Euro). Wer's einmal hat, braucht stets Ersatz, denn die winzigen Schwerter, Pferdesättel oder Königskronen schluckt garantiert der Staubsauger.

Für Tantenbesuche und den kleinen Plastikhunger zwischendurch schnürt Geobra immer neue Päckchen, die weniger als 15 Euro kosten, Preisschmerzgrenze für Kindergeburtstage. Schenkwillige greifen blind zu: "Mit Playmobil kannst du pädagogisch nichts falsch machen", lautet die zu Allgemeingut mutierte Werbebotschaft.

Der Mann, dem Deutschlands größter Spielwarenhersteller gehört (Marktanteil: 8,5 Prozent), ist 73 und heißt Horst Brandstätter. Er könnte einem Filmschwank der 60er Jahre entsprungen sein, so brummig, wie er hinter seinem Schreibtisch kauert und über den goldenen Brillenrand blinzelt. "Was wollen Sie?" Sennenhund Dino, der ihm ergeben zu Füßen liegt, blickt kurz auf. Dann kuschelt er sein Maul wieder neben die Badeschlappen, die Brandstätter zu Dutzenden besitzt und nur zum Schlafen auszieht.

1876 gründete sein Großvater, der Büchsenmacher Andreas Brandstätter, die Firma und fertigte Beschläge und Schlösser für Schatullen. Sohn Georg folgte ihm 1908, produzierte Spielzeug aus Holz und Metall und taufte das Unternehmen Geobra. Anfang der 50er Jahre übernahm Horst, und somit die dritte Generation, das Ruder. Er entdeckte den Kunststoff. Zunächst setzte er auf Plastikweinregale, -wasserski, -deckenpaneelen, -trettraktoren und -Hula-Hoop-Reifen. 1974, als Kunststoff wegen der Ölkrise teuer wurde, nahm er Figuren namens Playmobil ins Programm. Wenig Material, hoher Verkaufspreis, lautete sein Kalkül. Ursprünglich nannte er die Zwerge Klicky. Die Urgattung bildeten Ritter, Indianer und Bauarbeiter, Bierkästen inklusive.

Horst Brandstätter, 73, rollt mit Playmobil den Spielzeughandel auf. Der kauzige Alte trägt am liebsten Badelatschen und gilt als sehr geizig© Enno Kapiza

Brandstätter erzählt, wie ihm seine Großmutter als Bub einmal "ein Fuffzgerl" geschenkt hat. Da ist er gleich runter nach Zirndorf und hat die Münze für ein Eis ausgegeben. Doch noch während er daran schleckte, überkam ihn die blanke Panik: "Jetzt hast du kein Fuffzgerl mehr!" Mit klebrigem Mund schwor er in den Sommerwind, nie mehr in seinem Leben ein Eis zu kaufen. "25 Jahre habe ich durchgehalten", bilanziert er ohne erkennbare Ironie. So etwas hängt nach: Wenn Hob, wie die Mitarbeiter ihn nennen, auf den Golfplätzen der Welt unterwegs ist, stopft er wie besessen herumliegende Tees, die kleinen Abschlagstiftchen, in die Hosentasche: "Es ist mir ein Rätsel, wie die Menschen so etwas wegwerfen können."

"Penny wise, pound foolish", lautet Hobs ökonomische Grundlehre, genügsam im Kleinen und doch verschwenderisch. Abgewetzte Tees sammeln, aber Millionen in Prestigeobjekte pumpen, selbst wenn sie sich niemals refinanzieren lassen wie das Hob-Center - die überdachte Playmobil-Halle. Sie ist so groß geraten, dass sechs Brandenburger Tore hineinpassen würden. Jede Themenkulisse darin kostet so viel wie ein Einfamilienhaus. Ein Monument seiner Schaffenskraft soll es sein. Manchmal, verrät ein führender Mitarbeiter, würden sie den alten Kauz am liebsten rücklings auf das Playmobil-Kamel schnüren und in die Wüste schicken. Dann aber schaudert er über seine eigenen Fantasien. Keiner der 2700 Mitarbeiter der Familienfirma weiß so richtig, wie es ohne den Patriarchen weitergehen soll.

Offiziell führt seit dem Jahr 2000 Andrea Schauer, 47, die Geschäfte. Brandstätter setzte die Marketingexpertin ein, weil er keinem seiner beiden Söhne die Aufgabe zutraute. Loslassen kann er deshalb noch lange nicht. Wenn er, wie stets seit 14 Jahren, im eigenen Palais auf der piekfeinen Jupiter-Insel vor Florida überwintert, gleich neben Golf-Champion Tiger Woods, faxt er an manchen Tagen bis zu 50 handgeschriebene Seiten mit Anweisungen und Ratschlägen in das Vorstandsbüro nach Zirndorf. "Ist der Frust am Schreibtisch zu groß", sagt Andrea Schauer, selbst Mutter eines 16-jährigen Sohnes, "gehe ich raus in den Park und schaue mir die rotwangigen Kleinen an. Dann geht's mir wieder gut."

Sie kann auf glänzende Erfolge verweisen. Playmobil ist schuldenfrei und wächst seit Jahren, während der gesamte deutsche Spielzeugmarkt schrumpft. Große Namen wie Märklin oder Zapf Creation sind in Existenznöte geraten, Lego war ein Sanierungsfall. Die 250 Produkte von Playmobil, die weltweit im Handel sind, werden im laufenden Jahr rund 380 Millionen Euro Umsatz bringen, fünf Prozent mehr als 2005. Und ein mäßiger Gewinn springt trotz steigender Rohstoffpreise auch noch heraus. Kein Wunder, dass immer wieder Heuschrecken an der Tür in Zirndorf zirpen, um den saftigen Bissen zu schlucken. Vergebens - bislang jedenfalls.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 51/2006

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