Die Anzeichen für eine Erholung der deutschen Wirtschaft mehren sich. Einen Anteil daran haben russische Investoren, die hunderte deutsche Betriebe übernommen haben. Und sie sind noch nicht am Ziel. Von Rolf-Herbert Peters

Machten aus einer Pleitefirma einen Erfolg: Gerd Hoven, Viktor Lutovinov und Sergey Shestakov (v.l.n.r.)© Arne Weychardt
"No Polonium drin", radebrecht Gerd Hoven, Betriebsleiter der Eisfabrik Alter West AG. Dann schiebt er seinem Chef aus Moskau grinsend die neueste Vanillekreation unter die Nase. Victor Lutovinov, kugelrund wie Väterchen Frost, mag Gefrorenes, aber keine eisigen Witze über das Gift, das den ehemaligen KGB-Spion Alexander Litwinenko tötete. Denn nicht nur Agenten, auch Unternehmer wie er werden in Russland immer wieder Opfer von Mordanschlägen.
Lutovinov, 56, Physikprofessor und Eis-Fürst, hat die Molkerei im hessischen Ortenberg gekauft. Frostdog hieß sie früher. Sie war pleite, der Insolvenzverwalter hatte die Maschinen zum Verkauf ins Internet gestellt. Lutovinov nahm gleich die ganze Firma, steckte fast fünf Millionen Euro hinein, beteiligte seine Tochter Maria und seinen Universitätskollegen Sergej Shestakov. Heute sind die Auftragsbücher wieder voll. Die Mitarbeiter werden nächstes Jahr bis zu 8000 Tonnen Ware für Handelsketten und Gastronomiegroßhändler produzieren. So baut Lutovinov, der Anfang der 90er Jahre mit Immobiliengeschäften reich wurde, sein Imperium Stück für Stück aus: Alter West (Umsatz rund 34 Millionen Euro) ist nach eigenen Angaben der viertgrößte Eishersteller im Putin-Reich.
2006: Die Russen haben Deutschland wiederentdeckt. Landauf, landab pumpen Unternehmer und Investoren ein Vermögen in deutsche Betriebe oder gründen Niederlassungen ihrer Unternehmen. Ihr Ziel: den Markt erschließen, Know-how absaugen. "Mindestens 1000 hiesige Firmen sind mittlerweile in der Hand von Russen", schätzt Sergey Nikitin, der in Berlin die deutsche Dependance der russischen Handels- und Industriekammer leitet. Etwa 1,4 Milliarden Euro, taxiert der BDI, haben sie in diesem Jahr direkt investiert.
"Deutschland eignet sich gut für eine Expansion, schon weil die politische Lage so stabil ist", sagt Alter West-Eigner Lutovinov. Kaum ein russischer Manager traut dem eigenen Staat: Was passiert 2008, wenn Putins Amtszeit regulär endet? Wie zuverlässig sind die Banken? "Die meisten Unternehmer halten ihr Kapital nur für sicher, wenn es im Ausland liegt", sagt Dimitri Pilschikov, ein Augsburger Anwalt, der Landsleute beim Start in Deutschland begleitet.
Die größten Schlagzeilen machten 2006 nicht Mittelständler wie Eismann Lutovinov, sondern Oligarchen: Männer, die in der chaotischen Zeit nach dem Ende der UdSSR zu Geld und Einfluss gekommen sind. Wladimir Jewtuschenkow etwa, der fünf Milliarden Euro-schwere Boss des Mischkonzerns Sistema. Er will ein dickes Aktienpaket der Deutschen Telekom erstehen und hat ausgerechnet Ex-Telekom-Chef Ron Sommer als Berater eingespannt. Oder Alexeji Miller, Chef des staatlichen Gasmonopolisten Gazprom. Er möchte Eon kaufen und hat für 125 Millionen Euro Sponsorengeld den Schalker Kickern das Gazprom-Logo aufgedrückt. Für Gazprom wacht Altbundeskanzler und Putin-Spezie Gerhard Schröder als Aufsichtsrat beim russisch-deutschen Konsortium Nordeuropäische Gaspipeline NEGP (Jahressalär: 250.000 Euro).
Kaum ein deutscher Dax-Boss, der noch keine Begegnung hatte mit den hungrigen Bären aus Russland. Sie sind schwerer zu bändigen als angelsächsische Heuschrecken, berichten Wirtschaftslenker. "Die kommen nicht mehr als Bittsteller", beschreibt ein Eon-Manager einen nächtlichen Verhandlungsmarathon, "die stellen nur noch Forderungen."
"Go West" - der Marschbefehl des Ost-Geldadels resultiert aus schierem Überfluss: 34 Euro-Milliardäre gibt es in Russland, zudem rund 90000 Millionäre. Unter ihnen finden sich gewiefte Entrepreneurs, aber auch Glücksritter und Schwarzgeldwäscher. Das Vermögen haben sie oft in eigenen Firmen der Öl-, Gas- oder Schwerindustriebranche angehäuft - Russland ist reich an Bodenschätzen. Die explodierenden Weltmarktpreise für Rohstoffe ließen die Gewinne sprießen. Allein die Milliardäre besitzen zusammen über 130 Milliarden Euro - fast doppelt so viel wie der Weltkonzern Siemens im ganzen Jahr umsetzt.
Cunnerdorf, ein Nest 45 Kilometer nordöstlich von Dresden. Ein blitzblankes schwarzes Mercedes-Coupé CLS 350 rollt vor die Verwaltungsbaracke des Tanklagerbetreibers Tabeg. Andrej Baluchtin, 29, früher Deutschlehrer und heute Deutschlandchef der Firma Complex-Oil, steigt aus. Mit unschuldigem Ministrantengesicht berichtet er über die Expansionspläne seines Arbeitgebers. Complex-Oil hat die Tabeg mit ihren sechs ostdeutschen Standorten kassiert. 115.000 Kubikmeter Benzin, Diesel und Heizöl sind allein in Cunnerdorf deponiert.
Wie viele russische Großinvestoren giert Complex-Oil nach Energie in jedwedem Aggregatzustand. Die Öl- und Gasbarone wollen international handeln, zumal der Energiesektor im Land vom Putin-Regime streng kontrolliert und reglementiert wird. Beobachter vermelden Goldgräberstimmung. "Die möchten alle gerne Global Player werden", sagt Franz Josef Marx, der in Moskau für die Boston Consulting Group Industriekunden berät.