. .
News am 21.11.2009
RSS Mobil Wetter stern.de Blogs Hefte
4. April 2008, 16:24 Uhr
Schriftgröße: A A A

"Ein Lidl-Boykott kann helfen"

Nicht nur Lidl hat nach Informationen von stern.de seine Mitarbeiter überwachen lassen - auch in anderen Supermarktketten wurden Beschäftigte bespitzelt. Im stern.de-Interview erklärt Verbraucherschützer Gerd Billen, wie Kunden auf Überwachungs-Methoden reagieren sollten.

Bei der Discounterkette Lidl hat die Überwachung der Mitarbeiter das wohl größte Ausmaß gehabt© Carsten Koall/Getty Images

Herr Billen, wie schätzen Sie den Überwachungsskandal bei Lidl und anderen Supermarktketten aus Sicht des Verbraucherzentrale Bundesverbands ein?

Die Methoden, mit denen Lidl und - wenn die Vorwürfe stimmen sollten - womöglich auch andere Supermärkte gegen die eigenen Mitarbeiter vorgehen, erschüttern mich. Die versteckte Überwachung von Mitarbeitern und Kunden verstößt nicht nur gegen Datenschutzrecht, sondern gegen Grundrechte der Betroffenen. Anstatt die eigenen Mitarbeiter zu bespitzeln, sollten Supermarktketten die Kameras besser auf Vorgänge in der Lieferkette richten. Die Kunden wollen wissen, welche Arbeitsbedingungen bei den Zulieferern herrschen und unter welchen ökologischen und sozialen Bedingungen ein Produkt hergestellt wurde und vertrieben wird.

Auch bei Edeka und Plus wurden Mitarbeiter möglicherweise überwacht. Was können Kunden tun, um solche Methoden zu verhindern?

Inwieweit auch andere Discounter Mitarbeiter überwacht haben und die neuen Vorwürfe auch gegen Edeka und Plus zutreffen, kann ich nicht beurteilen. Leider können Kunden sehr wenig tun, um solche Machenschaften zu verhindern. Denn wenn noch nicht einmal die Mitarbeiter von der Überwachung wissen, wie sollen es erst die Kunden? Erst wenn der Skandal durch die Medien geht, können Verbraucher ihren Unmut äußern. Ein fairer und offener Umgang mit Angestellten und Kunden gehört im 21. Jahrhundert ins Grundgesetz jedes Handelsunternehmens.

Was halten Sie von einem Boykott? Wie sollen sich Kunden verhalten?

Lidl und andere Unternehmen reagieren auf öffentlichen Druck. Nachdem Greenpeace in einer Untersuchung zur Pestizidbelastungen bei Obst und Gemüse aufgezeigt hat, dass die Grenzwerte etwa bei Lidl stark überschritten wurden, haben sich Tausende von Kunden bei Lidl beschwert. Dies hat dazu geführt, dass Lidl sich selbst dazu verpflichtet hat, die gesetzlichen Grenzwerte zukünftig nur bis zu 30 Prozent auszuschöpfen. Dieses ist ein Beispiel dafür, wie Boykott und Protest selbst bei großen Supermarktketten für eine Verhaltensänderung sorgen können. Wünschenswert wäre es jedoch, wenn sie nicht erst auf Druck reagierten, sondern sich wie verantwortungsvolle Lebensmittelhändler verhielten. Hierzu zählt die Wahrung von Arbeitnehmerrechten, Transparenz über die eigene Unternehmensstruktur und Verbraucherinformationen. Das Image von Lidl hat enorm gelitten. Das Unternehmen muss jetzt einen Plan präsentieren, wie für Transparenz und Wahrung der Mitarbeiter- und Kundenrechte gesorgt wird. Die Umsetzung entsprechender Maßnahmen muss dann auch überprüft werden. Solange das nicht geschieht, werden viele Kunden mit gebremster Lust bei betroffenen Supermärkten einkaufen.

Sind die Kunden mit Schuld an solchen Methoden und den oft schlechten Arbeitsbedingungen bei Discountern, weil sie nur auf den Preis achten?

Deutsche Verbraucher achten gerade bei Lebensmitteln sehr stark auf den Preis - viel stärker als viele ihrer europäischen Nachbarn. Dieses Preisbewusstsein kann jedoch nicht dafür verantwortlich gemacht werden, dass Grundrechte verletzt werden. Es gibt soziale und ökologische Mindestanforderungen, die in Gesetzen festgelegt sind und die von allen Unternehmen eingehalten werden müssen - egal wie stark der Wettbewerbsdruck ist.

Was sagen Sie zu der möglichen Bespitzelung von Lidl-Kunden durch Kameras während diese ihre EC-Geheimnummern an der Kasse eingegeben haben?

Durch die Überwachung des Kassenbereichs ist nicht auszuschließen, dass die Kameras auch die Eingabe von EC-Pinnummern erfasst haben. Nicht nur stellt eine solch verdeckte Überwachung einen Verstoß gegen das Datenschutzgesetz dar, auch wird gegen die Händlerbedingungen der Kreditinstitute für die Verwendung von Kartenbezahlsystemen verstoßen. In vielen Kartenmissbrauchsverfahren wird von den Gerichten immer wieder angenommen, dass die Kartenbezahlsysteme sicher sind und es wird den Verbrauchern unterstellt, dass sie unverantwortlich mit ihrer Geheimnummer umgegangen sind. Dieses Beispiel zeigt jedoch, wie einfach es ist, verdeckt die Geheimnummer auszuspionieren. Die Vermutung, dass das Verschulden auf Seiten der Verbraucher liegt, ist demnach nicht länger haltbar.

Zur Person

Zur Person Gerd Billen ist seit August 2007 Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverband, der Dachorganisation der Verbraucherzentralen in den Bundesländern.

Interview: Malte Arnsperger und Markus Grill
KOMMENTARE (10 von 20)
 
Schnullibu (07.04.2008, 10:02 Uhr)
@ Pamela_1971
Ein Märchen glaube ich kaum du glaubst doch nicht wirklich das ALDI und co mehr leute einstellen wenn der Umsatz stärker wird. Wo sind den die neuen Arbeitsplätze weil dei Ladenöfnungzeiten sich verlängert haben. Nix neue Stellen arbeitszeiten wurden umgestellt und so würde es auch hier laufen.Weil Überstunden zubezahlen ist günstiger als ne neue Stelle zu schaffen.
pennycounter (07.04.2008, 09:17 Uhr)
@mijosch (5.4.2008, 16:06 Uhr)
Wenn Sie ein Unbeteiligter sind,fress ich einen Besen.
Sicher sollte man die schwarzen Schafe kriegen.
Aber Herrn Schwarz einen Visionär zu nennen is ja
wohl mehr als Geschleime. Herr Schwarz ist genau einer der Arbeitgebervertrter die ihren Leuten nichts bezahlen wollen und am liebsten die Sklaverei einführen wollten. Mit diesen Herren die nur auf Ausbeutung aus sind gehört reinen Tisch gemacht.
mijosch (05.04.2008, 16:06 Uhr)
Falsches Sensationsthema
Auch wenn das Massenüberwachen von Mitarbeitern zu verurteilen ist, so frage ich mich doch, warum VERDI oder die Medien der STERN nichts gegen den Werteverlust in unserer Gesellschaft tun - wozu auch die immer stärker sinkende Arbeitsmoral wie Diebstahl und z.T. bewusst zweckentfremdete Arbeitszeit als Gehaltsgegenleistung gehören. Als Unbeteiligter meine ich, wir sollten Visionären wie Herrn Schwarz dankbar sein, dass er mit seinen Discountkonzepten LIDL und Kaufland (basierend auf niedrigsten Kosten) zum größten Arbeitsplatzbeschaffer/Arbeitgeber Deutschlands für Ungelernte/Gering ausgebildete Mitbürger geworden ist, für die in der Globalierung (z.B. in China wird fanatisch gelernt und gearbeitet) sonst sicher keine bezahlbare Arbeit mehr da wäre.
frosti82 (04.04.2008, 22:17 Uhr)
Überwachung....
Es ist faszinierend zu lesen wie viele Menschen sich so genau auskennen (oder das zumindest von sich glauben)... Man liest Lidl zahlt schlecht - nach Tarif wie ich weiß, das ist also schlecht oder wie? Lidl darf seine Läden nicht überwachen mit Kameras (oder PINs aufnehmen) Komisch nur das das bei Lidl auffällt, keinem fällt auf das er an jeder Tankstelle schon beim aussteigen gefilmt wird und bei zahlen an der Kasse von meist gleich zwei Seiten. (ich nenne mal keine Banken etc.) Und Lidl hat bestimmt nichts besseres zu tun als die Konten seiner Kunden leer zu räumen (PINs haben sie ja schon). Damit die Kunden auch ja kein Geld mehr haben, dass sie ja eh bei Lidl ausgeben würden...Achja hat mal jemand überlegt wer die ganzen Aufnahmen überhaupt anguckt unnd auswertet? Nach Auffassung der Meisten, scheint ja überall bei Lidl gefilmt zu werden und dann noch den ganzen Tag lang. Wahnsinn wer das alles angucken muss, wann machen die das Nachts? Faszinierend
Pamela_1971 (04.04.2008, 18:51 Uhr)
@ Schnullibu
Natürlich IST Boykott eine Lösung! Und der führt auch nicht zu mehr Arbeitslosen... das ist ein Märchen. Die Menschen kaufen ja nicht etwa weniger Lebensmittel, weil sie Lidl boykottieren - sondern eben einfach nur nicht mehr bei Lidl! Die Lebensmittel werden dann eben bei anderen Lebensmittelmärkten gekauft, wodurch wiederum dort *neue Arbeitsplätze* entstehen.
Schnullibu (04.04.2008, 17:40 Uhr)
Boykott und was kommt dann
ein Boykott hätte nur eins was er erreichen würde eine ganze Menge Arbeitslose denn was passiert wenn der Umsatz zurück geht das Personal wird gekürzt.Boykott ist keine Lösung.
hevosenkuva (04.04.2008, 15:37 Uhr)
sehr richtig.
@auwei: Jeder bekommt das, was er verdient. Leider gilt das in dieser Größenordnung nicht für den einzelnen, sondern für die Breite Masse.
Und da muss man einfach davon ausgehen, dass ein Fischwarm intelligenter ist als ein Haufen Menschen.
auwei (04.04.2008, 14:58 Uhr)
Sie sind nichts, wir sind alles
Was ist ein Anbieter ohne Kunden? Ein Nichts. Dasselbe gilt für Politiker, Popstars, Bildzeitung usw. WIR sind es, WIR gehen beim Lidl einkaufen, WIR wählen immer die gleichen Wasserprediger und Weinsäufer, WIR gucken Küblböck & Bohlen, WIR lesen schwachsinnige Schlagzeilen für Hirnamputierte. Warum also beschweren WIR uns? Machen WIR es besser, dann hat DSDS genauso wenig Chancen, mit seinem Schwachsinn durchzuommen wie Schwarz, Schlecker & Co. mit ihren Gutsherrenmethoden.
hevosenkuva (04.04.2008, 13:57 Uhr)
Ich würde ja gern boykottieren...
aber ich kauf schon seit Jahren nicht mehr da ein. Seufz.
@Dumpfinger
Überwachung darf nicht verboten sein!
Schnüffeln ist super!
Denunzieren ist Bürgerpflicht!
Legalize Folter!
Töten muss erlaubt werden!
Krieg für alle!
Hurra!
Pamela_1971 (04.04.2008, 13:16 Uhr)
@ Bumpinger
Genau! Fangen wir am besten bei Ihnen an :-) Montieren wir doch einfach ein paar versteckte Kameras und Mikrofone in Ihrer Wohnung, und verwanzen Ihr Telefon. "Das darf nicht verboten sein!" - Und wenn es Ihnen nicht gefällt, dann können sie ja ausziehen, und auswandern. Basta :-)
MEHR ZUM ARTIKEL
Überwachungsskandal Gesetz soll gegen Spitzel schützen

Erst Lidl, nun auch Edeka und Plus: Immer mehr Unternehmen müssen einräumen, dass sie ihre Mitarbeiter systematisch überwacht haben. Jetzt fordern Gewerkschaften und Datenschützer den Gesetzgeber auf zu handeln: Sie wollen ein Anti-Spitzel-Gesetz. mehr...

Überwachungsskandal Schnüffeleien auch bei Plus und Edeka

Ist die Bespitzelung von Mitarbeitern eine gängige Methode im Einzelhandel? Nachdem der stern den Überwachungsskandal bei Lidl aufgedeckt hat, sind nun auch aus Plus- und Edeka-Filialen ähnliche Protokolle aufgetaucht. stern TV liegen die Berichte mit den pikanten Details vor. mehr...

Lidl "Haben Überwachung nie gewollt"

Der Überwachungsskandal hat Lidl stark getroffen, der Discounter kämpft verzweifelt um sein Image. Nun sollen die bespitzelten Mitarbeiter Einsicht in die Protokolle bekommen. Und erstmals äußerte sich die Unternehmensleitung im Gespräch mit stern.de dazu, warum die Überwachung nicht früher unterbunden wurde. mehr...

Adobe Flash Player

 
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Günther Jauch
sternTV - Information und Unterhaltung mit Günther Jauch

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...