Die Läden sind trist, die Klamotten billig. Trotzdem wächst kein Unternehmen in der kränkelnden Bekleidungsbranche so schnell wie der Textildiscounter Kik. Ein Blick unter Deutschlands größten Wühltisch. Von Silke Gronwald

Ramsch-Boulevard: Einkaufen zwischen vollgestopften Kleiderkarussells und Pappkartons© Action Press
"Ich will eine Tüte." Der massige Mann baut sich vor der zierlichen Verkäuferin auf. Unter seinem linken Arm klemmt die neue orangefarbene Jacke. "Nein", antwortet die junge Frau. "Wie? Ich habe doch gerade diese Jacke hier gekauft, dann will ich auch eine Tüte." Während er das sagt, rutscht ihm das Polyester-Ungetüm unter dem Ellenbogen weg und gleitet langsam auf den schmutzigen Boden. "Nur, wenn Sie mir fünf Cent geben." "Aber bei Peek & Cloppenburg oder H & M bekomme ich doch auch eine Tüte umsonst." "Ja, wir sind hier aber nicht bei Peek & Cloppenburg." Wir sind bei Kik. Deutschlands größtem Textildiscounter. Rund 2000 Läden hat das Unternehmen aus dem westfälischen Bönen in den vergangenen zwölf Jahren quer über die Republik verteilt, und fast täglich kommt irgendwo ein neuer hinzu. Anfangs setzte sich Kik an die Stadtränder, jetzt sind die Innenstädte dran. "Bis Ende 2007 wollen wir Filiale Nummer 2500 eröffnet haben", sagt Kik-Geschäftsführer Stefan Heinig. Zum Vergleich: Discounterkönig Lidl hat 2750 Läden. Und während die Textilbranche seit Jahren über Einnahmerückgänge und Umsatzeinbußen klagt, wächst Kik ungebremst. Seit dem Start im Jahr 1994 schoss der Umsatz auf geschätzte 1,2 Milliarden Euro (2006). Damit spielt der textile Billigheimer auf Augenhöhe mit Peek & Cloppenburg.
"Das Konzept ist einfach", sagt Thomas Roeb, Professor für Handelsbetriebslehre an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg, "Kik überträgt das Discounter-Modell der Lebensmittelhändler auf die Textilbranche. Und zwar brutaler und billiger als jeder andere Einzelhändler." Die Geschäfte gleichen sich - ähnlich wie bei Aldi und Lidl - zum Verwechseln. Schnickschnack gibt es nicht. Keine Glasvitrinen, keine Musikberieselung, keine flauschigen Teppiche. Stattdessen trister grauer Nadelfilz, Blechregale und dicht gedrängte Kleiderkarussells. Für die Anprobe stehen den Kunden in den 400 bis 800 Quadratmeter großen Läden nur "Notkabinen" zur Verfügung - Kabuffs ohne Spiegel, behelfsmäßig verschließbar mit einem halbhohen roten Vorhang. Frauen, die den Sitz eines neuen Bikinis begutachten wollen, müssen raus in den Laden und sich vor den Augen der restlichen Kundschaft auf die Suche nach einem der zwei oder drei fahrbaren Kippspiegel machen, die es pro Filiale gibt. Anprobieren ist bei Kik unerwünscht. Was sich wie Geiz am Rande des unternehmerischen Suizids anhört, ist in Wahrheit ein wohlkalkuliertes Manöver.
Im kalten Neonlicht könnte der Kunde feststellen, dass die Hose hintenrum Falten wirft oder der türkisfarbene Pullover doch etwas blass macht. Und damit die Spiegelschau nicht die Einkaufslaune bremst, wird sie auf das absolute Minimum reduziert. Lieber verspricht das Unternehmen den "Umtausch ohne Diskussion" - mit dem Hintergedanken, dass das Stück, wenn es erst mal gekauft ist, eher in der Altkleidersammlung landet als auf dem Umtauschtresen. Zusätzlich soll eine ganze Serie von Billigangeboten zu Impulskäufen verführen. Und tatsächlich tragen viele Kundinnen, die eigentlich nur einen Pulli wollten, noch drei Schlüpfer zum Preis von zweien und vier Paar Ein-Euro-Socken mit nach Hause.
Das Verführen der Schnäppchenjäger ist für die Kik-Manager strategisches Ziel. Die Filialen sind so konstruiert, dass der direkte Weg zur Kasse durch ein langes Regal verbarrikadiert ist. Der Umweg durch den halben Laden führt an einem Sammelsurium unglaublich bunter, billiger Angebote vorbei. Das Parfüm für einen Euro liegt neben der Alufolie für einen Euro und dem Raumspray mit Pfirsichduft für einen Euro. Kik - das ist das Gegenteil von Erlebniseinkauf. Trotzdem, die Berührungsängste breiter Bevölkerungsschichten vor dem Plunderparadies schrumpfen. Kürzlich gestand anlässlich einer Umfrage der Frauenzeitschrift "Brigitte" jede fünfte Frau, ihre Oberbekleidung vor allem bei Textildiscountern wie Kik zu kaufen. Und im Zeitalter des "Geiz ist Geil" decken sich selbst gut verdienende Akademikerpaare bei Kik mit Socken oder Kinderwäsche ein.
Wie aber kann eine Ladenkette existieren, deren T-Shirts weniger kosten als acht Rollen Klopapier (1,99 Euro)? Die Herrenjacken zum Preis von zwei Pfund Kaffee (9,99 Euro) verkauft? Bei der das obere Ende der Preisskala bei 24,99 Euro erreicht ist? Alles nur Schrott, Ramsch und Plunder? Nein. Sicher, die Qualität ist eher 2 b als 1 a. Die Kollektion stammt nicht immer aus der aktuellen Saison, und auch die Farbpalette erscheint manchmal gewöhnungsbedürftig. Doch schiefe Nähte, sackartige Passformen und Pullover, die bei der ersten Wäsche von XL auf S einlaufen, sind die Ausnahme. "Im Textilhandel läuft es mittlerweile genauso wie in der Lebensmittelindustrie", erzählt Norbert Strecker, Geschäftsführer der Düsseldorfer Unternehmensberatung Rölfs MC Partner, "viele Hersteller schlagen ihre Markenprodukte unter anderem Namen billig über Discounter los. Sie kaufen die Ware genauso wie Kik in Asien ein. Zum Teil bei den gleichen Lieferanten und mit absolut identischer Qualität."
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Ausgabe 17/2007