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5. Juni 2006, 12:00 Uhr
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Die verkauften Spiele

21 Konzerne haben sich die Werberechte an der Fußball-WM gesichert. Rabiat wacht der Weltverband Fifa darüber, dass diese Sponsoren unter sich bleiben. "Feindliche" Schriftzüge in Stadien müssen abmontiert werden. Ein Frontbericht. Von Jürgen Steinhoff

An der Gelsenkirchener Veltins-Arena wird ein Sponsorenlogo entfernt: Bis zur WM-Begegnung Polen - Ecuador am 09. Juni 2006 müssen laut Fifa-Reglement sämtliche Sponsorenlogos an der Spielstätte weg sein© Volker Hartmann/DDP

Es gibt eine Sportart, in der elf mehr oder weniger erwachsene Männer gegen elf andere Männer antreten. Gekämpft wird mit einer luftgefüllten Kugel auf einer kurz-geschorenen, rechteckigen Wiese. Sieger sind diejenigen elf, denen es nach 90 Minuten Kampf gelingt, ohne Benutzung ihrer Hände, also ausschließlich mit ihren Füßen oder Köpfen, häufiger als die Gegner die Kugel durch eine Öffnung zu bugsieren, die durch zwei 7,32 Meter voneinander entfernt stehende Pfosten und eine darüber genagelte Querlatte in 2,44 Meter Höhe begrenzt ist.

Eigentlich ein harmloser Satz

Die 32 besten Teams der Welt treffen sich alle vier Jahre, um das allerbeste unter sich zu ermitteln. In diesem Jahr wird das Turnier in einem Land stattfinden, das im Osten an Polen grenzt und im Westen an Frankreich.

Dies alles, verehrte Leserschaft, hätten wir Ihnen ohne Herumeiern auch mit einem einzigen Satz sagen können. Doch dieser eine kurze Satz hätte böse Folgen haben können. Er lautet: Am 9. Juni beginnt in Deutschland die Fußballweltmeisterschaft 2006.

800 Wörter sind geschützt

Dass wir diesen simplen Satz nun risikolos schreiben dürfen, verdanken wir dem deutschen und dem Weltverband der Zeitungsverleger. Grund: Der Weltfußballverband Fifa hat sich vom Deutschen Patentamt in München und zugleich beim Europäischen Patentamt rund 800 Wörter, Wortkombinationen und Abkürzungen wie etwa "WM 2006" oder "Deutschland 06" als Marken schützen lassen. Wer diese - in der Alltagssprache gebräuchlichen - Wörter zu gewerblichen Zwecken verwendet, um seine Produkte (also auch Zeitungen) ohne Fifa-Lizenz im Glanz der WM erstrahlen zu lassen, riskiert damit Ärger.

Die Zeitungen dieser Welt, allen voran die deutschen, berichten Woche für Woche über Fußballspiele, und zwar kostenlos. Die Verleger haben gegen die Wörterverbote der Fifa einen derartigen Terror gemacht, dass Fifa-Präsident Sepp Blatter sich genötigt sah, seine verbotenen Wörter und Logos für die redaktionelle Begleitung freizugeben. Für die Wirtschaft bleiben sie aber weiterhin verboten - außer für die 21 offiziellen WM-Sponsoren, die insgesamt 750 Millionen Euro dafür bezahlt haben, mit ihren Produkten werben zu dürfen. Sie versprechen sich davon ein positives Image und mehr Umsatz.

"Medienrichtlinie"

In unserem schlichten Satz "Am 9. Juni beginnt in Deutschland die Fußballweltmeisterschaft 2006" waren wir "aufgefordert", folgende Satzbestandteile nicht kombiniert zu verwenden: "Deutschland", "Weltmeisterschaft", "2006" und "Fußball". Inzwischen ist aus der "Aufforderung" eine "Bitte" geworden, an die wir uns selbstverständlich nicht halten. Selbst die Fifa bezeichnet diese "Medienrichtlinien" inzwischen als "handwerklichen Fehler", der nie als Maulkorb für Journalisten gedacht gewesen sei.

Wie auch immer: Nach wie vor verboten sind diese Begriffe für den Rest der Wirtschaft. Verboten sind die geschützten 800 Wortmarken für 85 Prozent aller Produkte, die bundesweit verkauft werden - ob Lippenstift oder Wäscheschleudern.

Schlimme Folgen für die Fans

Ein Urteil des Bundesgerichtshofs von Ende April ändert daran nicht viel. Der Begriff "Fußball WM 2006" wurde von den Richtern zwar als "sprachüblich" eingestuft, er könne deshalb von jedermann verwendet werden. Gegen die Fifa hatte die Firma Ferrero geklagt, die ihre "Hanuta"- und "Duplo"-Packungen mit Bildern der deutschen Nationalspieler und dem Aufdruck "WM 2006" anreichern wollte, aber nicht durfte. Doch die Marke "WM 2006", die für ganz Europa gilt, bleibt vorbehaltlich einer neuen Entscheidung des Bundespatentgerichts weiterhin verboten. Generell gilt: Erweckt ein Nicht-Sponsor der Fifa den Eindruck, er sei WM-Sponsor, kriegt er vom Weltfußballverband Schadensersatzklagen wegen Verstoßes gegen das Wettbewerbsrecht an den Hals.

Vor allem in Städten, in denen es keine WM-Spiele gibt, ist gemeinsames Fußballgucken wegen des Wirgefühls der Fans (neudeutsch: Public Viewing) sehr gefragt. Die Kosten für die dafür erforderlichen Großbildschirme und Sicherheitsauflagen sind aber derart hoch, dass für deren Finanzierung Sponsoren hermüssen. Üblicherweise sind das Banken, Stadtwerke oder örtliche Autohäuser. Die würden sich auch gern zur Verfügung stellen, dürfen aber nicht. Stadtwerke nicht, weil der Stromriese EnBW WM-Sponsor ist. Autohäuser nicht, weil der südkoreanische Autokonzern Hyundai WM-Sponsor ist. Banken nicht, weil die Postbank WM-Sponsor ist.

Verantwortlich dafür ist die Fifa: Selbst in Städten, in denen keine Spiele stattfinden, verbietet sie bei Public Viewings jegliche Werbung von Konkurrenten ihrer Sponsoren. Folge dieser Restriktionen: Kleinere Städte wie Darmstadt oder Offenbach ziehen ihre Pläne reihenweise zurück, weil sie nicht finanzierbar sind.

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