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"Wir zahlen alle"

Die Milliarden sind verzockt, der Staat hat übernommen: Ist die Finanzkrise damit beendet? Mitnichten, behauptet der renommierte US-Ökonom Kenneth Rogoff. Im stern-Interview sagt er, wer den Kollaps bezahlen muss, weshalb Amerika bis ins Mark getroffen ist - und wie die Gier der großen und kleinen Zocker kontrolliert werden muss.

Herr Rogoff, die Finanzmärkte scheinen sich gerade wieder zu stabilisieren. Ist das Schlimmste überstanden?

Leider nicht. In den kommenden Monaten werden wir noch mehrere Wellen mit dramatischen Zusammenbrüchen erleben. Es handelt sich schlicht um den Kollaps des Finanzsystems.

Die US Regierung will jetzt einen Rettungsfonds für gefährdete Banken auflegen. Lassen sich Kapitalisten da gerade verstaatlichen?

Es ist das größte finanzielle Rettungsprogramm der Geschichte. Aber auch das wird nicht reichen. Noch vor wenigen Monaten ging man davon aus, dass die Krise 750 Milliarden bis eine Billion Dollar kosten würde. Aber es wird viel teurer werden. Die Rechnung für den Steuerzahler wird gigantisch sein. Und die eigentlichen Folgen des Kollapses tauchen in keiner Bilanz auf: Wir rutschen gerade in eine ernsthafte globale Rezession. In den USA müssen wir uns auf mehrere Jahre mit hoher Inflation einstellen. So zahlen wir alle.

Wer ist schuld an dem Desaster?

Da kommt eine ganz lange Liste zusammen. Ganz oben stehen die Politiker, vor allem in den USA. Sie haben in den vergangenen Jahren ständig Druck auf die Kontrollbehörden ausgeübt, die Aufsichtsbestimmungen zu lockern. Nicht nur die Regierung Bush. Der mehrheitlich demokratische Kongress ist genau so verantwortlich zu machen wie frühere Präsidenten, Bill Clinton inklusive. Natürlich sind auch die Banker schuld. Und viele mehr. Solche Krisen kennen wir sonst eigentlich nur aus Ländern, die sich gerade zur Marktwirtschaft entwickeln. Eine Katastrophe dieses Ausmaßes verantwortet niemand allein.

Gerade die mit Millionen bezahlten Banker wussten doch, was sie taten.

Das sollte man annehmen. Viele von uns haben ja seit Jahren gewarnt. In Wahrheit standen schon lange alle Zeichen auf Sturm. Die ständig steigenden Immobilienpreise, die wachsende Verschuldung. Aber alles lief prächtig. Immer nur nach oben. Die USA seien anders als andere Länder, hieß es. Es werde schon nichts passieren.

War die Gier der Banker zu groß?

Ich glaube, dass viele Banker selbst nicht verstanden, welch wahnwitzige Risiken sie in ihren Bilanzen anhäuften und mit welchen Papieren ihre Manager handelten.

Die bestbezahlten Manager waren ahnungslos, die explodierenden Bankengewinne ein Zufall?

Es war vollkommen wahnsinnig, einige der Praktiken überhaupt zu erlauben. Das betrifft vor allem die Kreditausfallversicherungen, also die Papiere, mit denen man letztlich darauf wettet, welches Unternehmen zuerst pleite geht. Ein vollkommen undurchsichtiges Geschäft, schiere Spekulation, jeder echten Kontrolle entzogen. Und dieser Markt ist allein in diesem Jahr regelrecht explodiert - von 40 auf 62 Billionen Dollar. Ein Anstieg von 50 Prozent! Hier müssen strenge Regeln her. Egal, ob die Händler jetzt jammern oder nicht.

Und das sollen die Vorstände in den Banken nicht gewusst haben?

Sie waren doch die Herren der Welt, ach, mehr noch, sie waren die Herren des Universums. Sie dachten, sie hätten neue Märkte erschlossen, neue Instrumente der globalen Wirtschaft, von denen letztlich die ganze Menschheit profitieren würde. Sie selbst natürlich auch. Vor zwei Jahren noch stammte ein Drittel aller Firmengewinne in den USA aus dem Finanzsektor. Und die Gewinne sind vollkommen absurd. Die bestbezahlten Bankmanager in den USA verdienen 100 Euro in der Sekunde.

Also doch nur eine Frage der Gier ?

Menschen sind nun mal gierig. So gesehen sind etwa die Hausbesitzer gierig, die im Boom der vergangenen Jahre dachten, ihre Hauser würden Wert weiter steigen, und die ihre Käufe mit immer mehr Krediten finanzierten. Wir müssen endlich Mechanismen installieren, diese Gier zu kontrollieren.

Soll der Staat und damit der Steuerzahler die Opfer der Krise überhaupt freikaufen?

Wir haben keine andere Wahl. Wir müssen nur sicher stellen, dass die Banken ihren Teil zahlen. Und das ist vielleicht sogar das Gute der vergangenen Tage - wenn man dieser Krise überhaupt etwas Gutes abgewinnen wollte: Finanzminister Henry Paulson ...

... einst selbst Chef der Investmentbank Goldman Sachs an der Wall Street...

.. der Mann hat hart verhandelt. Und genau das hat die Banker ja so verrückt gemacht. Sie dachten doch, der Staat werde in jedem Fall helfen, wenn es ihnen nur schlecht genug geht. Aber dann hieß es erst einmal: "No!" Vielleicht führen diese Pleiten auch dazu, dass sich die Branche diszipliniert.

Trotzdem wurden private Unternehmen mit staatlicher Unterstützungen gerettet.

Ja. Und es wird dabei nicht nur um Wall Street gehen. Schon jetzt will die notleidende US-Autoindustrie Geld. Auch die hoch verschuldeten Städte werden ihre Hand ausstrecken.

Entdeckt man im Mutterland des Kapitalismus die soziale Marktwirtschaft?

Sie in Europa haben weniger Probleme mit staatlichen Eingriffen, selbst mit Verstaatlichungen. Für die USA bedeutet dieser Kollaps ein Scheitern ihrer gesamten Philosophie. Es ist sehr schwer, sich dies einzugestehen. Aber es wird Jahre dauern, vielleicht ein Jahrzehnt, die Misere zu überwinden.

Interview: Katja Gloger
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