Standard & Poor's stuft Europa herab

13. Januar 2012, 18:05 Uhr

Die US-Ratingagentur S&P verhagelte vielen europäischen Regierungen das Wochenende: Am Freitagabend entzog sie Frankreich die Topbonität, stufte Italien erneut herab. Deutschland bleibt stabil.

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Nicolas Sarkozy soll im Angesicht der Präsidentenwahl gesagt haben: Wenn Frankreich die Topbonität verliere, "bin ich tot"©

Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) senkt wegen der Schuldenkrise den Daumen: Mehrere Euro-Länder mussten am Freitag eine Herabstufung ihrer Bonitätsnote hinnehmen. Als erstes AAA-Land der Eurozone verlor Frankreich seine höchste Kreditwürdigkeit, wie der französische Finanzminister François Baroin bestätigte. Das sei keine Katastrophe, betonte er. "Es sind nicht die Ratingagenturen, die Frankreichs Politik diktieren."

Neben Frankreich wurde auch Österreich vom dreifachen "A" auf die Stufe "AA+" herabgesetzt. Einen herben Schlag setzte es auch für Italien, das von der US-Ratingagentur um zwei Stufen herabgesetzt wurde. Das Land werde bei der langfristigen Bonität fortan mit der Note "BBB+" statt "A" bewertet, meldete die italienische Nachrichtenagentur Ansa. Damit steht Italien auf einer Stufe mit Irland und außerhalb der Eurozone mit Peru und Russland. S&P hatte Italien erst im vergangene September von A+ auf A herabgestuft.

S&P geht hart ins Gericht mit Europas Regierungen

Auch für Spanien, Portugal und Zypern ging es gleich um zwei Stufen in den Keller. Malta, die Slowakei und Slowenien büßten eine Stufe ein. Als Grund wurde von S&P genannt, dass die bisherigen politischen Maßnahmen unzureichend seien, um die anhaltenden Spannungen in der Eurozone wie etwa schwaches Wachstum zu beseitigen. Die Benoter zeigten sich enttäuscht von den Ergebnissen des Eurogipfels im Dezember. Die Kreditkonditionen verschlechterten sich genauso wie die wirtschaftlichen Aussichten, warnte die Ratingagentur. Europas Politiker seien sich noch immer uneins, wie die Krise zu lösen sei.

Deutschlands Lage ist stabil

Die anderen AAA-Länder Deutschland, die Niederlande und Luxemburg behielten dagegen ihre Top-Bonität. Deutschlands Ausblick ist zudem stabil. Das heißt, dass keine Herabstufung in nächster Zeit zu erwarten ist. S&P hatte am 5. Dezember angekündigt, alle sechs AAA-Länder der Euro-Zone herabzustufen. Einen Tag später drohte die Agentur mit einer Herabstufung des Euro-Rettungsfonds EFSF, dessen Hauptkreditgeber Deutschland und Frankreich sind.

Das Hauptproblem: Frankreich ist eine zentrale Figur in den Rettungsbemühungen für die gesamte Eurozone. Damit bleibt unter den großen Ländern nur noch Deutschland mit einer Topbonität übrig. Immerhin kommt es nach einem Bericht des "Wall Street Journal" nicht knüppeldick: Die Zeitung berichtete unter Berufung auf einen französischen Regierungsmitarbeiter, dass die Kreditwürdigkeit der zweitgrößten Volkswirtschaft der Eurozone lediglich um eine statt möglicher zwei Stufen gesenkt werden solle. Aus der Bestnote "AAA" würde damit ein immer noch sehr gutes "AA+".

Märkte reagieren nervös, Schäuble gelassen

Nach Bekanntwerden der bevorstehenden Herabstufung Frankreichs sackte der Euro auf ein neues Tief: Der Kurs fiel gegenüber dem US-Dollar am späten Freitagnachmittag auf 1,2638 und damit auf den tiefsten Stand seit mehr als 16 Monaten. Auch gegenüber dem japanischen Yen gab der Euro nach. Am Donnerstagabend war der Euro noch 1,2816 US-Dollar wert.

Die Rating-Spekulationen lösten an den europäischen Börsen einen Kursrutsch aus. Der deutsche Leitindex Dax fiel um 1,2 Prozent auf 6102 Punkte. Die Herabstufung Frankreichs, der zweitgrößten Volkswirtschaft der Eurozone, hätte gravierende Auswirkungen auf die Rettungsbemühungen in der Schuldenkrise. Auch Spanien, Italien, Belgien und Portugal sollen abgestraft werden, hieß es am Markt. Eine schlechtere Kreditwürdigkeit bedeutet, dass die Staaten schwerer an frisches Geld herankommen oder höhere Zinsen zahlen müssen.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) reagierte gelassen auf die mögliche Herabstufung: "Wir haben uns ja in den letzten Monaten zunehmend weltweit darauf verständigt, wir sollten die Rating-Agenturen auch nicht überschätzen in ihren Beurteilungen", sagte er dem Fernsehsender RTL am Rande einer Wahlkampfveranstaltung im schleswig-holsteinischen Henstedt-Ulzburg. Dass es eine große Verunsicherung bei den Finanzmärkten gegenüber der Euro-Zone insgesamt gebe, sei ja nicht neu.

Rückschlag für Sarkozy-Wahlkampf

Die französische Budgetministerin Valérie Pécresse bemühte sich um Beruhigung. "Frankreich ist ein sicherer Wert, es kann seine Schulden zurückzahlen und das Defizit hat sich zuletzt besser entwickelt als erwartet", sagte sie dem Fernsehsender BFMTV. Von Präsident Nicolas Sarkozy gab es zunächst keine Stellungnahme.

Frankreichs Finanzminister François Baroin sprach am Nachmittag im Präsidentenpalast mit dem Präsidenten. Laut Presseberichten sah Sarkozy einen Verlust der Bestnote bereits im Vorfeld als schweren Schlag vor der Präsidentenwahl im April. Wenn es passiere, "bin ich tot", wurde Sarkozy zitiert.

Die Ratingagentur Fitch, die mehrheitlich in französischer Hand ist, hatte noch am Dienstag angekündigt, Frankreich werde 2012 sein AAA-Rating behalten. Wenn es in der Euro-Krise keine dramatische Entwicklung gebe, werde Fitch Frankreich erst 2013 neu bewerten, sagte eine Sprecherin.

Zunehmender EU-Ärger über Ratingriesen

Standard & Poor's und ihre Konkurrenten Moody's und Fitch stehen zunehmend in der Kritik. So regte die EU-Kommission an, das "Kartell" der drei großen Agenturen zu zerschlagen, die für mehr als 90 Prozent der internationalen Rating-Marktes stehen. Kritisiert wird nicht nur, dass die Agenturen nicht transparent arbeiten würden. Auch ihre US-lastige Finanz- und Eigentümerstruktur ruft Argwohn in Europa hervor.

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