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Warum Deutschland nicht die neue USA ist

Deutschland lockt so viele Zuwanderer wie lange nicht. Ökonomen begrüßen den Zustrom, sind aber skeptisch, ob der Boom anhält. Denn an seinem Image kann Deutschland noch feilen.

Von Daniel Bakir

  Bei der Willkommenskultur gibt es in Deutschland noch Luft nach oben. Immerhin: Man bemüht sich mit Imagekampagnen.

Bei der Willkommenskultur gibt es in Deutschland noch Luft nach oben. Immerhin: Man bemüht sich mit Imagekampagnen.

  • Daniel Bakir

Ob spanische Ingenieure nach Schwaben oder griechische Ärzte in die deutsche Provinz: Es gab viele Erfolgsgeschichten südeuropäischer Krisenflüchtlinge im vergangenen Jahr. Nun ist die offizielle Statistik zum Zuwanderungsmärchen da: Unter dem Strich zogen 2012 so viele Menschen wie seit 1995 nicht in die Bundesrepublik. Aus Spanien etwa kamen 45 Prozent mehr als im Jahr zuvor, aus Griechenland und Portugal jeweils 43 Prozent, aus Italien 40 Prozent. Dazu kommt die ohnehin starke Zuwanderung aus Osteuropa. Wie weit trägt der Zuwanderungsboom? Sind wir gar die neue USA, ein Land mit ungeheurer Anziehungskraft für Immigranten über Jahrzehnte hinweg?

Experten sind skeptisch. Wirtschaftsforscher begrüßen zwar den steigenden Zustrom an Arbeitskräften als positiv für die deutsche Volkswirtschaft. Er ist ihnen aber nicht stark genug. „Gemessen an unserer guten ökonomischen Lage kommen viel zu wenig Menschen zu uns. Das ist noch weit weg von dem, was unser Arbeitsmarkt langfristig braucht", sagt Klaus Zimmermann, Direktor des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. Deutschland ist auf Zuzügler angewiesen, um den demografischen Wandel aufzufangen. "Ohne stärkere Zuwanderung fehlen uns in zehn Jahren sechs Millionen Leute", sagt Zimmermann. Auch Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft sieht noch gehörigen Nachholbedarf in Sachen Zuwanderung: "Wir sehen aktuell einen Aufholprozess nach zuletzt vielen schwachen Jahren", sagt der Arbeitsmarktexperte.

Mehr als eine Million Menschen wanderten im vergangenen Jahr ein, gleichzeitig gingen aber auch 700.000 weg. Gut möglich, dass sich das Verhältnis wieder umkehrt, sollte es den europäischen Nachbarn in ein paar Jahren wieder besser gehen. "Wenn sich Südeuropa erholt, wird ein Großteil der Menschen wieder zurückgehen", prognostiziert Ökonom Zimmermann. "Wir können nicht davon ausgehen, dass die alle bleiben", sagt auch Kollege Schäfer. Der Grund ist einfach: Deutsche Jobs sind zwar attraktiv, doch Deutschland selbst ist es nicht. IZA-Direktor Zimmermann sagt es offen: "Das Image Deutschlands als Zuwanderungsland ist schlecht." England, Kanada oder die USA stünden in der Gunst von Auswanderern nach wie vor deutlich höher.

  Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen: Von den mehr als eine Million Zuwanderern nach Deutschland kommen die meisten aus Polen, Rumänien, Bulgarien und Ungarn. Dann folgen die Südeuropäer aus Italien, Spanien und Griechenland.

Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen: Von den mehr als eine Million Zuwanderern nach Deutschland kommen die meisten aus Polen, Rumänien, Bulgarien und Ungarn. Dann folgen die Südeuropäer aus Italien, Spanien und Griechenland.

Aber warum ist das so? "Es fehlt nach wie vor am Selbstverständnis als Einwanderungsland", sagt IW-Mann Schäfer. Die gesetzlichen Zuwanderungshürden seien zwar in den letzten Jahren gesenkt worden, etwa durch niedrigere Einkommensgrenzen und die Einführung der Blue Card. "Insgesamt sind die Regeln aber immer noch kompliziert und intransparent", kritisiert Schäfer. Auch Max Steinhardt, Migrationsforscher beim Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut sieht "bei der Willkommenskultur noch Luft nach oben". Vor allem bei den so genannten weichen Faktoren könnten wir uns von den USA und Kanada noch einiges abschauen, sagt Steinhardt: "Neue Bürger muss man stärker an die Hand nehmen, ihnen bei bürokratischen Angelegenheiten helfen, sei es die Schulanmeldung der Kinder, der Einstieg in den Beruf oder die Anerkennung von Abschlüssen." Regionale Institutionen wie das Hamburger Welcome Center seien ein erster Schritt. "Aber flächendeckend, wie in den USA und Kanada, gibt es das noch nicht."

Immerhin, sagt Steinhardt, gebe es mittlerweile einen politischen Konsens, dass Deutschland mehr Zuwanderung braucht. Diesen Weg müsse man nun weitergehen. "Wir müssen jetzt die Chance nutzen, uns stärker als Zuwanderungsland zu positionieren", sagt auch Kollege Zimmermann. Immerhin wirbt die Arbeitsagentur seit zwei Jahren auch offensiv in Ländern wie Spanien um Arbeitskräfte. Die Goethe-Institute haben dort zusätzliche Sprachlehrer eingestellt, einige Unternehmen veranstalten Jobmessen speziell für ausländische Fachkräfte. Zumindest im nächsten Jahr dürfte die Zahl der Zuwanderer noch einmal deutlich steigen. Ganz unabhängig von der Eurokrise erhalten dann nämlich Bulgaren und Rumänen endgültig freien Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt.

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