Gegen die Betriebsräte der IG Metall lief bei Volkswagen nichts. Doch seit der Affäre um Korruption und Lustreisen bröckelt ihre Macht. Die Arbeiter fühlen sich verraten und haben Angst zu reden. Eine ganze Stadt geht in Deckung.

Am Anfang war das Werk: Noch bevor es die Stadt Wolfsburg gab, begann 1938 die Autoproduktion am Mittellandkanal. Heute arbeiten hier 50.000 Menschen© Marcus Vogel
Um die Mittagszeit erhält W. einen anonymen Anruf. "Du bist gesehen worden, wie du dich im Hotel mit zwei stern-Reportern getroffen hast", raunt der Anrufer. "Sei vorsichtig! Du wirst beobachtet." W. ist Betriebsrat. Normalerweise lässt er sich nicht so leicht einschüchtern. Doch jetzt bittet W., seinen Namen nicht zu nennen. "Ich rechne sonst mit Repressalien."
Normal ist in Wolfsburg seit zwei Wochen nichts mehr. Erst trat der mächtige Betriebsratschef Klaus Volkert zurück und gab zu, an einer Tarnfirma beteiligt gewesen zu sein. Danach wurde bekannt, dass ein Mitarbeiter von Peter Hartz, der inzwischen entlassene Klaus-Joachim Gebauer, bei VW offensichtlich auch dazu da gewesen ist, Vergnügungsreisen für Betriebsräte zu organisieren. Schließlich bot am vergangenen Freitag sogar Personalvorstand Peter Hartz seinen Rücktritt an; einen Tag bevor bekannt wurde, dass auch für Hartz die Reisekosten für eine Prostituierte aus der Firmenkasse bezahlt worden sein sollen. Volkswagen selbst, die größte Autofabrik Europas, hat sich nach den Schmuddelgeschichten in eine Festung verwandelt. Die Wolfsburg hat ihre Brücken hochgezogen: 50.000 VW-Mitarbeiter, 67 Betriebsräte, das Management und nahestehende SPD-Politiker - keiner will mehr etwas sagen. Selbst der sich sonst gern im Licht der Öffentlichkeit sonnende CDU-Oberbürgermeister Rolf Schnellecke lehnt ein Interview ab. Nur so viel lässt er mitteilen: "Wolfsburg ist nicht irgendeine Stadt, es gibt eine Schicksalsgemeinschaft mit dem Konzern - in guten wie in schlechten Zeiten." Kein Wunder: Sein Familienunternehmen macht millionenschwere Geschäfte mit Volkswagen. Für viele ist auch Schnellecke Teil des Filzes.
Der Betriebsrat W. arbeitet seit mehr als 30 Jahren bei Volkswagen. Schon damals fand er, dass VW "ein System hatte wie in der Ostzone". Es könne "nicht zu einem guten Ende kommen, wenn die Arbeitgeber und die IG Metall so stark miteinander verflochten sind". W. meint damit, dass die Arbeitnehmervertreter bei VW einen einzigartigen Einfluss haben: Sie halten im Aufsichtsrat nicht nur die Hälfte der Posten, sondern verfügen gemeinsam mit den zwei Vertretern der Landesregierung über die Mehrheit - weil diese bis 2003 als SPD-Mitglieder quasi natürliche Verbündete der Gewerkschaft waren. In den zurückliegenden Jahren gab es keine einzige wichtige Entscheidung gegen den Willen des IG-Metall-Betriebsrats. Doch auch der Vorstand fuhr gut mit dem "System VW": "In den letzten Jahren hat das Management meist uns Betriebsräte in die Werkshalle geschickt, wenn es unangenehme Nachrichten zu verkünden gab", sagt Bernd Osterloh, der neue Betriebsratschef und Nachfolger des zurückgetretenen Volkert.

Mehr als 90 Prozent der VW-Mitarbeiter sind Mitglieder der IG Metall - nicht immer ganz freiwillig© Marcus Vogel
In keinem anderen Konzern hat die IG Metall so viel Macht wie bei VW. Mehr als 90 Prozent der Beschäftigten sind Mitglied der Gewerkschaft. Keine Lohnerhöhung, keine Versetzung aus der Produktion in eine Fachabteilung geht ohne Zustimmung eines der 60 IG-Metall-Betriebsräte über die Bühne. Personalvorstand Peter Hartz war IG-Metall-Mitglied - und bei seinem Nachfolger darf die IG Metall wieder ein gewichtiges Wort mitreden. "Die Kiste läuft doch so", sagt Betriebsrat W. "Bei Lohnerhöhungen oder Versetzungen wird ganz genau geguckt: Ach, der Meier ist nicht Mitglied der IG Metall. Und dann erfindet man halt irgendwelche Dinge, warum man nicht zustimmen kann." Die Sekretärin Britta M., seit 23 Jahren bei VW, erinnert sich, wie sie eingestellt wurde: "Neben dem Arbeitsvertrag lag gleich das Beitrittsformular für die Gewerkschaft, ich dachte, da muss man unterschreiben." Bei manchen Arbeitern im Werk heißt die IG Metall deshalb schon "Rote Armee". Zumal die Beschäftigten bei Betriebsratswahlen gar nicht einzelne Kandidaten wählen können, sondern nur ganze Listen: entweder IG Metall oder die Winzlinge von der Christlichen Gewerkschaft beziehungsweise den Unabhängigen Betriebsräten.
Einer der wenigen, die sich derzeit in Wolfsburg trauen, ihren Namen und ihre Meinung zu sagen, ist Eitel Harnack. Der VW-Arbeiter aus der Stahlräderfertigung schrieb vergangene Woche einen Leserbrief an die Lokalzeitung: "Inzwischen glaube ich immer mehr, dass man uns verkauft. Das zu erreichen geht nur, indem man Betriebsräte kauft, und das fängt schon damit an, dass Betriebsräte Dienstautos zur Verfügung gestellt bekommen." Harnack fragt: "Wie kann man objektiv sein, wenn das Unternehmen Dienstwagen und womöglich andere Dinge zur Verfügung stellt?" Für den VW-Arbeiter und ehemaligen IG-Metall-Vertrauensmann sind die Betriebsräte heute eine ziemlich abgehobene Schicht. "Wie mein Betriebsrat heißt, weiß ich gar nicht. Gesehen hab ich ihn auch noch nicht. Er sitzt aber, glaube ich, in Halle 42." Harnack sagt, viele Kollegen hätten das Gefühl, dass der Betriebsrat mehr auf Seiten des Unternehmens stehe als auf Seiten der Beschäftigten. "Der Hartz, der Schuster und der Volkert, die haben sich doch alle geduzt. Das stört mich. Es muss doch eine Trennung sein zwischen Arbeitnehmerseite und Arbeitgeber."
Es gibt auch einen IG-Metall-Betriebsrat, der bereit ist, sich zu treffen. Er schickt eine SMS und schlägt vor: "10 Uhr, Café Extrem, Breslauer Straße." Als er kommt, bittet auch er darum, nicht mit Namen genannt zu werden. "Meine Person tut nichts zur Sache." Was Klaus Volkert gemacht hat, sei "Verrat". "Das ist Missbrauch der Mitbestimmung." Jetzt fürchtet der IG-Metall-Betriebsrat, dass durch die Korruptionsaffäre die einzigartige Zusammenarbeit bei VW von Betriebsrat und Vorstand für immer zerstört wird. "Das System VW bedeutete für uns: Management und Belegschaft gegen den Rest der Welt."
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Stern
Ausgabe 29/2005