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Sklaven auf vier Rädern

Stundenlöhne von 3 Euro, 14-Stunden-Schichten, alltägliche Schikanen - der Journalist Günter Wallraff hat die katastrophalen Bedingungen der Paketbranche recherchiert.

Von Katharina Miklis

  • Katharina Miklis

Gescheiterte Existenzen, zerbrochene Ehen, Drangsalierungen, Dumpinglöhne und Fahrer, die in ihren Sprintern übernachten oder unter Schmerzmitteln arbeiten: Die Zustände, die Günter Wallraff für seine RTL-Reportage "Günter Wallraff deckt auf!" in der Paketbranche recherchiert hat, sind alarmierend. Nach wochenlanger Geheimhaltung strahlte der Sender am Mittwochabend die verfilmten Erfahrungen Wallraffs aus, die er als verdeckter Fahrer bei dem Paketdienst GLS gemacht hat.

Einen Umsatz von 1,75 Milliarden Euro erzielte der Logistikkonzern GLS im Jahr 2010. Tendenz steigend. Die Paketbranche boomt. Schuhe, Elektrogeräte, Blumen - es gibt kaum etwas, was nicht über das Internet bestellt werden kann. Für den Kunden ist das praktisch - und billig: Heute im Internet geshoppt, steht morgen schon das Paket vor der Tür. Die Lieferung erfolgt in den meisten Fällen kostenlos. Zwei Milliarden Pakete sind mittlerweile jährlich in Deutschland unterwegs. "212.000 Kunden in ganz Europa vertrauen darauf, dass wir Paketdienstleistung in Bestform liefern", heißt es auf der deutschen Homepage von GLS.

Auslagerung der Risiken an Subunternehmer

Die Arbeitsbedingungen der Paketboten betitelt Journalist Günter Wallraff in der RTL-Reportage und einer Geschichte im aktuellen "Zeitmagazin" jedoch als "moderne Sklaverei". Das System des Unternehmens GLS, das laut Wallraff-Recherchen neben Hermes und trans-o-flex die härtesten Arbeitsbedingungen bietet, und in Deutschland zu den vier größten Paketlogistikern gehört, sei besonders zwielichtig: Die Paketboten arbeiten nicht direkt für das Logistikunternehmen, das seinen Hauptsitz in Amsterdam hat. GLS beschäftigt Subunternehmer, mit denen die Firma individuell Paketpreise aushandelt. In der Regel liegt der bei durchschnittlich 1,30 Euro pro Paket. Die Risiken lagere das Unternehmen an die Subunternehmer aus: Weder für verloren gegangene Pakete, noch für Verkehrsunfälle oder Verstöße gegen die Arbeitszeitgesetze sei GLS somit verantwortlich.

Der Subunternehmer dagegen trage die Risiken: Ist ein Fahrer krank oder hat er ein Auto zu Schrott gefahren, zahlt der Subunternehmer drauf. Wallraff hat viele Unternehmer kennengelernt, die so in die Insolvenz gerieten, Schulden von über 100.000 Euro anhäuften. Um zu sparen, soll einem "Untergebenen" von GLS geraten worden sein, Leute aus Polen zu engagieren und diese zu fünft im Auto übernachten zu lassen. Das sei schließlich preisgünstiger.

  Günter Wallraff (vorne) undercover unterwegs als Kurierfahrer bei GLS.

Günter Wallraff (vorne) undercover unterwegs als Kurierfahrer bei GLS.

14-Stunden-Tage ohne Pausen

Die Subunternehmer geben automatisch den Druck an die Fahrer weiter. Die Boten bekommen monatlich etwa 1200 Euro brutto von dem Subunternehmer. Egal, wie lange sie für eine Tour brauchen. In der Regel, so hat es Wallraff am eigenen Leib erfahren, hat ein Fahrer einen 14-Stunden-Tag. Und der beginnt nicht selten um fünf Uhr früh. Ein bis zwei Stunden werden zunächst Pakete sortiert und Sprinter vollgepackt. Die Beladung der Wagen wird von GLS als "vorbereitende Arbeit" deklariert - und nicht vergütet. Eigentlich, so gibt es GLS an seine Subunternehmer weiter, ist nach 4,5 Stunden Fahrtzeit eine Pause von 45 Minuten vorgeschrieben. Doch das Fahrtenbuch der Fahrer sei ein "Märchenbuch", erzählt einer der Boten dem verdeckten Kollegen Wallraff. Selbst die Polizei wisse, dass die Bücher der Fahrer ein Witz seien.

Dass die Paketboten den Verkehr gefährden und nicht selten am Steuer einschlafen, sei nicht ungewöhnlich, so Wallraff Für Verkehrsunfälle seien die Fahrer selbst verantwortlich, ebenso für Tempoüberschreitungen. Als ein Kollege bei einem Unfall starb, erzählt ein Paketbote in der Reportage, legten die Kollegen einen Tag lang die Arbeit nieder. Geändert hat sich dadurch nichts. Es gab nur mehr Arbeit am nächsten Tag.

Willkürliche und nicht nachvollziehbare Strafen

Besonders hinterhältig seien jedoch die von GLS aufgestellten Bußgeldkataloge, mit denen das Unternehmen bei Bedarf seine Mitarbeiter unter Druck setzen kann. Wird ein Paket geworfen, kann das 50 Euro kosten, wird die vorgeschriebene Uniform nicht korrekt getragen, darf GLS 25 Euro Strafe verlangen, 100 Euro bei einem nicht abgeschlossenen Sprinter. Wird eine Empfängerunterschrift gefälscht, sind es 250 Euro. 25 mögliche Verstöße hat GLS aufgelistet. Bestraft werden die Mitarbeiter nach Wallraffs Recherchen jedoch eher willkürlich: Als ein Subunternehmer wegen falscher Versprechen und gekürzten Paketpreisen kündigte, rechnete das Unternehmen ihm eine lange Liste nicht mehr nachzuvollziehender Vertragsstrafen auf. 65.000 Euro sollte der Familienvater nachzahlen - sogar für Verstöße an Tagen, an denen seine Sprinter gar nicht unterwegs waren.

Viele der Fahrer seien Ausländer, die sich für GLS versklaven, weil sie keine anderen Jobs bekommen und nicht auf Hartz IV abrutschen wollen, beschreibt Wallraff. Türken, Russlanddeutsche, aber auch Bewohner aus strukturschwachen Gebieten Deutschlands, die als selbstständige Unternehmer auf ein sicheres Einkommen hoffen. "Wir kriegen hier sowieso nur Pack", soll ein GLS-Manager bei einem verdeckt geführten Bewerbungsgespräch für einen Führungsjob gesagt haben. Ob Fahrer oder Subunternehmer - sie alle sind Opfer des GLS-Systems. "Der ist genauso eine arme Sau wie ich", erfuhr Wallraff von einem Paketboten.

GLS weist Wallraff-Vorwürfe zurück

GLS wies in einer Stellungnahme am Donnerstag die Vorwürfe Günter Wallraffs über eine Ausbeutung von Boten zurückgewiesen. Es handele sich um eine "einseitige und verkürzte Berichterstattung", erklärte das Unternehmen im hessischen Neuenstein. "Die GLS Gruppe akzeptiert keine despektierlichen Äußerungen über Subunternehmen und deren Fahrer in ihrem Unternehmen. Wir legen Wert auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit, die im Rahmen der Gesetze gestaltet wird", hieß es in der Stellungnahme.

Ein Vertreter der Hermes-Gruppe hatte noch in der Sendung sternTV mit Wallraff und einem Verdi-Vertreter über die Vorwürfe diskutiert (s. Video). Auch er bezeichnete Wallraffs Darstellung als übertrieben, räumte aber auch Fehler auf Unternehmensseite ein.

Doch Wallraffs Reportage bei RTL ist nicht der erste Bericht dieser Art über die Kurier-Branche. Schon vor einigen Monaten legte ein NDR-Reporter, der wochenlang als verdeckter Paketzusteller bei DHL gearbeitet hatte, in der Undercover-Reportage "Die Paketsklaven" die unzumutbaren Arbeitsbedingungen auf.

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