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Der Investor mit Rockstar-Status

Die Aktionärsversammlung von Berkshire Hathaway feiert den 77-jährigen Warren Buffett wie einen Rockstar. Buffett selbst hält unterdessen schon wieder nach neuen Investments Ausschau - und blickt dabei auch auf deutsche Familienunternehmen.

Von Michael Gassmann, Omaha

Für ein gutes Happening ist es nie zu früh. Geduldig steht Mike Sybrant um fünf Uhr morgens in der Dunkelheit dieses eisigen Samstagmorgens vor dem Veranstaltungszentrum in Omaha. Der 21-Jährige aus Fort Drum im US-Bundesstaat New York will gleich ganz vorn sitzen, wenn Warren Buffett bei der Aktionärsversammlung von Berkshire Hathaway seinen Investoren Frage um Frage beantwortet. "Ich will der nächste Warren Buffett werden", verkündet der hagere junge Mann.

Das wollen sie alle. Reichster Mann der Erde werden, 62 Milliarden Dollar anhäufen. Oder wenigstens das Rätsel lösen, wie man sein Geld gewinnbringend investiert. In Zeiten von wackelnden Börsen, Kreditkrise und Immobiliencrash scheint der Informationsbedarf besonders hoch zu sein. 31.000 Menschen sind diesmal in Buffetts Heimatstadt Omaha im Mittleren Westen der USA gereist, mehr denn je zuvor. Sein Erfolg hat Buffett zur lebenden Legende gemacht: zum "Orakel von Omaha", wie sie ihn nennen. Wer 1965 auf den Kauf eines Schwarz-Weiß-Fernsehers verzichtete und stattdessen für 1000 Dollar Aktien von Berkshire Hathaway erwarb, ist heute um etwa 65 Millionen Dollar reicher: Seit damals lag die Durchschnittsrendite für die Berkshire-Hathaway-Anleger bei unerreichten 21,1 Prozent per annum.

Das zieht. Als Sicherheitsleute um Punkt 7.00 Uhr die Türen des Qwest Center öffnen, stürzen die ersten Aktionäre in die Halle. "Money" von Pink Floyd dröhnt dazu aus den Lautsprechern. Um 7.02 Uhr sind die ersten 30 Reihen gefüllt, um 7.05 Uhr wimmeln bereits Hunderte Besucher zwischen den Stuhlreihen der Arena, in der sonst Basketballspiele und Konzerte stattfinden. Viele werden es gar nicht hineinschaffen. Denn Omahas größter Veranstaltungssaal fasst nur 18.000 Menschen. Zu wenig, wenn ein Buffett auftritt. "Warren ist ein Rockstar", sagt Steven Stoller, ein Mittvierziger aus Atlanta. Fan oder Aktionär - das ist hier kein Unterschied. "Ich habe selbst einen MBA-Abschluss, aber das hier ist eine sechsstündige Vorlesung beim besten Professor der Welt." Stoller hat eine kleine "Partnerschaft" gegründet, eine Art Privatfonds, erzählt er. So hat auch Warren Buffett 1956 seine Investorenkarriere gestartet.

Buffett beantwortet alle Fragen selbst

Und dann sitzt der Meister plötzlich da. Mitten auf einem riesigen schwarzen Podium, hervorgehoben vom einsamen Lichtkegel eines Spots, im Hintergrund nur zwei Palmen. Die Szene hat etwas Sakrales, das Ritual ist einfach und klar: Jeder Teilhaber darf genau eine Frage stellen, keine bleibt unbeantwortet. Und die Aktionäre wollen alles Mögliche von Buffett wissen. In den kommenden sechs Stunden werden sie ihn auf den Präsidentschaftswahlkampf ansprechen, den Umweltschutz, die Probleme der Indianer, die Integration der deutschen Rückversicherung Cologne Re, die Fastpleite der Investmentbank Bear Stearns, die Zukunft des Kohlebergbaus und die der Olympischen Spiele.

Buffett beantwortet alle Fragen selbst. Keine Notare notieren, keine Assistenten soufflieren, neben ihm nur Charlie Munger, Partner seit Jahrzehnten. Bei vielen Fragen würden zugeflüsterte Informationen aus der Buchführung ohnehin nicht helfen. Ein zwölfjähriges Mädchen fragt: "Man lehrt uns vieles nicht, was wir wissen sollten." Was tun? Buffett empfiehlt: "Tageszeitung lesen." So bekomme man einen Überblick. "Wir schätzen Ihre Weisheit", sagt ein anderer Schüler. "Wir würden gern wissen, was wir mit dem Rest unseres Lebens machen sollen." Buffett weiß Rat: "Finde heraus, was die Leidenschaft deines Lebens ist. Arbeite für eine Organisation, die du bewunderst, oder in einem Geschäft, das du toll findest." Dann schiebt er lächelnd nach: "Das heißt nicht unbedingt, dass du selbstständig werden musst."

Viele Besucher wollen konkrete Investmenttipps

Beim Thema "Nachfolge für Buffett" hört der Spaß aber auf. Es gebe vier Namen, referiert der 77-Jährige den bekannten Stand. "Wenn ich heute Nacht sterbe, kann der Verwaltungsrat morgen über einen Nachfolger entscheiden." An dieser sensiblen Stelle zeigt sich, wie gut das Tandem mit Charlie Munger funktioniert. "Wir haben hier einen jungen Mann namens Warren Buffett", sagt der 84-jährige Adlatus. "Wir wollen diesen jungen Mann ermutigen, sein volles Potenzial zu entwickeln." Das Publikum lacht, die Stimmung entspannt sich. Dabei haben viele Aktionäre Sorgen, wie es mit dem Konzern nach dem Chef weitergeht: "Warren Buffetts Fähigkeit, unterbewertete Unternehmen zu einem günstigen Preis zu kaufen, ist die Kernkompetenz von Berkshire Hathaway", sagt Kleinaktionär Stoller.

Viele Besucher wollen konkrete Investmenttipps: Wie lege ich einen kleinen Betrag am besten an? Sind die Kurse jetzt auf dem Tiefpunkt? "Charlie und ich haben nicht die leiseste Idee, wie sich der Aktienmarkt morgen oder nächste Woche entwickelt", sagt Buffett. "Wir sind nicht in diesem Geschäft." Er investiere nur langfristig und nur in Unternehmen, von deren Erstklassigkeit er überzeugt sei - erkennbar vor allem an einem Spitzenführungsteam. "Unser Job ist es, die besten Manager auszuwählen. Wir müssen die Leidenschaft in ihren Augen sehen", sagt der Guru. Deshalb sei Deutschland mit seinen vielen familiengeführten Mittelständlern ein attraktives Feld für ihn. "Wenn Familieneigentümer ihre Unternehmen aus irgendeinem Grund zu Geld machen wollen, sollten sie an Berkshire Hathaway denken", sagt Buffett. "Wir wollen auf ihrem Radarschirm sein." Das gelte vor allem für Maschinenbauer. "Wenn man sich Maschinen und die Ausrüstung von Unternehmen anschaut, liest man auf vielen Schildern deutsche Namen", sekundiert Munger.

Zuletzt hat er nicht immer nur gute Deals gemacht

Buffett meint es ernst. In zwei Wochen wird der 77-Jährige nach Europa reisen, um sich Unternehmen in Deutschland, der Schweiz, Spanien und Italien anzuschauen und mögliche Übernahmen zu prüfen. Wie aus seinem Umfeld verlautet, hält Buffett vor allem nach Familienbetrieben Ausschau, die ihre Nachfolgefrage noch nicht geklärt haben. So hat er es auch vor zwei Jahren bei Iscar gemacht - einem israelischen Metallwerkzeughersteller, dessen Eigentümerfamilie aussteigen, aber keinen Finanzinvestor in ihr Unternehmen lassen wollte. Buffett kaufte für damals vier Milliarden Dollar 80 Prozent der Iscar-Anteile - und spricht heute von einem "Traumgeschäft". Zuletzt hat er nicht immer nur gute Deals gemacht. Am Tag vor dem Aktionärstreffen musste Berkshire Hathaway einen Absturz des Nettogewinns um 64 Prozent bekannt geben. Statt 2,6 Milliarden Dollar wie im Vorjahreszeitraum hat das Unternehmen zwischen Januar und Ende März dieses Jahres nur 991 MillionenDollar verdient. Hauptursache ist ein Ertragseinbruch im Versicherungsgeschäft, dem wichtigsten Standbein der Gruppe. Die zehn Assekuranzen von Berkshire Hathaway, darunter die Rückversicherung General Re, haben in den vergangenen Jahren etwa die Hälfte zum Konzerngewinn beigesteuert. Diesmal aber haben sie sich bei Derivaten verspekuliert. Nach Einschätzung von Analysten wird es für Buffett schwierig, bald wieder an die alte Ertragsstärke anzuknüpfen. Die Margen im wettbewerbsintensiven Versicherungsgeschäft stünden zunehmend unter Druck, heißt es.

"An einen Verkauf sei nicht zu denken"

Die Berkshire-Hathaway-Aktie hat allerdings bislang kaum auf die enttäuschenden Zahlen reagiert. Der Kurs sank am Freitag um gerade 0,22 Prozent auf 133.600 Dollar. Und auch in Omaha spielt das Quartalsergebnis lediglich eine Nebenrolle. "Das ist nur eine kurzfristige Delle", ist Buffett-Kleinaktionärin Jennifer Bottern aus Kansas City überzeugt. Und für ihren Partner Scott Smith zählt seine persönliche Rechnung viel mehr als dieser kleine Kratzer. "Ich habe die Aktien von Berkshire Hathaway 1988 für 4900 Dollar das Stück gekauft", sagt er. "Heute sind die Papiere mehr als das 25-Fache wert. An einen Verkauf sei nicht zu denken.

Die Hauptversammlung von Berkshire Hathaway ist keine Bühne für kritische Aktionäre, scharfsinnige Analysten und smarte Fondsmanager. Unter der Schirmherrschaft des reichsten Mannes der Welt veranstalten hier kleine und große Investoren ein Happening mit Gleichgesinnten. "Das ist eine große Cocktailparty", sagt ein Aktionär. Mit einem einzigartigen Rahmenprogramm. Das Buffett-Wochenende beginnt am Freitagabend mit einem riesigen Empfang, am Samstag folgt eine Ausstellung mit Produkten der Konzerntöchter: von M&M's-Schokolinsen bis zu Kleidung von Fruit of the Loom. Am Sonntagmorgen werden die Aktionäre beim "Shareholder Shopping Day" mit Brunch Tausende von Plastiktüten wegtragen. Und am Abend lädt sie Buffett zum Abschluss noch einmal ins Steakhouse zur "Shareholder Night" ein.

Jay Gilbert, Futter- und Saatenhändler aus Kalifornien, hat 1987 die Berkshire-Hathaway-Aktie gekauft. "Ich habe damals die Buffett-Biografie gelesen, und sie hat mich überzeugt", erzählt er. Vergangenes Jahr ist er erstmals nach Omaha geflogen, jetzt ist er erneut dabei. "Ich bin hauptsächlich hier, um meine Freunde und Geschäftspartner zu sehen", sagt Gilbert. Gleich trifft er seine Kunden Kathy und Jerry Colease, Farmer aus Iowa. Und nächstes Jahr werden sie alle wieder nach Omaha kommen.

FTD

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