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Der Sinn der Schulden

Überbordende Schulden haben die Weltwirtschaft an den Abgrund geführt. Warum sich Staaten und Firmen überhaupt verschulden - und weshalb wir Bürger das besser nicht nachmachen.

Von Anna Miller

  Die deutsche Schuldenuhr tickt, die Gläubiger freut's

Die deutsche Schuldenuhr tickt, die Gläubiger freut's

  • Anna Miller

Die Welt erstickt an Schulden. Selbst der AAA-Staat Deutschland hat seit den 70er-Jahren immer mehr davon angehäuft. Waren es 1971 noch umgerechnet 3 Milliarden Euro, sind es 2011 mehr als 2 Billionen Euro. Im Vergleich zu den USA, die über 14 Billionen Dollar Schulden anhäuften, fast schon Peanuts. Überhaupt steht die Bundesrepublik damit vergleichsweise gut da, denn das Leben auf Pump hat in vielen Ländern weit mehr Hochkonjunktur als hierzulande. Schulden - schon jetzt das Unwort des Jahres. Dabei kann es sogar sinnvoll sein, sich zu verschulden. Ja, ohne Schulden würde unser System gar nicht existieren.

Das Beispiel Staat: Braucht ein Land Geld, etwa um in Infrastruktur oder Forschung zu investieren und so die Wirtschaft anzukurbeln, sind Schulden ein probates Mittel. Staaten geben daher ständig Anleihen heraus, ein fortwährender Prozess. Die Alternativen wären Steuererhöhungen, Kürzung von Sozialleistungen, Gewinne aus staatlichen Unternehmen (fällt in Deutschland kaum ins Gewicht). Die ersten beiden Punkte wirken sich negativ auf die Bürger aus, schwächen deren Kaufkraft - und benachteiligen häufig Sozialschwache. So werden Millionen Amerikaner zu spüren bekommen, dass ihr Staat nicht mehr beliebig Schulden aufnehmen kann und anderswo kürzen muss. Gerade in Zeiten einer wirtschaftlichen Krise kann es sinnvoll sein, die eigene Volkswirtschaft durch Eingriffe zu stützen, die mit Schulden finanziert werden. Beispiel in Deutschland: die Abwrackprämie von 2009, eine staatliche Subvention.

Kredite ermöglichen Expansion

Das Beispiel Unternehmen: Nehmen Firmen keine Kredite auf, können sie nicht wachsen. "Unternehmen brauchen Kredite, um sich zu erweitern", sagt der unabhängige Finanzberater Jürgen Fritz. Ohne Geld auf Pump könne eine gesteigerte Nachfrage in der Regel nicht bewältigt werden. Es ist immer dann sinnvoll, Schulden aufzunehmen, wenn das Geld so angelegt werden kann, dass damit höhere Gewinne erzielt werden, als Kredite kosten.

Aber warum nicht auf Eigenkapital setzen? Weil Fremdkapital steuerliche Vorteile bietet. Da der Gewinn durch die Aufnahme von Krediten aufgrund von Zinszahlungen und Tilgungen zurückgeht, müssen weniger Steuern gezahlt werden.

Bei börsennotierten Konzernen kommt noch ein ganz anderer Vorteil zum Zug. "Aktienunternehmen wollen gar nicht schuldenfrei sein. Damit schützen sie sich davor, Übernahmekandidat zu werden", sagt Rechtsanwalt Jörg Franzke, Spezialist für Insolvenzen. Ist eine Firma schuldenfrei, müssen keine Verbindlichkeiten übernommen werden. Konkret heißt das: Mit Schulden ist eine Firma für etwaige feindliche Übernahmen unattraktiver, da die Schulden mitübernommen werden müssten. Und die Gläubiger, in der Regel die Banken, bei einer Zerschlagung der Firma ein Mitspracherecht hätten.

Die Alternative für Aktiengesellschaften: Verkauf von Anteilen. Aber das ist weitaus kostenintensiver. Aktionäre fordern einen Anteil am Gewinn, die Ausgabe neuer Aktien verursacht Kosten (beispielsweise Provisionen für die betreuenden Banken), Aktionäre müssen betreut werden. Und: Es können nicht beliebig viele Aktien verkauft werden, da ihr Kurs aufgrund eines Überangebots in dem Fall sinken würde. Fremdkapital ist schnell, vergleichsweise günstig und unabhängig von Aktionären zu erwerben.

Privat auf pump - keine gute Sache

Das Beispiel Privatpersonen: Die Schuldenmacherei zahlt sich für die Unternehmen also aus. Für Privatpersonen aber nicht. "Sie sollten ihre Kredite besser so schnell wie nur irgendwie möglich abzahlen", rät Fritz. Denn Steuervorteile haben sie keine. Außerdem verfügen Konsumprodukte wie Autos, Reisen oder Fernseher in der Regel nicht über langlebigen Wert. "Ich kaufe also etwas auf Pump, was sich dann in Luft auflöst - zahlen muss ich aber trotzdem", sagt Fritz. Bei Grundstücken oder Häusern sei immerhin ein Gegenwert da, der veräußert werden könne.

Viele Konsumenten sind der Annahme, dass sie durch die Zinserlöse aus Geldanlagen mehr rausholen können, als die Kosten für geliehenes Kapital zu Buche schlagen. Das stimmt aber in vielen Fällen nicht. Die Geldgeber sind die Profiteure. "Das kriegen die Leute natürlich erzählt, damit die Geldgeber Gewinn machen", sagt Rechtsanwalt Franzke. Am Beispiel Autokauf sei das leicht ersichtlich: "Wenn ich sechs Prozent Zinsen für das Auto zahlen muss, müsste ich ja einschließlich Steuerabzahlung und anderer Kosten zehn Prozent an Dividende aus Aktien kriegen, damit sich das für mich lohnt. Da muss ich schon mit sehr viel Glück gesegnet sein." Gerade in der jetzigen Börsenlage höchst ungewöhnlich. Autohändler profitieren von den ungenauen Nachrechnungen der Kunden - sofern diese überhaupt nachprüfen. Oft ist dies aber nicht der Fall. Und der Autoverkäufer und Kapitalgeber freut sich. "Kaum ein Geldgeber ist daran interessiert, das Geld so schnell wie möglich zurückzubekommen. Denn die Zinsen sind für ihn eine sichere, regelmäßige Einnahmequelle", so Franzke.

Das Beispiel Banken: Sie machen erst dann richtig Kasse, wenn die Leute ihre Kredite langsam zurückzahlen. "Der beste Kunde für eine Bank ist der, der sein Konto regelmäßig überzieht", sagt Fritz. Kann der Kunde irgendwann gar nicht mehr zahlen und muss Insolvenz anmelden, wird es aber auch für die Banken ungemütlich - aber nur bei entsprechender Größe des Schuldners. Alte Regel des Gewerbes: Bei kleinen Summen hat der Gläubiger den Schuldner in der Hand - bei Riesensummen ist es genau andersherum.

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