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Davos ist "wie eine Bambi-Gala"

Das Weltwirtschaftsforum in Davos ist nur eines von vielen Treffen, auf denen sich Wirtschaftsführer, Politiker und Militärs austauschen. Als "Netzwerke der Macht" sieht sie der Reichtumsforscher Hans Jürgen Krysmanski. stern.de. sprach ihm über den Diskurs der Eliten und warum das Treffen nur eine bunte Show-Veranstaltung ist.

Herr Krysmanski, beim Weltwirtschaftsforum in Davos treffen sich die mächtigsten Manager der Welt. Die behandelten Fragen betreffen viele Menschen auf der ganzen Welt, ohne dass diese jedoch mitreden können.

Die einflussreichen Manager sitzen zugleich in vielen Aufsichtsräten und und anderen wichtigen Gremien und treffen sich da ständig, auch informell. Dazu braucht es kein Davos. Das World Economic Forum ist etwas Besonderes geworden, weil dort Spitzenmanager mit Vertretern anderer Eliten in Berührung kommen. Das ist ja gar nicht selbstverständlich.

Auf einmal tauchen da aufstrebende Politiker aus Afrika auf, die Musiklegende Brian Eno war öfter da, Hollywoodstar Angelina Jolie wird nicht fehlen, dazu Wissenschaftler, die mit konformen, aber hochinteressanten Ideen auf sich aufmerksam gemacht haben. Und nicht zu vergessen: einige wenige Milliardäre. Sie alle verständigen sich selbstverständlich über Fragen, die jeden Menschen auf der Welt betreffen, aber es ist ein Diskurs unter Eliten für Eliten. Wenn dabei etwas für die Massen "abfällt", ist das eher Zufall.

Davos ist nur eines von mehreren privaten Treffen von Unternehmern, Militärs und Politikern wie zum Beispiel die geheime Bilderberg-Konferenz. Sehen so die Netzwerke der Reichen und Mächtigen aus?

Davos ist ein Symbol für die Privatisierung der Macht. Schon längst sind große transnationale Konzerne mächtiger als die meisten Regierungen, ganz zu schweigen von Parlamenten. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett sagt, der moderne Kapitalismus sei in seiner Grundtendenz antidemokratisch.

Politische Macht ist abgewandert in die Finanzsphäre und in die Hände einer neuen Managerklasse, die über informelle Netzwerke weltweit politisch wirksam wird. Politische Macht ist unsichtbar geworden und zugleich weiß Jedermann, dass es sie gibt. Deshalb wird diese neue Form der Macht in prächtigen Schaubildern inszeniert. Dem dient zum Beispiel Davos. Während die Bilderberger schon ein bisschen altmodisch sind.

Diese privaten Konferenzen sind ein gefundenes Fressen für Verschwörungstheoretiker. Warum?

Ich habe mir ein Zitat aus der britischen Wochenzeitung "The Economist" aus dem Jahre 2000 aufgehoben: Man nehme die Bosse der tausend größten Unternehmen der Welt, die für vier Fünftel der weltweiten Industrieproduktion verantwortlich sind, dazu 33 nationale Spitzenpolitiker, darunter den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Dann versammle man sie in einem abgeschiedenen Schweizer Ski-Urlaubsort, umgeben von bewaffneten Polizisten. Ist es dann verwunderlich, dass das jährliche World Economic Forum für manche ein Indiz dafür geworden ist, dass es eine globale Wirtschaftsverschwörung gibt, angestiftet von weißen Männern in dunklen Anzügen, den Herren der multinationalen Konzerne dieser Welt? In den letzten acht Jahren haben die Veranstalter des Forums allerdings viel gelernt: inzwischen ist es eine PR-Veranstaltung für das herrschende Wirtschaftssystem, bunt und medienwirksam wie eine Bambi-Gala.

Kritiker bemängeln eine fehlende demokratische Legitimation von privaten Treffen wie in Davos. Ist diese Kritik berechtigt?

Von privaten Treffen eine demokratische Legitimierung zu verlangen, ist ein Widerspruch in sich. Selbstverständlich dürfen sich unsere Eliten, wenn es ihnen Spaß macht, auch ohne Parlamentsbeschluss treffen. Ich glaube auch nicht, dass es den Kritikern darum geht. Was eingefordert wird, ist der Primat der Politik, wenn es um Entscheidungen geht, die uns alle und die ganze Menschheit betreffen. Dieser Primat der Politik aber wird derzeit in einem erschreckenden und noch gar nicht begriffenen Ausmaß ausgehöhlt.

Und zwar alltäglich und gerade auch in den Bollwerken der westlichen Demokratie, ob das die USA, Großbritannien, Italien oder auch die Bundesrepublik sind. Davos ist dafür nur ein Symptom. Und ein gar nicht mal so unsympathisches, denn es gibt dort gelegentlich Diskussionen, die vom Niveau her weit über den Talkshows unseres öffentlichrechtlichen Fernsehens stehen.

Sie forschen über Reiche und Superreiche. Mangelt es hier an Wissen?

Ganz ohne Frage. Die Macht des Geldes, die Einflussnahme auf politische Entscheidungen durch Geldmacht verlangt nach Verschwiegenheit. Private Macht will privat bleiben. Das ist sogar verständlich. Wir Soziologen, die wir die Gesellschaft transparent machen wollen, die wir alles "veröffentlichen" wollen und von unseren Traditionen her eine öffentliche Wissenschaft sind, haben damit ein Problem. Carl Schmitt, der berühmte Staatsrechtler und politische Philosoph, schrieb einmal: "Elite sind diejenigen, deren Soziologie keiner zu schreiben wagt."

Werden auf Großveranstaltungen wie Davos wirklich wichtige Entscheidungen getroffen oder sind das nur Debatten und Diskussionen ohne realpolitische oder wirtschaftliche Folgen?

Das hängt davon ab, wie man Entscheidungsprozesse sieht. Wenn diese tatsächlich von informellen Netzwerken dominiert werden, basieren auch die einzelnen Entscheidungen auf persönlichen Kontakten, auf Kompromissen, Emotionen, Zufällen, Irrationalitäten - so lange das System dadurch nicht gefährdet wird. Insofern ist Davos auch ein Ort, an dem Entscheidungen zumindest vorbereitet werden können. Nach dem Muster: man trifft sich an der Bar, hat einen Geistesblitz und beauftragt dann die jeweiligen Untergebenen, die Sache auszuarbeiten. Und wie gesagt: sich kulturelle, wissenschaftliche, politische und exotische Diskussionspartner heranzuholen, ist keine schlechte Idee der wirtschaftlich Mächtigen. Das wussten auch schon die Könige und Fürsten der Vergangenheit.

Sind es nicht eher kleine persönliche Netzwerke, in denen Reiche und Mächtige Entscheidungen treffen?

Für mich sind solche Veranstaltungen wie Davos eingebettet in das historisch einmalige Phänomen der Konzentration von immer mehr Reichtum in ganz wenigen Händen. Wir sprechen von tausend bis zweitausend Milliardären, von hundert- bis zweihunderttausend Personen mit einem frei verfügbaren Geldvermögen von je über 30 Millionen Dollar weltweit. Das ist eine winzige Gruppe. Und doch scheint der auf dieser Welt produzierte Reichtum in diese Richtung zu fließen, wobei selbstverständlich die nach Millionen zählenden Hilfseliten, die diese Gruppe umgeben und schützen, noch hinzuzurechnen sind: hochbezahlte Manager, Finanzberater, Politiker und Experten.

Gerade die neuen Kommunikations- und Informationstechnologien machen es möglich, dass heute so wenige so viele kontrollieren können, dass so wenige so vielen den eigenen Willen schmackhaft machen können. Kleine persönliche Netzwerke, bei denen sich Geldmacht nun einmal angesammelt hat, setzen durch weltumspannende Kommunikationstechniken ihre eigenen, privaten Interessen unkontrolliert durch. Diese Kombination ist neu. Sie ist nicht stabil. Sie macht die Welt nicht besser, trotz aller sogenannten Philanthropie. Wir müssen uns mit dieser Struktur auseinandersetzen und diese Diskussion letztlich auch nach Davos tragen.

Interview: Rudolf Stumberger

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