Zur mobilen Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere Darstellung
auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
Startseite

Die Blogger erobern Davos

Blogger erobern das elitäre "Weltwirtschaftsforum" in Davos: Erstmals gibt es eine Seite, die Infos über die Debatten mit Vor-Ort-Berichten namhafter Blogger und Vlogger und allen Spielarten von "Youtube" und "Second Life" verknüpft.

Von Florian Güßgen

Jeff Jarvis ist gerade erst angekommen. Es ist sein erster Tag in Davos. Aber egal. Er hat eine Mission. Und deshalb nimmt er erst einmal ein kleines Video von sich auf, erzählt was ihm bislang passiert ist - und stellt es auf seine Blog-Seite "BuzzMachine.com." Sein Hotelzimmer sei gar nicht mal so schlecht, erzählt Jarvis, der Amerikaner, der Blogger, Professor, Medienexperte und Journalist. Und auch der Empfang am ersten Abend sei nicht übel gewesen.

Klaus Schwab, Gründer und Organisator des "Weltwirtschaftsforums" in Davos, habe es sich nicht nehmen lassen, jeden Gast persönlich per Handschlag zu empfangen. Das sei schon was. Es gebe unendlich viele Networking-Möglichkeiten, wichtige Leute überall. Er fühle sich wie ein Fisch, der sich verschwommen habe, berichtet Jarvis. Dann schneidet er einen kleinen Schwenk über die Schweizer Alpen in sein Filmchen, vom Bus aus aufgenommen. Es wackelt fast gar nicht.

Es wirkt freilich alles noch ein wenig improvisiert, technisch unvollkommen. Aber vielleicht ist das auch gewollt, denn auf dem diesjährigen "Forum" gibt es eine spannende Neuerung: Die Blogger sind da, zumindest ein paar. Unter dem Titel "Davos Conversation" haben Schwab und sein Organisationsteam ein Projekt gestartet, das der Welt so etwas wie einen Live-Zugang zum elitären Treffen der reichen und mächtigen Entscheider verschaffen soll, eine Art Mitmachmöglichkeit.

Vloggen im Kerzenlicht

"Das ist das erste Experiment, die Diskussion auf dem Forum für die breite Öffentlichkeit zu öffnen", sagt Claudia Gonzalez am ersten Abend des Forums bei einem Empfang für die Blogger. Jarvis hat Gonzales bei ihrer Rede gefilmt. Und weil das Licht in dem Saal nicht reichte und seine Kamera keine Scheinwerfer hat, musste sich Gonzalez eben eine Kerze vors Gesicht halten.

Zentraler Anlaufpunkt des Projekts ist die Seite "davosconversation.org." Dort gibt es ein paar feste Blogs, die mitmachen - Jarvis mit seiner "Buzzmachine.com", die "huffingtonpost.com" von Arianna Huffington, die britische "BBC" und der britische "Guardian." Über die Blog-Suchmaschine "Technorati" werden dann noch weitere Blogs aus der ganzen Welt eingefüttert, die sich mit den in Davos diskutierten Themen befassen.

Reuters wirbt mit Second-Life-Büro

Ein besonderes Gimmick für die Seite hat sich zudem die Nachrichtenagentur Reuters einfallen lassen. Sie berichtet für das Online-Rollenspiel "Second Life" aus ihrem Davoser "Second-Life"-Büro, das von einer fiktiven Figur namens Adam Reuters, wem sonst, geleitet wird. Das alles rahmt Videos und Links zu den einzelnen Veranstaltungen und Debatten ein, etwa zur Eröffnungsrede von Kanzlerin Angela Merkel.

Das Projekt ist ein spannender Versuch, die "Youtube"- und-Blogger-Gemeinde in Davos einzubinden. Dabei ist klar, dass es sich um ein kontrolliertes Experiment handelt. Es sind etablierte Blogger, die hier antreten, nicht Kreti und Pleti. Jarvis etwa wurde just dieser Tage vom "Forbes"-Magazin zu einem der 25 wichtigsten Internet-Stars erklärt, und Huffington ist in jeder US-Talk-Sendung als politische Kommentatorin willkommen. Sie gehörte zur politischen Klasse, bevor sie mit dem Bloggen begann. Auch sind es westliche, englischsprachige Blogs, die zu den Gesetzten gehören. Aber, was soll's. In den USA haben Blogs ohnehin einen anderen Stellenwert als etwa in Deutschland.

Merkel - rhetorisch pfui, inhaltlich hui

Auf den Seiten sind, fast in Echtzeit, Berichte von den wichtigsten Debatten zu finden. Wenn etwa die Bosse über die Frage streiten, wer das Internet kontrolliert, sitzt Jarvis, Rechner auf dem Schoß dabei. Oder wenn Michael Chertoff, der Chef der US-Heimatschutzbehörde mit David Cameron, dem Chef der britischen Konservativen, über die Herausforderung des Terrorismus debattiert. Brillant sind die Blogs des "Guardian". Dort schreibt etwa der kluge Historiker Timothy Garton Ash über neue Formen der Macht, die sich in Davos offenbaren, über die neue Macht etwa, die ihre Energieressourcen den Russen bescheren. Londons linker Bürgermeister Ken Livingston erzählt, wie ihn die Forums-Leute bei seiner Ankunft in Zürich fast in einen Wagen mit Cameron gesteckt hätten - und was er diesem auf der Fahrt gesagt hätte. Und Julian Glover behauptet, Angela Merkels Eröffnungsrede sei zwar rhetorisch erschreckend langweilig gewesen - aber, hey, es komme ja nicht darauf an, wie jemand etwas sage, sondern was er sage. Und da sei Merkel beachtlich gewesen.

Auffallend ist, mit welchem Selbstbewusstsein und mit welcher Selbstverständlichkeit die neuen Medien, die neuen Formen der Kommunikation, sich nun auch in Davos breit machen - und breit machen dürfen. Das wird etwa deutlich, wenn man Arianna Huffington in einem Interview lauscht, das sie Adam Reuters gibt, jenem fiktiven Reuters-Büroleiter, der für das Rollenspiel "Second Life" berichtet. Man sieht eine Trickfigur, die Huffington ähnelt, die von einem jungen Journalisten interviewt wird, ebenfalls einer Trickfigur. Darüber haben sie das Original-Gespräch gelegt.

"Da gibt es kein Vertun. Das bleibt"

Ob sie glaube, dass die Forum-Organisatoren die Blogger für sich vereinnahmten, wird Huffington gefragt. Nein, antwortet sie, das glaube sie nicht. Es sei wirklich etwas Dramatisches geschehen: Die Blogger seien mittlerweile eine echte alternative Informationsquelle zu den etablierten Medien. "Da gibt es kein Vertun. Das bleibt", sagt sie. "Darüber muss nicht diskutiert werden."

Allerdings, sagt Huffington, sei auch die Blogger-Welt nicht statisch. Die Blogs veränderten sich. Sie müssten präziser sein als früher, besser. Und dann wechselt sie sofort zu neuen Formen der Kommunikation und ihren Auswirkungen auf die Politik. Sie, jedenfalls, rechne etwa fest damit, dass sowohl Hillary Clinton als auch Barack Obama, die sich im kommenden Jahr beide um die Kandidatur der Demokraten für die Präsidentschaftswahl 2008 streiten, bald in "Second Life" auftreten würden, sagt Huffington.

Von Menschen auf Gipfeln und in Tälern

Der Filmemacher, Medienkritiker und Blogger Danny Schechter von der linken Seite "newsdissector.org" ist übrigens in New York geblieben. Gehindert hat ihn das nicht, vorab einmal ein kleines Video zu seiner Sicht des Davos-Konversations-Projektes ins Netz zu stellen. Sie seien selbst schon vor Jahren dort gewesen, berichten Schechter und sein Kollege Rory O'Connor.

Man habe festgestellt, berichte O'Connor ohne den Mund zu verziehen, dass "die Leute, die nach Davos fahren, nicht zwingend böse sein müssen - oder gar der Feind." Deshalb würden sie das Konversationsprojekt begrüßen. Es bringe mehr Stimmen, mehr Meinungen in die alpine Davoser Welt. "Davos begann als ein Management-Seminar" doziert Schechter. "Es ging um freie Märkte. Wir müssen jetzt anfangen, über Freiheit zu sprechen, nicht nur über die Freiheit der Märkte. Über die Meinungsfreiheit etwa. Die Menschen auf den Berggipfeln in Davos müssen den Menschen in den Tälern zuhören", sagt Schechter. Noch steht die Bewertung aus, ob das Weltwirtschaftsforum tatsächlich eine neue Form des Dialogs schafft - oder sich einige Blogger einfach für einen guten Werbegag mit viel Spielzeug einspannen lassen.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools